Naturschützer beklagen Insektensterben: Blühwiesen in Geilenkirchen

Naturschützer besorgt über Insektensterben: Blühwiesen für Geilenkirchen

Von: Udo Stüßer
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Wolfgang Davids hat eine Blühfläche in seinem Garten angelegt. Im Sommer leuchten hier alle Farbtöne. Foto: Udo Stüßer
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Sogar Ende November blühen manche Pflanzen in Wolfgang Davids Blühfläche. Foto: Udo Stüßer
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„Verbrannte“ Erde hat der todbringende Mulcher entlang der Aachener Straße geschaffen. Foto: Udo Stüßer

Geilenkirchen. Wolfgang Davids liebt die Natur. Er ist seit 35 Jahren Mitglied im Bund für Umwelt und Naturschutz und seit 36 Jahren Jäger. Seinen Arbeitstag verbringt der Geilenkirchener im Wald. Wolfgang Davids ist gelernter Forstwirt. „Ich beobachte die Natur, und was ich hier sehe, regt mich zum Nachdenken an.“

Was der Naturfreund immer weniger sieht, aber umso mehr vermisst, sind blühende Landschaften mit einer Blumenvielfalt, das sind aber auch Bienen und Insekten. „Fachleute sagen, dass die Zahl der Insekten in den vergangenen Jahren um 70 bis 80 Prozent zurückgegangen sind“, sagt der 53-Jährige.

Doch wer trägt die Schuld an dem Insektensterben? „Landwirte haben natürlich eine große Schuld, aber da stecken wirtschaftliche Zwänge hinter. Eine andere Ursache ist die massiv übertriebene Pflege von nicht wirtschaftlich genutzten Flächen“, sagt Davids. Damit meint er Regenrückhaltebecken, Straßen- und Wegeränder und unbebaute Flächen in neuen Industrie- und Baugebieten. „Überall ist Wildwuchs den Menschen ein Dorn im Auge“, bedauert Davids.

Früher, so erklärt er, seien die öffentlichen Grünflächen mit der Sense, später mit dem Balkenmäher bearbeitet worden. „Mit der Sense oder dem Mäher trennt man die Pflanze ab, sie fällt auf den Boden. In der Wiese lebende Tiere, laufen, fliegen, hüpfen oder springen weg.

Auf jeden Fall werden sie nicht getötet“, sagt Davids. Der moderne Mulcher hingegen sei eine Maschine, die die Mäharbeiten perfekt mache. „Mit den Ketten des Mulchers wird alles zerschlagen, der Mulcher lässt nichts übrig, auch kein Leben“, ärgert sich der Naturschützer, dem besonders die modernen Mulcher ein Dorn im Auge sind, die technisch in der Lage sind, Böschungen hochzufahren.

Ein Mulchverbot ist nötig

„Da wäre früher doch nie gemäht worden. Jetzt, im Herbst, ist alles platt. Das gesamte Leben ist zerstört. Tiere finden kein Versteck mehr. Und dabei geht es den Menschen nur um die Optik“, sagt er und macht auf die Konsequenz aufmerksam: „Wenn die Biene nicht mehr den Obstbaum befruchtet, gibt es keine Äpfel.

Insekten sind Lebensgrundlagen, der Anfang der Naturkette“, erklärt er. Der junge Fasan, so weiß Davids, brauche in den ersten 20 Tagen tierisches Eiweiß, das er durch Insekten aufnehme. „Dieses Eiweiß ist wichtig, damit er früh fliegen kann. Das gilt aber auch für Kiebitze, Feldlerchen, Fasane und den Hausspatz.“

Davids Forderung ist ganz klar: „Ein Mulchverbot muss her, denn es ist ein Wahnsinn, was in der Natur passiert.“ Das Problem, so weiß Davids, ist auch in der Politik bekannt. Davids weiß aber auch: „Wenn der 14. Bürger anruft, weil es nicht ordentlich an Straßen- und Wegerändern aussieht, knickt der Politiker ein.“ Und die Mulchmaschine nimmt ihre Arbeit auf.

