Mauerfall: „Ein Glücksfall der deutschen Geschichte“

Von: Jan Mönch und Udo Stüßer
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Ostalgie in Geilenkirchen: Dieses Foto entstand im Rahmen eines Treffens der Trabi-Freunde. Foto: Stüßer(2), Schmitz (1), privat (1)
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„Die Mauer hatte Familienbande zerschnitten, nun wurden Familien zusammengeführt“: Leonhard Kuhn.
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„Ich bedauere, dass es keine neue gesamtdeutsche Verfassung gibt“: Christa Nickels.

Geilenkirchen. Innerhalb eines Menschenlebens geschehen nur wenige historische Ereignisse, bei denen noch Jahrzehnte später jeder, wirklich jeder weiß, was er damals machte, dachte, fühlte. Die einzige Voraussetzung ist, man war nicht zu jung. Wir haben lokale Persönlichkeiten aus Politik, Vereinswesen und Gesellschaft gefragt, was sie am 9. November 1989 getan haben. Und wo sie den Stand der Wiedervereinigung heute, 25 Jahre danach, sehen.

Leonhard Kuhn, Ortsvorsteher von Flahstraß, Honsdorf, Leiffarth, Müllendorf, Würm: „Als die Mauer fiel, habe ich vor dem Fernseher gesessen. Die Entwicklung in Ungarn war spannend, und so habe ich bereits fünf Tage vor dem Mauerfall intensiv die Nachrichten verfolgt. Das musste ich auch aus beruflichen Gründen, da ich beim Jagdbombergeschwader 31 Boelke in Nörvenich mit Presseaufgaben betraut war.

Es war eine spannende Zeit. Die Frage lautete doch, wie sich die Russen verhalten. Gorbatschow war umstritten. Ich selbst wurde in Oberschlesien geboren, mit sechs Jahren habe ich es verlassen. Der Mauerfall war ein Glücksfall für Deutschland und für Europa. Die Mauer hat Familienbande zerschnitten, jetzt wurden Familien zusammengeführt. Jetzt interessieren sich auch Nord- und Südkorea für unsere Geschichte. Sie fragen uns, wie wir das gemacht haben.“

Josef Kouchen, Bezirksbundesmeister der Schützen: „Ich erinnere mich gut an diesen Tag. Die Neuigkeit habe ich aus dem Radio erfahren, danach habe ich praktisch jede Minute vor dem Fernseher verbracht, um die Entwicklung zu verfolgen. Als dann die Bilder von den Menschen liefen, die durch den offenen Checkpoint Charlie strömen, war ich wirklich tief ergriffen.

Durch die Politik von Kohl, Gorbatschow und Bush hatten sich ja Veränderungen leise angedeutet, aber dass es so kommt, hätte ich wirklich nicht für möglich gehalten. Ich bin 1992 in Berlin gewesen und jetzt kürzlich wieder in der ehemaligen DDR. Seit damals ist wirklich sehr viel passiert. Die Wiedervereinigung ist zwar nicht abgeschlossen, aber wenn ich an den Solidaritätszuschlag denke, sollte man vielleicht allmählich sehen, dass wir hier bei uns genug eigene Probleme haben.“

Wiegand Freier, Rot-Weiß Frelenberg: „Ich habe damals in Aachen an der Hochschule gearbeitet. Ich war nicht der einzige, der aus der DDR kam. Dementsprechend gab es natürlich sofort heiße Diskussionen, als die Neuigkeit die Runde machte, beispielsweise über die verschiedenen Lebensarten und die Währungsfrage. Für mich persönlich war der Mauerfall ein sehr gutes Gefühl, schon weil ich sehr viel Verwandtschaft drüben hatte und bis heute habe. Ich habe natürlich versucht anzurufen, aber da war kein Durchkommen, erst Tage später wieder. Ich denke, dass sich seit ´89 viel getan hat, aber es gibt auch noch viel zu tun – für beide Seiten!“

