Geilenkirchen - Nach 35 Jahren geht Richter Anselm Pütz in den Ruhestand

Nach 35 Jahren geht Richter Anselm Pütz in den Ruhestand

Von: Wilfried Rhein
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Seit Mitte 1975 wirkt Anselm Pütz am Geilenkirchener Amtsgericht. Im November 1992 übernahm er die Leitung des Hauses. Ende Juni verabschiedet sich der Richter in den Ruhestand. Foto: Rhein

Geilenkirchen. Der Angeklagte wunderte sich über die Vorwürfe in der Klageschrift. Nein, eines solchen Vergehens könne er sich nie und nimmer erinnern. Erstaunen anlässlich der vorliegenden Beweislast. Und außerdem heiße er nicht - Namen geändert - Müller, sondern Schmitz. Der falsche Mann stand vor Gericht.

Anselm Pütz muss immer noch schmunzeln ob der Verwechslung, die Jahre zurückliegt: „Es gibt nichts, was es nicht gibt!”

Und er weiß noch, dass der Staatsanwalt ein wenig, sagen wir, ungehalten war darüber, dass man ihm aus der Untersuchungshaft in Heinsberg nicht den mit der Jugendstrafsache identischen Angeklagten vorgefahren hatte. „So etwas kann passieren”, lässt der Direktor des Amtsgerichts in Geilenkirchen gewähren. Das Rechtssystem verliert durch solche Schmonzetten zwar Zeit, wird jedoch nicht nachhaltig erschüttert.

Viel mehr als diese überschaubare Erfahrung seines Berufslebens nimmt Anselm Pütz mit in den Ruhestand. Der wird mit Ablauf dieses Monats beginnen. „Ich gehe schweren Herzens”, gesteht der Richter, „habe mit Leib und Seele meine Arbeit hier gleistet.” Geilenkirchen ist seit Mitte 1975 der Arbeitsplatz des Heinsbergers, dem er bislang nicht einen Tag krankheitsbedingt fernbleiben musste.

Das hätte nicht unbedingt so kommen müssen, denkt der Jurist zurück. Sport und Mathematik wären zunächst die Studienfächer für den begeisterten Schwimmer und noch aktiven Tennisspieler gewesen. Aber die Zeit bei der Bundeswehr, zwei Jahre, brachte ihm den Stoff der Rechtswissenschaften näher als Zahlenwerke. Nach dem erfolgreichen Abschluss seines Jura-Studiums erreichte Anselm Pütz auch sein Ziel, am Amtsgericht in Geilenkirchen eingesetzt zu werden.

Dort ist der Richter inzwischen Direktor in einem Haus mit rund 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Anselm Pütz verhandelt - wie auch seine sechs Richter-Kollegen - rund 180 Termine pro Jahr im Schöffengericht, dessen Vorsitzender er ist, dazu noch etwa 560 Zivilklagen. Strafsachen für einen Berufsrichter und zwei Schöffen sind in der Prognose des Strafmaßes bis zu vier Jahre Freiheitsentzug angesetzt. Darüber hinaus ist das Landgericht (Aachen) zuständig.

Aber nicht alle Urteile kommen in den drei Sitzungssälen an der Konrad-Adenauer-Straße zustande. Viele der „zivilen” Streitfälle vor Gericht verhandelt Anselm Pütz gleich in seinem Dienstzimmer, am - fast wörtlich - „runden Tisch”, wie er sagt. Da kommt einiges zusammen vom Verkehrsunfall bis zum Vertragsbruch, vom Nachbarschaftszank bis zum Erbschaftsproblem.

Die Streitwertabhängigkeit von bis zu 3000 Euro passt nur noch in seltenen Fällen, erläutert der Richter. Aber „sein” Amtsgericht bleibt am Fall, wegen „ausschließlicher Zuständigkeit” in solchen Angelegenheiten. Das empfindet Anselm Pütz als ein Stück seines Lebens: „die Aufgabenvielfalt”. Dazu kommen noch Vertretungs- und Bereitschaftsdienste, die Aufgaben als Referendar-Ausbilder sogar am Landgericht, schließlich die Arbeit in der internen Verwaltung des Hauses. Aber darauf, erinnert sich der Gerichtsdirektor mit Dank, habe ihn schon Amtsvorgänger Dr. Heinz Bierth vorausschauend vorbereitet.

Die schwerste Aufgabe für ihn als Richter sieht Anselm Pütz, auf Grund von Zeugenaussagen den Wahrheitsgehalt eines Vorgangs zu bestimmen. Bleiben „vernünftige Zweifel” an der Schuld, könne es nur Freispruch geben. Das schließe nicht aus, dass die gegensätzlichen Parteien Absprachen träfen. „Richtig ärgerlich” werde es dann, wenn eine Übereinkunft nicht eingehalten werde.

„In diesem Beruf trägt man eine hohe Verantwortung, zu der man stehen muss”, sagt Anselm Pütz. Ihm geht es vorrangig dazu, „in jedem Fall eine vernünftige Lösung zu finden. Das gilt auch für Strafsachen.” Dass es in solchen Prozessen stets „hart auf hart” geht, ist für Anselm Pütz nicht erkennbar gewesen. „Mit etwas Feingefühl weiß man, was bei der Verhandlung rauskommt”, erklärt der Richter. Stets unter dem Eindruck: „Es gibt nichts, was es nicht gibt!”
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