„Mir wurden sogar Prügel angedroht“

Von: Udo Stüßer
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Die Geilenkirchener Anita-Lichtenstein-Gesamtschule im 25. Schuljahr ihres Bestehens: Anfangs als ungeliebt betrachtet, ist sie heute eine Schule mit über 1000 Schülern. Foto: Markus Bienwald
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Der ehemalige und der aktuelle Schulleiter: Klaus Braun (links) und Uwe Böken. Foto: Udo Stüßer

Geilenkirchen. „Nein, die Gesamtschule wurde anfangs nicht geliebt. Auch in Geilenkirchen nicht. Kritiker sprachen von Gleichmacherei. Und als Ganztagsschule mit eigenen Freizeitangeboten würde sie das Vereinsleben zerstören, warf man ihr vor.“ Klaus Braun, erster Schulleiter der Geilenkirchener Gesamtschule, und der jetzige Direktor Uwe Böken blicken auf 25 Jahre zurück.

Der Mann, der so auf die Anfänge zurückblickt, hat diese Schule immer geliebt, hat für sie gelebt, vom ersten Tag ihres Bestehens an. Klaus Braun hat sie vor 25 Jahren aufgebaut und war bis 2010 Schulleiter der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule.

Der 70-Jährige, der heute im Ruhestand teilweise in Talinn in Estland und in Kerpen lebt, erinnert sich ebenso wie sein Nachfolger im Amt, Uwe Böken, noch gut an die Ängste mancher Eltern. Durch den Ganztagsunterricht, so hieß es in der Elternschaft, nehme man ihr die Erziehung weg. Besonders in der CDU-geführten Stadt Geilenkirchen waren die Vorbehalte groß.

Doch selbst einer der größten Gegner der Gesamtschule, der Geilenkirchener Heinrich Meuffels, in Düsseldorf bildungspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, musste erleben, dass diese Schule im September 1991 ihren Betrieb aufnahm. Der Elternwille war stärker. „Eine Elterninitiative hatte sich durchgesetzt. Der damalige Stadtdirektor Heinz Houben hat den Aufbau der Schule unterstützt. Und er hat nie halbe Sachen gemachen“, erklärt Braun.

„Schließlich wollte Geilenkirchen auch Schulstadt bleiben. In Übach-Palenberg und Herzogenrath waren Gesamtschulen im Aufbau. In Geilenkirchen hatte man Angst, dass viele Kinder abwandern würden“, sagt Böken.

Warum aber forderten vor einem Vierteljahrhundert Eltern landauf, landab die Einrichtung von Gesamtschulen? Vor der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule hatte bereits die Betty-Reis-Gesamtschule in Wassenberg ihren Betrieb aufgenommen, nahezu gleichzeitig mit Geilenkirchen öffnete die Gesamtschule in Übach-Palenberg ihre Pforten.

„Die Hauptschulen krankten überall, weil sie nicht den höchsten Bildungsabschluss vermitteln können. Die Hauptschule war die Schule, die die Schüler aufnahm, die die Realschule und das Gymnasium aussortiert hatten“, erklärt Braun.

„Es waren aber nicht nur die Eltern, die den hohen Bildungsabschluss für ihre Kinder wünschten, es waren auch die Betriebe, die hohe Abschlüsse nachfragten“, sagt Uwe Böken, einer der Pädagogen der ersten Stunde dort.

Klaus Braun, vor der Gründung der Geilenkirchener Gesamtschule Leiter der Ganztagshauptschule Aachen-Brand, bewarb sich auf die ausgeschriebene Schulleiterstelle in Geilenkirchen. „Es war in der damaligen Zeit erstaunlich, dass ich als politisch Unabhängiger ohne Antrittsbesuch bei Heinz Houben die Stelle bekommen habe“, erzählt er.

Ein Jahr vor der Eröffnung tanzte Braun förmlich auf zwei Hochzeiten, führte die Hauptschule AAchen-Brand und baute mit Houben die Gesamtschule auf. „Wie oft sind wir gemeinsam zur Bezirksregierung gefahren, um gute Lehrer zu bekommen . . .“

Braun ist ein Mann, der immer schon Klartext geredet hat: „Ich habe von Anfang an gesagt, dass mit mir keine Massenschule der Gleichmacherei zu haben ist. Zum Profil einer jeden Schule gehört Leistung.“ Keine Massenschule angesichts von 1000 Schülern und 90 Lehrern?

„Nein, die Anzahl der Schüler ist nicht das alleinige Kriterium. Unsere Schule hat im Innern Strukturen. So bilden beispielsweisen die Klassen fünf bis sieben eine Einheit, in der sich jeder Schüler zu Hause fühlen kann“, sagt Böken. „Und mit einem Klassenlehrer und einer Klassenlehrerin haben die Schüler einer jeden Klasse gleich zwei Ansprechpartner.“

Das Gründungskollegium verbrachte ein Wochenende in Paris. „Wir waren eine verschworene Gemeinschaft, wir entwickelten unsere eigene Philosophie, die geprägt war von Toleranz, Emanzipation und Dialogfähigkeit. Und dann haben wir einen fantastischen Start hingelegt“, sagt Braun.

