Geilenkirchen - Mittendrin in einem weltweiten Konflikt

Mittendrin in einem weltweiten Konflikt

Von: Markus Bienwald
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Dr. David Schiller im Haus Basten. Foto: Markus Bienwald

Geilenkirchen. Ausgesprochen gut besucht war die jüngste Veranstaltung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP), Sektion Aachen/Heinsberg, im Bürgersaal des Hauses Basten. In Zusammenarbeit mit der Deutsch-Atlantischen Gesellschaft und der Anton-Heinen-Volkshochschule (VHS) des Kreises Heinsberg hatte sie Dr. David Schiller, Terrorforscher und Sicherheitsexperte, zu Gast.

Er klärte in einem wahren Parforce-Ritt über die Auswirkungen des Terrors des sogenannten Islamischen Staates (IS) auf.

Zehntausende Verschwundene

Ein Ausgangspunkt für Dr. Schiller war dabei der Bürgerkrieg in Syrien. Zu der offiziellen Zahl von 273 000 Toten in fünf Jahren sei noch die Dunkelziffer von zehntausenden Verschwundenen hinzuzurechnen. „Niemand weiß, wo sie hingekommen sind, und irgendwann findet man wieder Massengräber“, sagte er. Was mit der Tötung dieser Menschen einhergehe, sei zugleich eine beispiellose Verwüstung des Landes. „Das ist ungefähr so, als hätte man in Dortmund angefangen und auf dem Weg in Richtung Aachen jede Stadt zerstört“, beschrieb Schiller das Ausmaß des Grauens.

Was dieser Krieg, der nach Einschätzung des Referenten, der auch für die deutsche Polizei als Terrorexperte gearbeitet hat, noch fünf bis zehn Jahre dauern kann, mit der Ausbreitung des IS zu tun hat, skizzierte Schiller kurz mit einem Blick in die Geschichte. So seien die aktuellen Ländergrenzen im Nahen Osten zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg geschaffen worden.

„Das war auch ein Ergebnis der deutschen Einmischung“, konstatierte Schiller. Das damalige Osmanische Reich wurde unter den Siegermächten aufgeteilt, allerdings wurde der Ursprungsgedanke, aus der Türkei einen Rumpfstaat zu machen, auf Drängen Russlands ad acta gelegt. Herausgekommen sei aber ein politisches Gebilde, das ein wahrer Flickenteppich von Interessen und Glaubensrichtungen sei. „Syrien beispielsweise kann gar kein homogener Staat sein“, befand Schiller, dazu gäbe es einfach zu viele uralte Identitätsstrukturen, die teilweise über 5000 Jahre gewachsen seien.

Seit 1500 Jahren gebe es zudem den ewigen Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten über die Rechtsnachfolge von Mohammed, und aus diesen Strömungen seien auch die extremen Ansichten der sogenannten Muslim-Bruderschaft gewachsen. „Der IS ist eigentlich nichts anderes als die Fortsetzung dieser Muslim-Bruderschaft“, unterstrich der Experte.

1982 gab es einen Aufstand eben jener Bruderschaft gegen das damals noch von Assad senior geführte Regime in Syrien. „Der Vater des heutigen Assad bombte die Aufständischen damals in die Steinzeit zurück“, sagte Schiller. Was den IS neben dem Gedanken, dem einzig wahren Glauben anzugehören, noch ausmache, sei seine Struktur. Schiller umschrieb den IS als lose und lockere Dschihad-Bewegung, die alle Andersdenkenden zu ihrem Feind erklärt habe.

Und das Phänomen IS sei sicherlich auch in unseren Breiten angekommen, wie Schiller nicht verschwieg. Da seien die verhinderten Attentate in Deutschland, die nach Ansicht des Referenten wohl wenig im Gedächtnis haften geblieben seien, weil die Presse oft nur nach Anschlägen mit Opfern ausführlich und nachhaltig berichte. „Das alles ist auch bei uns angekommen, die Täter haben uns zu ihren Feinden erklärt. Ob wir das wollen oder nicht: Wir sind in ihrem weltumspannenden Konflikt mittendrin dabei“, machte er klar.

Der rote Faden des IS sei dabei auf den eigenen Internet-Plattformen wie dem Inspire-Magazin zu finden, dort würden auch Anleitungen zur Herstellung von Sprengstoff bereitgestellt. „Die Bombenbastler von Brüssel arbeiteten nach dem gleichen Plan“, sagte er, und obwohl die Herstellung des Sprengstoffes sicherlich schon durch den bestialischen Gestank nach Chemie auffallen würde, konnten die Attentäter ihre nach Sprengstoff stinkenden Koffer problemlos im Taxi an die Brüsseler Anschlagsziele bringen.

Was der Welt nach Planungsszenarien des IS in den kommenden Jahren bevorstehe, ließ Dr. Schiller nicht unerwähnt. Während die Jahre bis 2003 als Entstehung des IS gelten, folgte bis 2013 die Konsolidierung auch als Wirtschaftskraft.

Derzeit sei der IS dabei, das sogenannte Kalifat zu errichten, das erste seit dem Ende des Osmanischen Reichs, was schließlich zwischen 2017 und 2020 in einen Endkampf mit der Eroberung von christlichen wie jüdischen Gebieten münden soll. „Das ist der Plan, und die Waffe des IS ist das Internet, das selbst gut situierte Leute aus besten Familien dazu bringt, in den Dschihad zu ziehen.“

Indem er in Erinnerung rief, dass die Baader-Meinhof-Gruppe in Deutschland ohne Internet beinahe die Aufgabe des Rechtsstaats erreicht hätte, zeichnete Schiller abschließend ein Bild von einem starken IS in Deutschland. „Es gibt hier etwa 30 000 Menschen, die islamistisch motiviert sind“, so Schiller, „und wenn Baader-Meinhof Internet gehabt hätte, wäre das Ganze damals wahrscheinlich ganz anders abgelaufen“.

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