Nadine Gärtner hält nicht viel von Kuschelpädagogik

Von: Udo Stüßer
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„Mobbing gibt es in allen Schulen“, bedauert Nadine Gärtner. Die Antigewalt- und Deeskalationstrainerin bietet mittlerweile Kurse für ganze Schulklassen an. Foto: Copyright: imago/imagebroker
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Nadine Gärtner liebt die Musik: Im Jugendheim „Zille“ geht es meist fröhlich zu. Foto: Georg Schmitz

Geilenkirchen. Von Kuschelpädagogik hält Nadine Gärtner nicht viel. Sie ist eher eine Verfechterin der konfrontativen Pädagogik. „Gekuschelt werden darf da auch, aber der Jugendliche muss schon in der richtigen Spur laufen“, sagt die Leiterin der offenen Jugendeinrichtung „Zille“ in Geilenkirchen und betont: „Eine gerade Linie mit Herz ist der Leitsatz der konfrontativen Pädagogik.“

Die gelernte Erzieherin, diplomierte Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin, Anti-Gewalt- und Fitnesstrainerin ist für viele Kinder und Jugendliche, die die Einrichtung der evangelischen Kirche besuchen, Vertrauensperson. Trotz der Wärme, die sie ausstrahlt, ist sie aber auch konsequent und führungsstark. Das muss sie angesichts der vielfältigen Aufgaben sein: Erst ist sie Anti-Gewalttrainerin im Anti-Mobbing-Kurs, eine Stunde später Trainerin und Schiedsrichterin auf dem Fußballfeld, und am Abend hat sie als Aufsicht ein wachsames Auge während der offenen Tür im Jugendheim.

Alle sozialen Schichten

Auch wenn in dieser Einrichtung alle sozialen Schichten vertreten sind, kümmern sich Nadine Gärtner und ihre Teams besonders um Kinder und Jugendliche, die von Armut betroffen sind, die im Bereich der schulischen und beruflichen Entwicklung der Hilfe bedürfen oder von Gewalt betroffen sind.

Gewalt, vielmehr die Vermeidung von Gewalt, ist für Nadine Gärtner ein aktuelles Thema: „Mobbing gibt es in allen Schulen. Auch Geilenkirchen ist nicht die heile Welt“, begründet sie, warum das von ihr angebotene Anti-Mobbing-Training und Intensiv-Training für Schulklassen so wichtig sind. „Es gibt auch in Geilenkirchen Schüler, die die Schule verlassen haben, weil das Mobbing nicht aufhörte“, hat sie erfahren. Da gebe es Jungen, die gezielt fertig gemacht werden, die in Pausen und besonders auf dem Schulweg gequält und verprügelt werden. Da gebe es Jugendliche, denen heute das Handy und morgen das Geld gestohlen wird. „Manche werden im Internet beschimpft und regelrecht fertiggemacht. Die psychosozialen Folgen sind dann enorm. Wichtig ist, dass die Lehrer genau hinsehen, damit man frühzeitig Hilfe installieren kann.“

Bei ihrem Anti-Mobbing-Training arbeitet die 35-Jährige, die eine zweijährige Fortbildung als Antigewalt- und Deeskalationstrainerin beim Landschaftsverband in Köln absolviert hat, eng mit der Kreispolizei Heinsberg zusammen. „Die Anforderungen in der Jugendarbeit haben sich extrem verändert, die psychischen Erkrankungen haben bei jungen Menschen zugenommen“, hat die Zille-Leiterin festgestellt.

