Litfaßsäulen als mobile Mahnmale

Von: Georg Schmitz
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Zwei Dutzend Schülerinnen und
Zwei Dutzend Schülerinnen und Schüler der Städtischen Realschule Geilenkirchen beschäftigen sich mit einem dunklen Kapitel deutscher Vergangenheit und bestückten deshalb zwei Litfaßsäulen mit mahnenden Bildern und Texten. Foto: Georg Schmitz

Geilenkirchen. „Eines Tages wurde die Familie Lichtenstein abgeholt und dann haben wir sie nicht mehr gesehen”, erinnert sich Walter Schiffers an eine Begebenheit während der Nazi-Zeit. Gespannt kleben zwei Dutzend Schülerinnen und Schüler der Städtischen Realschule Geilenkirchen an seinen Lippen.

Denn als Zeitzeuge hat der Tischlermeister vieles zu erzählen, was die Jugendlichen der Jahrgangsstufen 9 und 10 brennend interessiert. „Schaut nicht weg, seid nicht wie die Menschen damals”, lautet die Überschrift auf der Tafel, die dem Projekttag seinen Namen gibt. Seit November 2011 befassen sich die jungen Menschen mit dem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte und erfahren dabei auch durch verschiedene Zeitzeugen vieles über ehemalige jüdische Mitbürger.

Geilenkirchen beherbergte eine der größten jüdischen Gemeinden in der Region und deren Familien lebten in direkter Nachbarschaft zu den anderen Mitbürgern. Auch die Familie Lichtenstein, an die Walter Schiffers am Projekttag erinnerte. „Weil sie in der Martin-Heyden-Straße eine Hühnerfarm hatte und wir dort unsere Eier kauften, kannten wir die Familie Lichtenstein”, erzählt Schiffers. Später sei dann den Deutschen gesagt worden, dass sie nicht mehr bei Juden kaufen sollten, weiß Walter Schiffers noch. Vieles hatte er noch aus den Kriegstagen zu berichten, auch von dem Tag, als die Zivilbevölkerung um 15 Uhr aufgerufen wurde, Geilenkirchen zu verlassen und um 18 Uhr bereits zwei Personenzüge für die Evakuierung bereit standen. „Als wir 1945 zurückkamen, war Geilenkirchen platt. Wir hatten kaum etwas zu essen”, erzählt er weiter und antwortet noch auf viele Fragen der jungen Zuhörer.

Deutsch- und Geschichtslehrerin Stephanie Odinius war es, die nach dem Besuch des „Zuges der Erinnerung” im vergangenen Jahr das „Litfaßsäulenprojekt” ins Leben rief.

Bis zu den Sommerferien wollen die 24 teilnehmenden Schüler zwei Litfaßsäulen mit Bildern und Texten aus Vergangenheit und Gegenwart bestücken, die sich gegen jegliche Art von Rechtsradikalismus richten und auf die schlimme Zeit der Nazi-Herrschaft aufmerksam machen.

Blick in die Geschichtsbücher

Stephanie Odinius und Deutsch- und Kunstlehrerin Dr. Christiane Lork werfen zusammen mit den Jugendlichen einen Blick in die Geschichtsbücher. Lork verweist auf die verschiedenen Initiativen, die sich in Geilenkirchen - auch im Rahmen des Bundesprojektes „Toleranz fördern - Kompetenz stärken” derzeit mit dem Thema auseinandersetzen.

Lokale Ereignisse wichtig

Auf einem Tisch im Projektraum liegen Original-Zeitungen aus den 30er Jahren ausgebreitet, leicht vergilbt, aber in gutem Zustand. Hier stellten die Schüler erstaunt fest, dass bereits Jahre vor der Machtergreifung Anzeigen mit dem Text „Kauft nicht bei Juden” geschaltet wurden. „Wir müssen uns noch länger in die Geschichte vertiefen und weiter daran arbeiten”, sagt Dr. Christiane Lork.

Immer wieder würden Sachen auftauchen, die man nicht erwartet habe. „Besonders die lokalen Ereignisse sind für die Jugendlichen greifbar, denn sie kennen die Örtlichkeiten”, so die Deutschlehrerin. Noch bis zum Sommer befassen sich die Schüler ein- oder auch zweimal pro Woche mit dieser traurigen Vergangenheit. Die erste Litfaßsäule ist etwa zur Hälfte mit Bildern und Texten aus den Kriegstagen bestückt. Diese wird einer weiteren Säule gegenübergestellt, die sich mit Rechtsradikalismus und der Neonazi-Szene in der Gegenwart beschäftigt. Die Ergebnisse des Projektes werden zunächst in einer Ausstellung in der Realschule präsentiert. Ein Ziel ist es, dass beide Säulen als Mahnmale an wechselnden Örtlichkeiten - zum Beispiel in öffentlichen Gebäuden - aufgestellt werden.

Wissen schaffen

„Wir wollen Wissen schaffen, um vor Unwissenheit zu schützen”, meldet sich Paula mit einem weiteren Slogan für das Projekt zu Wort. Die 15-Jährige hat schon „seltsame” Erfahrungen in Bezug auf das Projekt gemacht: „Freunde haben mir gesagt, dass sie das Projekt nicht gut finden”, musste sich Paula anhören. Sie lässt sich nicht entmutigen, jetzt erst recht nicht, schließlich will sie die Menschen aufrütteln - gegen das Vergessen.
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