Mobbing: Geknebelt und geknechtet am Arbeitsplatz

Von: Udo Stüßer
Letzte Aktualisierung:
10547552.jpg
Ständiges Tuscheln hinter dem Rücken macht auch den stärksten Kollegen mürbe. Wenn dann noch seine Unterlagen verschwinden und Konferenzen ohne sein Wissen verlegt werden, braucht er ein starkes Nervenkostüm. Foto: stock/Mito
10546843.jpg
Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Mobbing: Arndt Hermans hat zwei Bücher über das Thema veröffentlicht. Foto: Udo Stüßer

Geilenkirchen. Bevor der Handwerker seine Arbeit im Betrieb aufnahm, musste er sich erst einmal von seinem Chef demütigen lassen. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Jeden Morgen die gleichen Beschimpfungen. Schon bevor der junge Mann den Weg in den Betrieb antrat, war ihm übel.

Jeden Morgen musste er sich übergeben. Seine Ängste übertrugen sich auf seine Partnerin und dann auf ihre Beziehung, die schließlich in die Brüche ging. „Nicht nur die Mobbing-Opfer, auch die Partner und manchmal die ganze Familie leiden unter diesen Umständen“, weiß der Geilenkirchener Soziologe und Betriebspädagoge Arndt Hermans, der federführend in der Mobbing- und Konfliktberatung des Kreises Heinsberg arbeitet. „Viele Menschen werden permanent so gedemütigt, dass sie Hassgefühle bis hin zum Mordgedanken entwickeln“, hat Hermans in vielen Gesprächen erfahren.

Ganz anders ist die Mitarbeiterin einer Firma mit den Mobbing-Versuchen ihres Chefs umgegangen: Nachdem sie, Ende 50, ihres Büros verwiesen und in einen leerstehenden, fensterlosen Kopierraum versetzt wurde, fühlte sie sich zwar aus dem Betrieb ausgegrenzt und entsorgt. Sie hat sich aber kurzerhand den Raum schön gestaltet mit bunten Blumen auf dem Tisch und hübschen Bildern an den Wänden. Sie hatte ohnehin nur noch ein halbes Jahr bis zur Rente. „Diese Frau war in der Mitarbeitervertretung, hat Kritik geübt und war unbequem“, berichtet Arndt Hermans.

Seit seinem Studium an der RWTH Aachen beschäftigt sich der Geilenkirchener mit Diskriminierung am Arbeitsplatz und Mobbing, mit den psychischen Folgen für die Betroffenen und mit den finanziellen Folgen für die Arbeitswelt. Heute bietet er nicht nur kostenlose Beratungsstunden im Geilenkirchener Gesundheitsamt im Auftrag des Kreises Heinsberg an, sondern ist als Mobbing- und Konfliktberater in der Psychiatrischen Institutsambulanz in der ViaNobis gGmbH tätig und leitet darüber hinaus die Mobbing-Selbsthilfegruppe des Kreises Heinsberg.

Er selbst hat in seinen Studienjahren während eines Praktikums feststellen müssen, wie eine korpulente Kollegin am Arbeitsplatz diskriminiert wurde. Fast täglich musste sie Anspielungen auf ihre Figur über sich ergehen lassen. Ihre Fehlzeiten wurden schließlich mehr und mehr. „Aber oft trifft es im Betrieb gar nicht die Schwachen, sondern die Leistungsstarken, die die Messlatte hoch anlegen. Dadurch werden andere gezwungen mehr zu leisten, so dass diese Mitarbeiter unbequem werden“, erklärt Hermans.

Und er hat festgestellt: „Wenn man es richtig anstellt, bekommt man jeden klein, auch den stärksten Charakter. Die Dosis macht das Gift.“ Oft treffe es die älteren Menschen ab Mitte 50. „Die Leute sind alt und teuer. Sie werden aber nicht rausgeworfen, weil die Firmenchefs oft hohe Abfindungen zahlen müssten. Deshalb werden sie rausgeekelt“, nennt der Sozialwissenschaftler einen Grund für Mobbing.

