Übach-Palenberg - Literaturgottesdienst: Werte ohne moralischen Zeigefinger vermitteln

Literaturgottesdienst: Werte ohne moralischen Zeigefinger vermitteln

Von: RENATE KOLODZEY
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Kindergeschichte als Vorbild: Heike Justen, Pfarrer Christian Justen mit dem Buch „Das fliegende Klassenzimmer“ und Presbyterin Renate Krückel (von links nach rechts). Foto: Renate Kolodzey

Übach-Palenberg. „An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.“ Mit so einem Schülerstreich, bei dem die Klasse nicht verhindert, dass ein Junge von einem hohen Gerüst springt, macht Erich Kästner in seiner vor über 80 Jahren erschienenen Internatsgeschichte klar, dass Mut auch mit aktivem Eingreifen zu tun hat.

 Er versteht Mut nicht als Waghalsigkeit, sondern als Zivilcourage – also innere Stärke, das zu tun, was moralisch notwendig ist, auch wenn es gegen die Regeln verstößt. Ein Wert, der heute wie damals aktuell ist.

Pfarrer Christian Justen ist ein großer Fan von Kästners Literatur: „Ich habe ‚Das fliegende Klassenzimmer‘ oft gelesen und kenne auch die anderen Geschichten sehr gut. Zum 100. Geburtstag des Autors hat mir meine Mutter die Gesamtausgabe geschenkt.“ Deshalb lag es nahe, dass er diese Geschichte in einem Literaturgottesdienst der Reihe „Der andere Gottesdienst“ thematisiert.

Mehrere Tage arbeitete er an dem Drehbuch und seine Frau Heike sowie Presbyterin Renate Krückel standen ihm im Gottesdienst zur Seite. Da der Roman in der kalten Jahreszeit spielt, versetzte Organistin Regine Rüland die Besucher in der Erlöserkirche zunächst mit „Sleigh Ride“, der Schlittenfahrt von Leroy Anderson, schwungvoll in winterliche Stimmung.

Pfarrer Justen begründete seine Auswahl mit den Worten: „In guten Kinderbüchern zeigt sich tiefes Nachdenken über das menschliche Leben und die Welt, so dass sie auch Erwachsene sie mit großem Gewinn lesen.“ Abwechselnd beleuchteten Heike Justen und Renate Krückel zunächst Kästners Leben. Dass er sich selbst als einen Atheisten sah, wird an Äußerungen wie „die Menschen werden nicht gescheit, am wenigsten die Christenheit“, deutlich.

Nach dem Ersten Weltkrieg hat Kästner Abitur gemacht, unter anderem Germanistik studiert, promoviert und im Jahr 1933 „Das fliegende Klassenzimmer“ geschrieben. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten durfte er als Kriegsgegner nicht mehr publizieren, seine Bücher wurden verbrannt. Der Autor sei vor allem der Meinung gewesen, man solle Kindern nicht in Büchern weismachen, sie seien ununterbrochen fröhlich, denn auch sie wären manchmal unglücklich.

Zunächst stellte Pfarrer Justen die Hauptpersonen des Romans vor, die für ihre Weihnachtsfeier das Theaterstück „Das fliegende Klassenzimmer“ proben, und in der festgelegten Rollenverteilung las er abwechselnd mit seiner Frau und Krückel ausdrucksvoll dem gebannt lauschenden Publikum Auszüge daraus vor.

Die Protagonisten setzen sich mit grundlegenden menschlichen Eigenschaften und Emotionen auseinander: Mut, Zivilcourage, Angst. Besonders die Passage, in der ein Schüler das moralische Gebot, einem Klassenkameraden in Not zu helfen, über das formale Gebot der Schulordnung stellt, fesselt und berührt die Zuhörer. Im „Fliegenden Klassenzimmer“ geht alles gut aus, gegen alle Schrecken baut Kästner ein Bollwerk der Freundschaft aus Mut und Gemeinschaftsgefühl auf. Sichtlich berührt und nachdenklich von dieser Geschichte verließen die Besucher die Kirche.

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