Mit der Smiley-Skala die Schmerzen aufspüren

Von: st
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Sie hat ein Schmerzmanagement eingeführt und viele Mitarbeiter geschult: Anita Pesch. Foto: Udo Stüßer
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Klare Sache: Diese Frau hat Kopfschmerzen. So eindeutige Signale können behinderte Menschen oft nicht senden. Foto: dpa

Gangelt. Wenn Anita Pesch über Bauchschmerzen klagt, sucht sie ihren Hausarzt auf. Dem Mediziner beschreibt sie dann ihre Beschwerden, der daraufhin im Idealfall schnell eine Diagnose erstellt und die Krankheit bestenfalls in kurzer Zeit heilt. Bei Menschen mit einer geistigen Behinderung gestaltet sich solch eine Diagnose wesentlich schwieriger.

„Bei ihnen ist eine Diagnose oft wie ein Puzzlespiel. Viele geistig behinderte Patienten können sich nicht mitteilen, eine vernünftige Kommunikation zwischen dem behinderten Menschen und dem Betreuer ist nicht möglich“, sagt Anita Pesch. Für die Pflegebeauftragte der Eingliederungshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung der Katharina Kasper Via Nobis GmbH ist es eine echte Herausforderung zu erkennen, ob Bewohner dieser Einrichtung unter Schmerzen leiden. Und wenn die Vermutung naheliegt, ist es immer noch die Frage, ob es Bauch- oder Zahnschmerzen sind.

Aus diesem Grund hat Anita Pesch in der Eingliederungshilfe ein Schmerzmanagement eingeführt und rund 160 Mitarbeiter in der vollstationären Pflege in Gangelt selbst, aber auch in den Wohnstätten in Geilenkirchen, Heinsberg, Hückelhoven und Kleingladbach geschult. „Anzeichen für Schmerzen sind, wenn der Bewohner unruhig wird, wenn seine Mimik verzerrt ist, wenn ein abweichendes Schlafverhalten festzustellen ist“, sagt Pesch, die die Stärke des Schmerzes mit Hilfe eines Smiley-Skala mit lachenden und weinenden Gesichtern definiert. Diese Beobachtungen teilt sie dann dem Arzt mit, der mit den Informationen wesentlich leichter eine Diagnose erstellen kann. „Beim Schmerzmanagement geht es auch darum, frühzeitig zu erkennen, ob ein Bewohner Schmerzen hat. Viele Menschen mit einer geistigen Behinderung haben ein herabgesetztes Schmerzempfinden. Das kann so herabgesetzt sein, dass Krebspatienten im Endstadium keine oder kaum Schmerzen verspüren“, hat die Pflegebeauftragte, selbst gelernte Krankenschwester, erfahren.

Da die Diagnose bei geistig behinderten Menschen oft sehr aufwendig ist, ist eine stabile Beziehung zwischen Bewohner und Betreuer unabdingbar. „Wir haben in der Eingliederungshilfe einen großen Anteil an pädagogischen Fachkräften, was für die Schmerzerkennung sehr wichtig ist“, sagt Pesch, die in Hamburg eine Ausbildung zur „Pain Nurse“ absolviert hat.

In der ViaNobis GmbH geht man noch einen Schritt weiter. Es geht nicht nur um ein würdevolles Leben in der Einrichtung, sondern auch um ein würdevolles Sterben. „Wir wollen den Bewohnern ein Sterben in ihrem Zuhause ermöglichen. Wir wollen, dass auch ihr Lebensende mit Lebensqualität gefüllt wird. Sie sollen bis zum Schluss im Kreise ihrer Mitbewohner leben können“, nennt Anita Pesch ihre Ziele. Sicherlich, so weiß auch sie, ist Hospizarbeit in der ViaNobis keine neue Idee. Bereits seit den Anfängen ist die seelsorgerische Begleitung von schwer kranken und sterbenden Menschen ein elementarer Teil des Einrichtungskonzeptes.

Um aber bei einer unheilbaren Erkrankung eine umfassende medizinische, pflegerische, psychische, soziale und spirituelle Begleitung anbieten zu können, hat sich Anita Pesch innerhalb eines Jahres als erste palliative Fachkraft in der ViaNobis ausbilden lassen. „Ein Wechsel in ein Pflegeheim würde für den Einzelnen nicht nur einen Bruch in seiner Biografie bedeuten. Ein Wechsel ins Pflegeheim würde vor allem auch den Wechsel in ein ungünstiges Betreuungsverhältnis mit nicht speziell ausgebildeten Fachkräften bedeuten“, weiß Pesch.

Sicherer Umgang mit Sterben

Alleine vor dem demografischen Wandel wird die bewusste Begleitung sterbenskranker Menschen auch in der ViaNobis GmbH immer wichtiger, oft sind allerdings die Mitarbeiter aus pädagogischen Berufen nicht ausreichend auf eine Sterbesituation vorbereitet. „Wenn unerwartet eine schwere Erkrankung eintritt und das Sterben nahe ist, zeigt sich oftmals eine Überforderung: Nicht immer ist die Fachkompetenz in der Pflege vorhabenden“, hat Pesch festgestellt.

Da mit Anita Pesch erstmals eine Palliativ Care Fachkraft zur Verfügung steht, haben die Mitarbeiter der Eingliederungshilfe die Möglichkeit, Schulungsangebote wahrzunehmen, in denen Wissen und der sichere Umgang mit Sterben und Tod vermittelt werden. „Die Erfahrung von Tod und Sterben kann für jeden eine große Belastung sein. In der Regel können geistig behinderte Menschen einen Verlust und die Traurigkeit darüber sehr viel besser ausdrücken, als Menschen ohne geistige Behinderung. Aufgrund dieser Erfahrung können wir Menschen mit geistiger Behinderung die Auseinandersetzung mit dem Sterben nicht ersparen“, sagt Anita Pesch. Die Begleitung eines todkranken Menschen mit geistiger Behinderung müsse genauso individuell gestaltet werden, wie bei einem nicht behinderten Menschen. „Man stellt sich doch immer die gleiche Frage: Was können wir dem sterbenden Menschen in seiner letzten Lebensphase Gutes tun?“, sagt Pesch.

Etwa vier bis fünf Menschen werden pro Jahr in der ViaNobis GmbH palliativ begleitet. „Dafür sind wir jetzt bestens gewappnet. Auch das gehört zu einer qualitativ hochwertigen Pflege“, versichert Pesch.

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