In der Geilenkirchener Politik ist das Insektensterben durch einen Antrag der Grünen angekommen. Da Insekten zunehmend Probleme mit der Nahrungsbeschaffung haben, fordern die Grünen, Blühstreifen und Blühflächen anzulegen. „Unbestritten ist, dass der Bestand von Bienen, Wildbienen und Insekten in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich gesunken ist und dadurch die von ihnen zu bestäubenden Pflanzen stark gefährdet sind. Schmetterlinge und Falter sind rapide im Rückgang begriffen“, begründet Grünen-Fraktionschef Jürgen Benden. Und: „Die Schmetterlings-Populationen auf Wiesen haben sich seit 1990 halbiert.“

Ein Blickfang

Auch in Geilenkirchen bestehe durch intensive Landwirtschaft, wenig Wald und durch die Ausweisung von Baugebieten eine Nahrungsknappheit für Bienen und andere bestäubende Insekten. Auch die immer weiter umgreifende Tendenz hin zu „steinernen Gärten“ sei zu beklagen. Abhilfe könne das Anlegen von Blühstreifen und Blühflächen schaffen, wie sie mittlerweile schon in vielen Städten angelegt würden.

„Mittelinseln, Kreisverkehre, Straßenränder und Straßenbankette, Fahrrad- und Fußwege sowie Teilbereiche von Park- und Ausgleichsflächen können sich so in bunte Blumenwiesen verwandeln. So werden sie zum einen attraktiv und zum anderen ganzjährig eine umfangreiche Nahrungsquelle für Vögel, Insekten und kleine Säugetiere“, schreibt Benden in seinem Antrag. Durch eine individuelle Gestaltung nach Farbe, Duft, Wuchshöhe und eine standortspezifische Eignung sei beides, Funktionalität und Ästhetik, zu erreichen. Die entstehenden Flächen seien Blickfang und naturverbundenes Aushängeschild für die Stadt.

Wolfgang Davids hat auf seinem Grundstück an der Aachener Straße neben einem konventionellen Rasen selbst eine Blühfläche angelegt. Mit der Samenmischung „Blühende Landschaft“ hat er 45 verschiedene Wildblumen und Kulturpflanzen in allen Farben und Größen in den Boden gebracht, die von Mai bis zum Frosteinbruch blühen. Im Winter sehen Blühstreifen etwas unattraktiv aus. „Dann werden die Anrufe im Rathaus nicht ausbleiben“, warnt Davids jetzt schon.

40 Euro hat er für das Kilogramm bezahlt. Er versichert aber auch, dass klamme Kommunen es günstiger handhaben könnten. Saatgut gebe es schon für ein paar Euro, aber halt nicht so artenreich. Die anschließende Pflege der Blühstreifen sei für die Kommunen dann nicht mehr so aufwendig wie der Einsatz des Mulchers. Von erheblichen Mehrkosten könne keine Rede sein.

Zustimmung im Ausschuss

Im Umwelt- und Bauausschuss stieß der Antrag der Grünen am Dienstagabend auf breite Zustimmung. „Die CDU findet den Antrag gut. Auch uns ist die Problematik geläufig. Es ist gut, wenn die Stadt einen Beitrag leistet, dem entgegenzuwirken“, sagte Barbara Slupik. Und Wilfried Kleinen, Fraktionschef von „Geilenkirchen bewegen! und FDP“ meinte: „Wir finden den Antrag gut.

Wir laufen ja auch nicht blind durch die Welt. Aber was kostet es? An der Grünflächenpflege haben wir in den vergangenen Jahren eingespart. Die Kosten dürften aber kein Grund sein, den Antrag abzulehnen.“ Mit den Kosten und infrage kommenden Flächen wird sich nun erst einmal die Verwaltung beschäftigen.

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