Geilenkirchen - Nachbarschaftsstreit: Wenn mit der Hecke die Wut gedeiht

Nachbarschaftsstreit: Wenn mit der Hecke die Wut gedeiht

Von: Jan Mönch
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Die Hecke ist so etwas wie der Klassiker unter den Nachbarschaftsstreitigkeiten – und keineswegs nur ein Klischee. Foto: stock/blickwinkel
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Nicht nur bei Nachbarschaftsstreitigkeiten entlasten sie die Gerichte: Schiedsmann Theo Grein (links) und sein Stellvertreter Stephan Scholz. Foto: Jan Mönch

Geilenkirchen. Die beiden Ehepaare heulten wie die Schlosshunde, lagen sich gar in den Armen. So gewaltig war die Erleichterung. Minuten zuvor hatten sie noch Gift und Galle gespuckt. Und in den Jahren davor gar nicht miteinander geredet.

Theo Grein und Stephan Scholz standen dabei, und auch wenn sie es selbst nicht sagen, darf man davon ausgehen, dass sie ein bisschen stolz auf sich waren. „Es hilft, wenn man den Leuten klar macht, wie viel Lebensqualität ihr Streit sie kostet“, weiß Stephan Scholz.

Grein, 64 Jahre alt, ist Schiedsmann der Stadt Geilenkirchen, Scholz, 48 Jahre alt, sein Stellvertreter. Kaum jemand weiß besser als sie, wie sehr Nachbarschaftsstreitigkeiten die verfeindeten Parteien belasten können. Seit Grein 1987 als Schiedsmann wirkt – bis 2000 zunächst als Stellvertreter – hat er Menschen kennengelernt, die nur noch in den Garten gingen, wenn der Nachbar gerade die Jalousien heruntergelassen hatte. Und selbst von Einfamilienhäusern, immerhin der Mittelpunkt jeder Lebensplanung, die wegen des Streits den Besitzer wechseln, kann er berichten. Verständlich daher die Erleichterung bei den beiden oben beschriebenen Ehepaaren. Denn sie hatten sich überwunden und unter Vermittlung von Grein und Scholz auf einen Vergleich geeinigt.

Das Schiedsamt dient dazu, die Gerichte zu entlasten. Wenn erst mal die Schlichter eingreifen, so der Gedanke, landen viele Fälle gar nicht erst vor dem Richter. Wer eine Privatklage anstrebt, muss daher immer den Weg über das Schiedsamt gehen – erst wenn dieses anschließend eine sogenannte „Erfolgslosigkeitsbescheinigung“ ausstellt, ist der Weg vors Gericht frei. Doch auch bei Strafsachen kann das Schiedsamt gefragt sein. Nämlich dann, wenn die Staatsanwaltschaft kein öffentliches Interesse erkannt hat, der Geschädigte aber dennoch auf seinem Recht beharrt und den Weg der Zivilklage geht.

Und die Statistik bestätigt die Institution Schiedsamt: 4118 sogenannte bürgerliche Rechtsstreitigkeiten fielen in Nordrhein-Westfalen im Jahre 2012 an, 2114 konnten dank der Schiedsleute durch einen Vergleich beigelegt werden – das entspricht einer Quote von guten 51 Prozent. Von 1306 Strafsachen wurde bei 624 ein Vergleich erreicht, was guten 47 Prozent entspricht. Grein und Scholz schätzen, dass ihre eigene Quote sogar noch deutlich besser ist.

Nicht statistisch erfasst sind übrigens die sogenannten Tür- und Angelfälle. Auch hierzu fällt Grein gleich ein Beispiel ein: Auf einem Parkplatz hatte ein Ladenbesitzer eine Frau, die seiner Meinung nach nicht zügig genug ausparkte, mit einem hier nicht wiederzugebenden Schimpfwort bedacht. Innerhalb von Minuten landete der Fall bei Grein, der den Ladeninhaber sogleich kontaktierte: Er tue gut daran, sich rasch zu entschuldigen – am besten mit einem Blumenstrauß. Der mittlerweile reuige Unternehmer folgte dem Rat – und so wurde der Vorfall gar nicht erst aktenkundig.

Grein und Scholz sind eigentlich Verwaltungsleute – Grein arbeitet als Verwaltungsfachwirt beim Kreis, Scholz als Verwaltungsbeamter bei der Stadt. Beim Ehrenamt als Schiedspersonen hilft es natürlich, wenn man mit Paragrafen zu hantieren weiß. Vielleicht noch mehr ist aber Psychologie gefordert – und Verständnis. Dieses für Nachbarn aufzubringen, die mitunter gar nicht mehr wissen, wegen welcher Lappalie sie überhaupt irgendwann einmal in Streit geraten sind, und womöglich eine Menge Kreativität investieren, um die Gegenseite zu drangsalieren, fällt sicher nicht jedem leicht. Für einen erfolgreichen Schiedsmann ist dies jedoch eine wichtige Voraussetzung: „Ich hüte mich immer davor, einen Streit als banal einzustufen“, beteuert Theo Grein. Eine weitere Regel: „Man darf nicht erwarten, dass kein böses Wort fällt. Es muss Dampf aus dem Kessel.“ Oft seien die Leute schon wütend, weil sie vom Schiedsamt vorgeladen wurden. Grein erklärt ihnen dann, dass dieser Weg für alle Seiten kürzer, günstiger und nicht zuletzt diskreter ist.

Doch es gibt auch diese Fälle, bei denen die Schiedsleute mit ihrem Latein am Ende sind. Grein erinnert sich an einen Jugendlichen, der vor einer Kneipe von einem Betrunkenen niedergeschlagen wurde. Ohne Vorwarnung und ohne jeden ersichtlichen Grund – der Kiefer war gebrochen. Beim Schlichtungsgespräch tat der Schläger nicht einmal so, als tue ihm die Sache Leid. Im Gegenteil: „Wenn ich getrunken habe, dann ist das nun mal so“, habe er bekannt. Da war nichts zu machen. Auch ein engagierter Schiedsmann tut gut daran, zu erkennen, wenn er nichts ausrichten kann.

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