Günter Weinen, CDU-Vorsitzender Übach-Palenberg: „Wir hatten an dem Abend Fraktionssitzung, so habe ich tatsächlich erst auf dem Nachhauseweg aus dem Radio erfahren, was geschehen ist. Danach habe ich die ganze Nacht vor dem Fernseher verbracht. Der 9. November 1989 war ein Glücksfall für die deutsche Geschichte, ein Sieg der Freiheit über die Unfreiheit. Und es ärgert mich, dass mancher das heute nicht mehr so sehen will. Ich bin nach der Wende in den neuen Bundesländern gewesen und bin es auch bis heute noch oft. Ich denke, um es mit Willy Brandts Worten zu sagen, dass zusammengewachsen ist, was zusammengehört. Und, jetzt spreche ich mit Helmut Kohl, es gibt auch durchaus blühende Landschaften. Nicht zeitgemäß sind allerdings die Unterschiede bei Lohnniveau und Renten. Der Solidaritätszuschlag ist es allerdings auch nicht.“

Christa Nickels, ehemalige Parlamentarische Staatssekretärin: „Wir hatten Sitzungswoche in Bonn. Die Mauer fiel an einem Plenartag. Alle Abgeordneten sind aufgestanden und haben die Nationalhymne gesungen. Ich habe damals gedacht: Dass ich das noch erleben darf. Selbst die CDU-Politiker hatten den Glauben an die Einheit zu deren Lebzeiten aufgegeben. Schließlich hatte man den neuen Plenarsaal gebaut, es wurden neue Museen errichtet. Bonn wurde als Bundeshauptstadt für die Zukunft attraktiver gestaltet. Der Mauerfall war eines der bewegendsten und großartigsten Ereignisse, die ich als Politikerin erlebt habe.

Wir als Grüne haben die Bürgerrechtler im Osten schon immer unterstützt und Kontakte gepflegt. Wir hatten uns damals Diplomatenpässe ausstellen lassen, damit wir an der Grenze nicht kontrolliert wurden. So konnten wir die Bürgerrechtler mit Zeitungen und Büchern versorgen. In den vergangenen 25 Jahren ist viel zusammengewachsen. Ich bedauere allerdings, dass es keine neue gesamtdeutsche Verfassung gibt. Der Erfahrungsschatz der Bürgerrechtler ist nicht angemessen gehoben worden.“

Karl-Heinz Nieren, Geilenkirchener Heimatforscher: „Als ich mir an diesem Abend die 20 Uhr-Nachrichten angeschaut habe, ahnte ich schon: Da tut sich was, und ich habe die ganze Nacht gewacht. Die Ereignisse waren so bewegend, sensationell und unwahrscheinlich. Ich konnte es fast nicht glauben. Es gibt sicherlich noch einiges zu tun. Seit 1989 verbringen wir einen Teil unseres Urlaubes im Osten. Es ist ein Genuss, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. In all den Jahren hat sich viel getan. Es ist schön, Deutschland jetzt so zu erleben. Im Osten gibt es so viele Schätze, die Kultur und die Natur sind eine Bereicherung. Aber das eine oder andere muss sich noch in den Köpfen der Menschen und an den Strukturen tun.

Alf-Ingo Pickartz, SPD-Vorsitzender Übach-Palenberg: „Ich war damals 26 Jahre alt und noch nicht lange SPD-Mitglied. Ich bin kein nationalistisch denkender Mensch, ganz im Gegenteil, aber als ich damals die Bilder im Fernsehen sah, überkam mich doch ein sehr nationales und glückliches Gefühl. Ich bin ja mit dem Eindruck aufgewachsen, dass der Osten etwas Bedrohliches und Unheimliches ist. Und noch am Morgen dieses Tages hätte ich die Entwicklung für völlig unmöglich gehalten.

Ich sehe die Einheit bis heute nicht als abgeschlossenen Prozess. Ich muss aber sagen, dass es mich ärgert, dass die Politik immer noch versucht, den gleichen Lebensstandard herbeizuführen. Wenn man Hamburg und München vergleicht, hat man ja auch nicht das gleiche Lohnniveau. Genauso wenig wie man die gleichen Lebenshaltungskosten hat. Man täte gut daran, den Osten nun auf sich selbst gestellt wachsen zu lassen.“

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