Geilenkirchen - Nicht gezahlte Löhne: Zentec-Mitarbeiter klagen am Arbeitsgericht

Nicht gezahlte Löhne: Zentec-Mitarbeiter klagen am Arbeitsgericht

Von: Jan Mönch
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Automobilzulieferer Zentec: Zwei Standorte liegen in Geilenkirchen-Niederheid, einer in Heinsberg. Foto: Jan Mönch

Geilenkirchen. Das alte Jahr endete bei der Firma Zentec mit allerhand guten Wünschen. In einem Schreiben an die Mitarbeiter bedankte Geschäftsführerin Andrea Lengeling sich für die geleistete Arbeit und die „Loyalität und Unterstützung“ ihrer Belegschaft. 2018 wollte man nun mit „wiedergewonnener Stärke“ beginnen.

So oder so ähnlich klingt es zum Jahreswechsel in vielen Unternehmen, und die warmen Worte wären nicht weiter der Rede wert, hätte die Firma nicht kurz vor Heiligabend äußerst negative Schlagzeilen geschrieben. Ausgerechnet in der Weihnachtswoche erachtete man bei der Gewerkschaft IG Metall in Aachen das Fass für übergelaufen, das sich in den zwei vorangegangenen Jahren Tropfen für Tropfen gefüllt hatte.

Hatte man sich bis dahin immer wieder hinter den Kulissen Scharmützel mit der Unternehmensleitung geliefert, griff man nun zum wohl schärfsten Schwert, das man als Gewerkschaft hat, und ging an die Öffentlichkeit: Bei Zentec würden Löhne nur unregelmäßig, in Abschlägen und jüngst gar nicht mehr bezahlt, hieß es in einer Pressemitteilung. Betroffen waren demnach Mitarbeiter an den beiden Standorten in Geilenkirchen-Niederheid sowie in einem kleineren Werk in der Heinsberger Industriestraße.

Das ist vier Wochen her. Und nun ist wieder alles in Ordnung?

Die IG Metall widerspricht

Die Geschäftsführung des Automobilzulieferers scheint dieser Ansicht eher exklusiv zu sein. Gewerkschaftssekretärin Martina Weber sind nach wie vor zahlreiche Mitarbeiter bekannt, die nicht oder nicht in vollem Umfang bezahlt worden sind. Mehrere Zentec-Mitarbeiter bestätigten unserer Zeitung dies auch selbst. Dazu passt denkbar gut, dass die Mitarbeiter des Werkes in der Industriestraße in Heinsberg am Mittwoch die Arbeit niederlegten. Über allem schwebt die bange Frage: Ist die Geilenkirchener Zentec Automotive GmbH überhaupt noch zahlungsfähig?

Eine bayerische Tochter jedenfalls hat den Betrieb bereits eingestellt. Und die Gewerkschaft ist offenbar nicht mehr der einzige Akteur, der sich mit Zentec beschäftigt. Die Staatsanwaltschaft teilte am Donnerstag auf Nachfrage zwar mit, dass ihr aktuell keine Anzeige vorläge. Sie beobachte die Vorgänge jedoch und prüfe aufgrund der öffentlich gewordenen Vorwürfe, ob von Amts wegen ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung eingeleitet werden müsse.

Und auch das Finanzamt soll nach Informationen unserer Zeitung bereits bei Zentec vorstellig geworden sein. Die Behörde kommentierte diese Information gegenüber unserer Zeitung nicht und verwies auf ihre Verschwiegenheitspflicht.

Von außen ist es nicht ganz einfach, sich ein Bild über die Gesamtlage zu verschaffen. Gewerkschafter, Gerichte und jede infrage kommende Behörde müssen separat angefragt werden. Das Aachener Arbeitsgericht etwa teilte auf Nachfrage mit, dass zahlreiche Verfahren wegen nicht gezahlter Löhne anhängig seien. Eine genaue Zahl konnte am Donnerstag kurzfristig nicht ermittelt werden, es seien aber zumindest mehr als zwei Dutzend.

Auch das Arbeitsgericht in Koblenz, wo Zentec einige Mitarbeiter beschäftigt, bestätigte, dass ein Angestellter wegen nicht erhaltener Löhne erfolgreich geklagt habe. Das Urteil sei rechtskräftig, zwei weitere Verfahren anhängig. Über ein umfassendes Bild dürfte einzig die Unternehmensleitung verfügen, die sich diese Woche zu konkreten Fragen jedoch nicht mehr äußern wollte.

Durch den Gang an die Öffentlichkeit hat Gewerkschaftssekretärin Martina Weber viel in Bewegung gesetzt. So kam auch ans Licht, dass das bayerische Tochterunternehmen kürzlich geschlossen hat. Es handelt sich dabei um die Firma Ilst aus Treuchtlingen in Mittelfranken, die laut einem Bericht des Nordbayerischen Kuriers 2009 zunächst als Auffanggesellschaft aus einer Firmenpleite hervorging und dann 2011 von Zentec übernommen wurde.

Wie aus dem Bericht weiter hervorgeht, ist das Werk mittlerweile geschlossen. Was sich zuvor abgespielt haben muss, gleicht den Schilderungen aus Geilenkirchen in frappierender Weise: Löhne wurden nicht ausgezahlt, es kam zu arbeitsgerichtlichen Auseinandersetzungen, und wer sich als Vermittler versuchte, wie etwa der Treuchtlinger Bürgermeister, biss auf Granit. Nach Angaben der Zeitung soll die Firma auch Rechnungen für den Strom nicht gezahlt haben, woraufhin dieser abgedreht wurde und die Produktion stillstand. Haben die bayerischen Mitarbeiter das hinter sich, was den hiesigen bevorsteht?

In dem obengenannten Schreiben der Geschäftsführung an die Mitarbeiter, das unserer Zeitung vorliegt und auf den 27. Dezember datiert ist, ist davon nichts zu spüren. Durch den Verkauf eines Sportplatzes im Gewerbegebiet könne man die ausstehenden Löhne „zeitnah anweisen“, die Beschäftigten dürften versichert sein, dass „die Dinge ab sofort wieder ins Lot kommen“, schreibt Geschäftsführerin Lengeling darin. „Ihre gute Arbeit verdient einen guten Lohn, der Ihnen auch pünktlich zukommen muss.“ Dazu solle auch die Aufnahme eines weiteren Eigentümers in den Gesellschafterkreis beitragen.

Diese optimistische Darstellung verträgt sich schlecht mit den Schilderungen verschiedener Mitarbeiter, mit denen unsere Zeitung unabhängig voneinander gesprochen hat. Mittlerweile könne man nicht einmal mehr telefonieren, weil gegenüber dem Anbieter die Rechnungen nicht bezahlt worden seien, heißt es. Selbst einfachste Anschaffungen wie Mülltüten oder Briefmarken würden nicht mehr getätigt.

Trotz der Probleme würden noch immer neue Mitarbeiter eingestellt. Insgesamt soll die Belegschaft sich auf rund 120 belaufen, viele hätten nur aus Angst, keine neue Anstellung mehr zu finden, noch nicht gekündigt, andere hofften, dass bald Insolvenz angemeldet werde und sie so über das Arbeitsamt zumindest an einen Teil ihres Geldes kommen.

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