Die Erwartungen an die jungen Menschen würden immer höher geschraubt, wobei der Hauptschüler fast keine Chance mehr habe. Nadine Gärtner hat in der Vergangenheit festgestellt, dass der Beratungsbedarf und die Bereitschaft, guten Rat anzunehmen, enorm gestiegen sind. „Früher kamen die Jugendlichen mit kurzen Fragen auf mich zu, heute sind es große Probleme“, sagt sie. Meist sind es bereits über 18-Jährige, die mit Sucht- und Aggressionsproblemen, mit Essstörungen, Burn out und Depressionen zu ihr zur Beratung kommen. Seit einem Jahr absolviert Nadine Gärtner eine Zusatzausbildung zur systemischen Beraterin. In einem Jahr hat sie diese abgeschlossen. Dann, so steht für Gärtner schon fest, wird sie diese noch ein Jahr verlängern und als Systemtherapeutin abschließen. „So kann ich den Menschen und sein Umfeld als Ganzes sehen und die Jugendlichen noch besser betreuen. Ich kümmere mich aber nicht nur um die Heranwachsenden, sondern binde die ganze Familie in die Therapie mit ein“, sagt sie. Sie weiß aber auch: „Ich kann nicht alle psychischen Probleme lösen, deshalb verweise ich oft auch an Fachärzte.“

An sechs Tagen in der Woche ist das „Zille“ von 14 bis 21 Uhr Treffpunkt von jungen Menschen von zwölf bis 27 Jahren. Bereits am Nachmittag gibt es ein abwechslungsreiches Kursangebot: mittwochs lockt von 17 bis 18 Uhr der Hip-Hop-Kurs, donnerstags wird von 17 bis 19 Uhr gekocht, freitags wird von 15 bis 16.30 Uhr und samstags von 14 bis 15.30 Uhr in der Halle der Katholischen Grundschule Fußball gespielt. An jedem ersten Sonntag im Monat öffnet das „Zille“ von 15 bis 18 Uhr die Türen: Dann können bekannte und neue Gesellschaftsspiele gespielt werden. Zwei ehrenamtliche Teamer-Teams stehen Nadine Gärtner zur Seite.

Dem „Offene-Tür-Team“ gehören zehn Ehrenamtler im Alter von 16 bis 39 Jahren an, die Nadine Gärtner bei allen Freizeitangeboten unterstützen. Acht Ehrenamtler, fünf Akademiker und drei Studenten, gehören zum Bildungsteam. „Sie haben die Hausaufgaben- und Bewerbungshilfe übernommen“, erklärt die Sozialpädagogin. Weitere ehrenamtliche Helfer sind hier gerne gesehen. Überhaupt ist der Bildungsbereich im „Zille“ in der Vergangenheit expandiert. Während auf der einen Seite die beiden Teamer Julian Bethke und Chris Ndoma die Jugendlichen mit Piano-Spiel unterhalten, Roby Kahina zum Tanztraining einlädt und Jungen und Mädchen sich am Boxsack oder Billard-Tisch vergnügen, ist für andere Büffeln angesagt. Hier gibt es nicht nur kostenlosen Nachhilfeunterricht, sondern auch Bewerbungstraining. Welcher Job passt zu mir? Habe ich realistische Chancen, meinen Traumberuf zu erlernen?

Diese Fragen werden beantwortet, bevor die Teamer an den Kompetenzen, an Außenwirkung und Allgemeinbildung, des Jugendlichen arbeiten. „Wenn der 20-Jährige als Berufswunsch Fußballstar angibt, muss man ihm seine Grenzen aufzeigen“, sagt Nadine Gärtner. Als Kooperationspartner hat das Zille-Team darüber hinaus die Nachmittagsbetreuung für die Janusz-Korczak-Schule übernommen. An drei Nachmittagen in der Woche gibt es für die Schüler hier ein warmes Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung und ein kreatives Angebot.

Bei all den Aktivitäten hofft Nadine Gärtner jetzt auf Unterstützung durch Paten: „Manche Kinder können sich die Busfahrkarte zum Zille, wo sie Nachhilfeunterricht bekommen, nicht leisten. Auch mussten wir schon feststellen, dass Kinder den schulischen Sportunterricht geschwänzt haben, weil sie keine Sportschuhe besitzen“, hofft die Leiterin auf die Hilfsbereitschaft von Menschen. Wer sich im Zille als Pate engagieren möchte, kann sich bei Nadine Gärtner unter Telefon 0177/5179887 melden.

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