112 Anmeldungen waren damals erforderlich, um eine Gesamtschule zu eröffnen. Diese Zahl wurde erreicht. Und im Laufe der Schulgeschichte musste man sich nie Sorgen machen, diese Zahl nicht erreichen zu können. Ganz im Gegenteil, die Anmeldezahlen schnellten kontinuierlich in die Höhe

„Bis zum Ende meiner Dienstzeit 2010 wurde darüber diskutiert, ob es Sinn macht, diese Schule fünfzügig zu führen“, berichtet Braun, während Böken erklärt: „Das Bauwerk war aber nur für eine vierzügige Schule ausgerichtet.“ Doch das Problem war lange Zeit nicht gelöst: 120 Schüler konnte die Schule aufnehmen, obwohl 200 Anmeldungen vorlagen. Nachdem es nun die Gesamtschulen Hückelhoven, Oberbruch und Gangelt-Selfkant gibt, ist die Lage schon etwas entspannter.

Anfangs war auch noch die in Geilenkirchen existierende Hauptschule in dem Gesamtschulgebäude untergebracht. Doch die wurde später geschlossen. Was dann folgte, bezeichnet Klaus Braun heute als einen „bildungspolitischen Eiertanz“: Die Stadtverordneten diskutierten die Frage, wie man nun die Hauptschüler beschulen soll. Und so unterzeichnete man einen Vertrag mit der Gemeinde Gangelt.

Braun: „Die Stadt Geilenkirchen hat Geld dafür ausgegeben, dass Geilenkirchener Schüler in Gangelt beschult werden. Es hat nie einen vernünftigen bildungspolitischen Beschluss gegeben. Entweder hätte man die Realschule verpflichten müssen, Hauptschüler aufzunehmen oder die Realschule hätte eine Kooperation mit der Gesamtschule eingehen können.“

Der Gründungsschulleiter erinnert heute daran, dass sich die Schullandschaft durch die Existenz der Gesamtschule stark geändert hat. „Zwar sollte parallel zur Gesamtschule das gegliederte Schulsystem aufrecht erhalten bleiben, aber es mussten immer wieder Schulen geschlossen werden. „So laufen jetzt die Hauptschule Gangelt und die Realschule Gangelt aus“, sagt Böken.

Wenn der heute 70-jährige Klaus Braun auf die Geschichte der Schule blickt, ist die Namensgebung ein ganz besonderes Kapitel. „Ich hatte einen von dem damaligen Ehrenratsherr Herman Wassen verfassten Artikel über die Geschichte des jüdischen Mädchens Anita Lichtenstein aus Geilenkirchen gelesen. Diese Geschichte habe ich dem Lehrerkollegium vorgestellt“, berichtet Braun.

Was folgte, war ein einstimmiger Beschluss des Kollegiums, die Schule nach dem von den Nationalsozialisten getöteten Mädchen zu benennen. Was außerdem folgte, waren Beschimpfungen aus der Bevölkerung. „Mir wurden sogar Prügel angedroht. Ich sollte die Geschichte endlich ruhen lassen“, erinnert sich Braun.

Mit Hermann Wassen verband ihn später eine tiefe, väterliche Freundschaft. „Bei einer unserer ersten Begegnungen sagte er mir: ‚Ihre Schule mag ich nicht‘. Das war sozusagen die Ouvertüre. Später hat er sich nicht nur der Gesamtschule genähert, er hat mir auch seine Freundschaft angeboten.“

Dass die Anita-Lichtenstein-Gesamtschule ihren Namen als Verpflichtung ansieht, zeigt auch das überdurchschnittliche Engagement in der „Initiative gegen das Vergessen“. Und Schüler und Lehrer pflegen seit Jahren gute Kontakte zu ihrer Partnerschule Yohana Jabotinsky in der Nähe von Tel Aviv.

In den vergangenen 25 Jahren hat die Gesamtschule so manches Vorurteil überwunden, beispielsweise das vom „billigen Abitur“, das dort leichter zu erlangen sei. Durch das Zentralabitur sind solche Vorwürfe längst nicht mehr haltbar.

„Unsere Schule liegt mit der Durchschnittsabiturnote bei der ersten Nachkommastelle nur eine Zahl schlechter als der Landesdurchschnitt der Gymnasien“, sagt Uwe Böken nicht ohne Stolz, wobei Braun bei der Gelegenheit generell kritisiert: „Alle Bildungsstudien, beispielsweise Pisa, zeigen doch, dass wir zu den Ländern gehören, die die wenigsten Abiturienten ausbilden. Wir als hochzivilisiertes, reiches Land haben mit den geringsten Anteil von Schülern mit Abitur. Es wird in Deutschland einfach zu viel selektiert.“

Das sieht auch Böken so: „Wir unterrichten von Anfang an schwache, begabte und super Schüler bis zur 10. Klasse mit wachsender Differenzierung zusammen. Durch das gemeinsame Lernen von Schülern mit unterschiedlichen Begabungspotenzialen und durch Inklusion gibt die Gesamtschule ein Abbild der Gesellschaft wieder.“

Die Anita-Lichtenstein-Gesamtschule befindet sich im 25. Jahr ihres Bestehens. „Aber auch nach 25 Jahren ist diese Schule nicht fertig. Schule muss auf Strömungen und auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren“, blickt Böken nach vorne. Dabei sei die Inklusion nur eine der großen Herausforderungen für die Zukunft.

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