Nicht jeder Chef ist ein Klassenfeind

Von: Jan Mönch
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Noch immer können Gewerkschaften die Straßen in Rot und Weiß tauchen: So geschehen jüngst in Berlin, wo gegen die Klimaabgabe protestiert wurde. Foto: stock/Rainer Weisflog
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Haben sich über Jahrzehnte für die Belange ihrer Kollegen eingesetzt: Jürgen Schmidt (links) und Fred Fröschen. Foto: Jan Mönch

Übach-Palenberg. Worum es auch geht: Zumindest ganz subjektiv und ohne nähere Überprüfung kann man den Eindruck gewinnen, dass beinahe jede Institution an einem gewissen Bedeutungsverlust zu knabbern hat. Was bei den Kirchen anfängt, zieht sich durch Karnevals-, Schützen- und Fußballvereine und macht auch vor den Gewerkschaften nicht Halt.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) als größter Dachverband stand Ende 2012 bei der niedrigsten Mitgliederzahl seit Mitte der Fünfzigerjahre. Und doch zeigt sich ja ganz aktuell beim Wirbel um die Braunkohle, dass die Arbeitnehmervertreter immer noch in der Lage sind, die Massen zu mobilisieren und die Politik in Verlegenheit zu bringen. „Sobald es an die Substanz geht und wenn Interessen aufeinanderprallen, dann wird immer noch zusammengestanden“, schätzt Fred Fröschen.

Aktiv in der Ortsgruppe

Fröschen ist in Übach-Palenberg gut bekannt als Ratsherr der CDU, und trotz seiner politischen Überzeugung ist er zugleich altgedienter Gewerkschafter: Ab Beginn der Siebziger vertrat er als Mitglied der IG Chemie-Papier-Keramik im Betriebsrat der Vereinigten Glaswerke (Vegla) Herzogenrath die Interessen seiner Kollegen. Dort lernte er auch Jürgen Schmidt kennen, der es bis in den Aufsichtsrat und den Europäischen Betriebsrat des Mutterkonzerns St. Gobain Sekurit schaffen sollte. Mittlerweile sind beide im Ruhestand, aber nach wie vor aktiv in der Ortsgruppe Frelenberg-Geilenkirchen der IG BCE, Schmidt als Vorsitzender. IG BCE heißt die Gewerkschaft seit mit der IG Bergbau und Energie fusioniert wurde.

Es sei nicht immer leicht, die aktuell immerhin 238 Mitglieder der Ortsgruppe zu mobilisieren, berichten Schmidt und Fröschen. Das zeige sich unter anderem bei den sehr mäßig besuchten Mitgliederversammlungen. „Vielleicht geht es den Leuten auch einfach etwas zu gut, um sich in der Gewerkschaft wirklich zu engagieren“, schätzt Fred Fröschen. Andererseits kann er mindestens ein „zartes Pflänzchen“ nennen, das unter den Belegschaften der Unternehmen der Region wachse.

Während Fröschen über Jahrzehnte als Ansprechpartner vor Ort für seine Kollegen eintrat, war Jürgen Schmidt nah dran am Puls der Globalisierung. Nie hätte man es für möglich gehalten, dass Autoglas aus China den eigenen Produkten Konkurrenz machen könnte, erinnert er sich, zu teuer schien der Transport um die halbe Welt. Doch dann kamen die Reeder auf die Idee, dass das schwere Autoglas doch wie geschaffen dafür ist, um im Rumpf eines Ozeanriesen für einen tiefen Schwerpunkt zu sorgen. Prompt bekamen die Chinesen Sonderkonditionen, Autoglas aus Fernost schaffte es auf den europäischen Markt. Wo bleiben da die Interessen der Arbeitnehmer? Diese Frage trieb Schmidt viele Jahre lang um. Noch doller sei es geworden, als die Chinesen selbst Werke in Osteuropa eröffneten.

Zudem standen die Glaswerke immer in direkter Abhängigkeit der Automobilindustrie. Herrschte dort Konjunktur, war Verlass darauf, dass auch bei Vegla keine Langeweile aufkam. Personal her!, konnte da natürlich nur Schmidts Forderung lauten. Als Druckmittel, berichtet er, habe man stets ins Feld führen können, dass ja die Resturlaubstage innerhalb des ersten Quartals aufgebraucht sein mussten. „40 Mann waren unser Ziel, also haben wir 80 gefordert. 50 sind es dann geworden“, gibt er Einblick in die gewerkschaftliche Verhandlungsstrategie. Schlimme Erfahrungen seien natürlich Werksschließungen oder Stellenabbau gewesen, die sich nicht immer verhindern ließen.

Fröschen hingegen stand mit Direktoren wie einfachen Mitarbeitern vor Ort in ständigem Kontakt. Viele Mitarbeiter von Vegla reisten täglich mit dem Bus auch aus den besonders konservativen Teilen des Kreises Heinsberg an. „Für viele hatte es etwas Anrüchiges, in der Gewerkschaft zu sein“, erinnert er sich. „Das war etwas für Sozialdemokraten.“ Es habe sich dann aber rumgesprochen: Der Fred ist einer von uns. So war es natürlich auch für die Gewerkschaft gut, dass sie mit ihm einen in ihren Reihen wusste, der politisch ein Schwarzer und kein Roter war.

Kritischer Blick auf den Wandel

So ist Fröschen keiner dieser Gewerkschafter, der jeden als Klassenfeind betrachtet, in dessen Tasche das fließt, was in den Betrieben erarbeitet wird. Einen kritischen Blick auf den Wandel der Arbeitswelt hat er trotzdem. Er erinnert sich daran, wie ihm ein Personalchef seinerzeit erklärte, dass er womöglich nicht alle 2000 Mitarbeiter der Glaswerke beim Namen kenne. Aber er wisse doch über jeden Einzelnen grob bescheid. Dieser war vielleicht gerade Witwer geworden, jener hatte vielleicht ein krankes Kind – Wissen, das Entscheidungen mit Fingerspitzengefühl ermöglichte und eine persönliche Beziehung zu den Mitarbeitern. Fröschen glaubt, dass ein solcher Bezug zwischen „oben“ und „unten“ nicht mehr der Normalfall ist. Was die Gründe betrifft, will er sich nicht festlegen. Aber eine Ahnung hat er doch: „Früher hatten die Direktoren wohl freiere Hand bei dem, was sie taten. Und vielleicht waren sie nicht so darauf bedacht, selbst viel zu scheffeln.“

Er selbst habe sich immer an einer grundlegenden Betrachtungsweise orientiert, die ihm sein gewerkschaftlicher Ziehvater Edmund Szymanski mit auf den Weg gegeben habe: „Der Wohlstand der Unternehmer setzt sich zusammen aus vorenthaltenen Löhnen. Doch wenn es dem Unternehmer schlecht geht, dann laufen wir alle vor die Wand.“ Das soll wohl so viel besagen wie: Man muss immer beide Seiten sehen.

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