Mimik, Gestik, Wortakrobatik: Ein Abend mit Oliver Steller

Von: Karl-Heinz Hamacher
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Wort- und gestenreich präsentierte Oliver Steller den Gästen in der Langbroicher Bürgerhalle das Leben und Werk von Christian Morgenstern. Foto: Karl-Heinz Hamacher
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Ein Mann für alle Fälle: In der Pause und nach dem Konzert war Oliver Steller für sein Publikum da.

Gangelt-Langbroich. Wenn ein Künstler der Sprache und ein Wortakrobat sich treffen, dann ist dem Publikum ein denkwürdiger Abend beschieden. Oliver Steller machte zum fünften Mal in der Langbroicher Bürgerhalle Station und hatte diesmal Auszüge aus dem Leben und Werk von Christian Morgenstern mitgebracht.

Der Wortkünstler Steller wurde am Ende mit großem Applaus gefeiert – wieder einmal war seine Arbeit exzellent. Der Lehrauftrag, Morgenstern kurz vor seinem 100. Todestag dem Volk ins Gedächtnis zu rufen, wurde mit Bravour gemeistert. Der künstlerische Part war herausragend. Die Bewertung dieses Abends ließe sich leicht in einem Satz zusammen fassen, den eine Dame zu Oliver Steller während der Pause sagte: „Ich würde mir wünschen, Christian Morgenstern könnte sie einmal hören!“

Der 1. Weltkrieg warf seine Schatten voraus, als Christian Morgenstern mit 42 Jahren starb. Geboren wurde er, als 1871 im Spiegelsaal von Versailles das zweite deutsche Reich auf den Weg gebracht wurde. In dieser kurzen Spanne trat Morgenstern an, „die Sprache zu entbürgerlichen“, will sagen, die Konventionen, das Steife und oft unpersönliche dieser Zeit – zumindest in der Sprache – auf neue Füße zu stellen.

Dabei erweckte Morgenstern Tiere, Menschen und vor allem Dinge zum Leben. Da spricht plötzlich ein Butterbrotpapier. Da erfährt man, dass die Glocke Bim sich in ihr Gegenüber Bam verliebt, die sich aber längst mit Bum eingelassen hat. Der Monolog einer kleinen Schnecke wird hörbar und entscheidet über Sein oder nicht Sein. Da gibt es das Geierlamm, den Wehrwolf oder die drei Spatzen. 42 Galgenlieder hat Morgenstern geschrieben – sie sollten ihn berühmt machen. Drei Jahre hat sich Oliver Steller mit dem Dichter Christian Morgenstern, der in Deutschland vor allem wegen seiner bissig-lustigen Texte bekannt ist, beschäftigt.

„Schmerzhafte Kürzungen“

Am Ende wäre das Programm sieben Stunden lang gewesen: „Da waren schmerzhafte Kürzungen von Nöten“, erzählte er dem Publikum in der Bürgerhalle in Langbroich. Begrüßt wurde der gern gesehene Gast von Kunsthändler Lutz Vorbach, der die Gangelter Steller-Epoche vor vielen Jahren in seiner Galerie eröffnete und vom Präsidenten des Rotary-Clubs im Kreis Heinsberg, Gottfried Classen, der ankündigte, dass der Erlös der Veranstaltung in die Talentförderung der Kreismusikschule Heinsberg fließen soll.

Zwei Gitarren, ein Mikrofon und ein bisschen Technik – mehr braucht es nicht, wenn Oliver Steller sich auftut, Gedichte und Geschichte lebendig werden zu lassen. Mimik und Gestik in Kombination mit einer angenehm unaufdringlichen Stimme sind sein Markenzeichen. Wenn er spricht, dann lebt er das Gedicht. Wenn er singt, dann ist das pure Leidenschaft. Man ist versucht, den Germanisten und Deutschlehrern zuzurufen: „Es geht auch anders!“

Natürlich stehen an so einem Steller-Abend die Texte des jeweiligen Dichters im Vordergrund. Aber immer wieder blitzt auch auf, dass der Mann ein Virtuose an der Gitarre ist. Was er seiner Fender-E-Gitarre und der selten gehörten Resonator-Gitarre entlockt, ist einfach herausragend. Zwischen den Gedichten gibt es immer wieder Biografisches zu Morgenstern. Dass er Ibsen übersetzt, obwohl er anfangs gar kein Norwegisch kann, dass der ehemals „mittellos Glückliche“ ein Einkommen hat, sorgt dafür, dass ihm und der großen Liebe seines Lebens die kurze Zukunft gesichert ist. Er und Gattin Margareta schlossen sich der Steiner‘schen Lehre von der Anthroposophie an. 1914 starb Morgenstern, und seine Asche sollte für lange Zeit im Arbeitszimmer von Rudolf Steiner stehen.

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