Mit Ohrstöpseln in die Disco: Bald ein Muss?

Von: Sonja Essers
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Eine mittelalte Bevölkerung, die nicht mehr gut hört: So kann laut Dr. Stephan Imm, Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, die Zukunft aussehen. Foto: Sonja Essers
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Mit Hörgeräten kennen sich Bettina Laumen-Vieten (links) und Mitarbeiterin Christina Scheig aus.

Geilenkirchen. Wenn Dr. Stephan Imm an die Zukunft denkt, bekommt er ein mulmiges Gefühl. „Es ist eine Lawine, die sich in den kommenden Jahren ankündigt“, sagt der Geilenkirchener Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde und fügt hinzu: „Irgendwann werden wir eine mittelalte Bevölkerung von Leuten haben, die alle nicht mehr gut hören.“ Wird Schwerhörigkeit zur Volkskrankheit?

Glaubt man den aktuellen Zahlen, ist die These nicht abwegig. Laut des Bundesverbandes der Hörgeräte-Industrie haben 13 Prozent der Deutschen Probleme mit dem Hören. Das sind mehr als zehn Millionen Menschen. Gerade ein Drittel von ihnen nutzt ein Hörgerät. Mit dem Welttag des Hörens, der am Donnerstag stattfindet, will man gegen dieses Phänomen ankämpfen und Jung und Alt über eines der wichtigsten Sinnesorgane des menschlichen Körpers aufklären.

Die Walkman-Generation

Dass Hörgeräte in der Gesellschaft ein Tabuthema sind, weiß Bettina Laumen-Vieten. Dabei zählen zu den Kunden der Optik- und Hörakustikmeisterin aus Geilenkirchen längst nicht mehr nur Senioren. „Natürlich betrifft es die ältere Generation, aber es ist auch ein Thema, das immer öfter bei jungen Menschen eine Rolle spielt.“ Wenn Bettina Laumen-Vieten von jungen Menschen spricht, dann meint sie Erwachsene ab 25 Jahren. „Die Walkman und CD-Generation“, sagt sie.

Diese Erfahrung hat auch Ricardo Will, Mitarbeiter des Geilenkirchener Betriebs Optik und Akustik Schmitz, gemacht. „Das Durchschnittsalter der Kunden ist gesunken. Sie kommen mittlerweile zehn oder 15 Jahre früher zu uns, als das noch vor 30 Jahren der Fall war.“

Ohr unterscheidet Lärm nicht

Das kann Dr. Stephan Imm bestätigen. „Wir haben eine Jugend, die zunehmend schwerhöriger wird“, sagt er. Doch nicht nur zu laute Musik sei dafür verantwortlich. „Ob man in einer Fabrik arbeitet und mehrmals in der Woche in die Disco geht, spielt für das Ohr keine Rolle. Es ist beides schädigend. Das Ohr kann Lärm nicht unterscheiden, das passiert erst im Gehirn.“

Wie eine solche Schädigung des Gehörs abläuft? Geräusche kommen im Ohr als Schall an und treffen dort auf die sogenannte Schnecke. Bei zu lauten Geräuschen werden die Sinneszellen im Ohr geschädigt. Auf diesen sitzen kleine Härchen, die buchstäblich umknicken. „Wenn die kaputt gehen, ist das schlecht, das kann man nämlich nicht mehr so schnell reparieren“, warnt Imm.

Aus diesem Grund sollte man seine Ohren, beispielsweise mit Ohrstöpseln, entsprechend schützen. „Das machen Discjockeys und Musiker auch, sonst würden sie irgendwann taub und könnten ihren Beruf nicht mehr ausüben“, sagt Imm. Ricardo Will ist diesbezüglich jedoch skeptisch. „Prävention ist wichtig, aber mit einem Gehörschutz stellt sich wohl keiner in die Disco“, sagt er.

Dass dies in großen Firmen in Geilenkirchen und Umgebung anders gehandhabt wird, weiß Bettina Laumen-Vieten. „Früher hat kaum jemand einen Gehörschutz getragen, das hat sich geändert.“

Und bei welchen Anzeichen sollte man die Meinung eines Arztes hinzuziehen? „Viele Patienten merken, dass etwas nicht stimmt, wenn sie den Fernseher anschalten. Wenn die Lautstärkeskala stark von der des Partner abweicht, hinterfragen das viele und suchen einen Arzt auf“, erklärt Imm. Was dann folgt, ist ein Hörtest. Fällt dieser negativ aus, muss gehandelt werden.

Eine Möglichkeit ist die Verschreibung eines Hörgerätes. An dieser Stelle kommt Akustikmeisterin Bettina Laumen-Vieten ins Spiel. Beim Probetragen und Vergleichen mehrerer Geräte können die Patienten sich an das Gerät, das heute nur noch wenige Zentimeter groß ist, gewöhnen. Doch nicht jeder Kunde ist von dieser Möglichkeit begeistert. Gerade ältere, alleinstehende Menschen wollten ihrem Problem oft keine Abhilfe schaffen. „Für mich fängt Hören mit alltäglichen Geräuschen, wie dem Ticken einer Uhr an“, sagt Laumen-Vieten.

Über das Mikrofon, das im Gerät eingebaut ist, gelangen die Schallwellen und damit die Geräusche in das Ohr. Das Gerät unterscheidet zwischen Sprache und Störgeräuschen und blendet Letztere aus. Der Patient höre lauter, aber nicht lauter als Normalhörende, sagt Laumen-Vieten.

Wurden die Geräte bis vor einigen Jahren noch mit Schraubendrehern eingestellt, übernimmt diese Aufgabe heute der Computer. Besonders modern ist das Zubehör. Beliebt bei jungen Patienten: Die Bluetooth-Funktion, die Hörgerät und Handy oder Fernseher miteinander verbindet. „Wer viel telefoniert, greift darauf gerne zurück. Man kann damit auch Musik hören“, sagt Laumen-Vieten.

Kein Accessoire

Und wie ist die Gestaltung der Hörhilfen? Oft werden die Geräte in dezenten Farben gehalten, die zu Haar- oder Hautfarbe passen. „Brillen sind modische Accessoires, Hörgeräte nicht. Sie werden so unauffällig wie möglich gehalten“, sagt Laumen-Vieten.

Die moderne Technik findet Imm gut. Er ist der Meinung, dass Schwerhörigkeit das Ergebnis einer viel zu lauten Gesellschaft ist. „Ist das Ohr andauernd Lärm und Stress ausgesetzt, macht das den Menschen insgesamt zu schaffen.“

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