Oft funktioniere Mobbing ganz einfach: „Man bekommt Aufgaben zugewiesen, die man nicht leisten kann. So werden Mitarbeiter zermürbt, bis sie nicht mehr können.“ In den Mobbing- und Konfliktberatungsstunden des Kreises Heinsberg in Geilenkirchen hat Hermans im ersten Halbjahr 13 Hilfesuchende betreut. Fünf von ihnen waren 50 Jahre und älter, fünf waren zwischen 40 und 50 Jahre, zwei waren zwischen 30 und 40 Jahre alt und einer unter 30 Jahre.

Konflikte gab und gibt es immer. Aber wann eskalieren sie? Wann wird der Gesprächspartner zum Gegner? Wann spricht man von Mobbing? „Mobbing geschieht nicht zufällig, sondern im Unterschied zum Streit zielgerichtet und systematisch. Die Schikane dauert über einen längeren Zeitraum an, etwa zwei Monate und länger. Das Ziel ist das Ausstoßen aus dem Betrieb oder aus der Gruppe“, beschreibt Hermans den Unterschied zum normalen Streit.

Mobbing sei kein offener Streit, sondern geschehe unterschwellig. „Der Mitarbeiter setzt sich in der Mittagspause in der Kantine an einen mit Kollegen besetzten Tisch. Alle anderen stehen auf, setzen sich an einen anderen Tisch und tuscheln. Das ist Mobbing.“ Hermans kennt Fälle, in denen man Konferenzen verlegt hatte, ohne einen der Kollegen zu informieren.

Wenn das regelmäßig passiert, wird dieser Mitarbeiter verunsichert und zermürbt. Wenn dann noch Computer-Passwörter geändert werden oder Unterlagen vom Schreibtisch verschwinden, ist das keine Auseinandersetzung auf Augenhöhe mehr.

„Macht und Neid sind meist die Antriebsfeder für Mobbing“, sagt Hermans, der auch die Folgen kennt : Von seinen 13 Klienten im ersten Halbjahr aus dem Kreis Heinsberg klagten elf über Schlafstörungen und depressive Phasen, zehn Betroffene haben sich privat zurückgezogen, neun berichteten über Lustlosigkeit, sieben klagten über Kopfschmerzen, fünf über Rückenschmerzen. Drei Mobbing-Opfer griffen regelmäßig zu Medikamenten, zwei zum Alkohol.

Während in der Schule oft das klassische Schwäche ausstrahlende „Mauerblümchen“ gemobbt werde, suche man sich in der Arbeitswelt oft den Starken aus, um zu signalisieren „Wenn ich den kriege, kriege ich auch alle anderen.“ Hermans vermisst in der Arbeitswelt die früher große Solidarität in der Belegschaft. „Der soziale Zusammenhalt bröckelt immer mehr. Und die wenige Solidarität wird von manchem Arbeitgeber auch noch zerschlagen. Nur so kann es geschehen, dass oft alleinerziehende Mütter geknebelt und geknechtet werden, weil sie nicht so schnell kündigen können.“

Deshalb empfiehlt der Konfliktberater Solidarität unter den Angestellten. „Und man muss lernen, nein zu sagen.“ Auch solle man am Arbeitsplatz nicht zu viel Privates preisgeben. „Wissen ist Macht. Und zu viel Offenheit wird ausgenutzt.“ Wichtig sei die Körpersprache. „Man muss sich auf Augenhöhe gegenübertreten. Man darf nicht in einer Opferrolle auftreten.“

Hermans empfiehlt, sich in betriebliche Rituale einzufügen. „Es ist nicht gut, bei jeder Feier oder bei jedem Ausflug zu fehlen.“ Fühlt sich ein Mitarbeiter gemobbt, solle er ein Tagebuch schreiben. Oft begleitet Arndt Hermans als Mediator seinen Klienten zu einem Gespräch mit dessen Arbeitgeber. „Manchmal kann ich dann vermitteln, manches Mal wurde aber auch schon zu viel Porzellan zerschlagen.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert