Übach-Palenberg/Bottrop - Lebenstraum in 1253 Metern Tiefe: Zu Besuch im Bergwerk

Lebenstraum in 1253 Metern Tiefe: Zu Besuch im Bergwerk

Von: Thorsten Pracht
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Glückliche Gesichter: Nach ihrer Grubenfahrt auf der Zeche Prosper Haniel in Bottrop sitzen Andreas Rummler, Ralf Durczok, Peter Naujok und Steven Moosmann (v. links) aus Übach-Palenberg mit schwarzen Gesichtern in der Kaue an Schacht 9. Foto: Thorsten Pracht
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Ramazan Atli und Dirk Tomke (r.) begleiten die Besuchergrubenfahrten auf der Zeche Pros-per Haniel.

Übach-Palenberg/Bottrop. Baufeld Haniel West, Flöz 62/F, Bauhöhe 547, irgendwo unter dem Naturschutzgebiet zwischen Bottrop und Dinslaken. Die Männer vom Revier 9 des Bergwerks Prosper Haniel haben Besuch. Knapp 340 Meter lang ist der Streb, aus dem sie derzeit Steinkohle abbauen, dazu knapp 1,70 Meter hoch.

„So groß waren die Strebe früher nicht“, merkt Peter Naujok trocken an. Er hat schon unter anderen Bedingungen gearbeitet, auf allen Vieren, mit der Hand die Kohle aus dem Berg geholt – damals, als er mit 16 Jahren auf der Grube Anna in Alsdorf als Bergmann anfing. Harte körperliche Arbeit sei das gewesen, von Beginn an. Was – natürlich – kein Jammern ist. „Da wusste man wenigstens gleich Bescheid.“

Naujok, 58, kommt aus Übach-Palenberg, genau wie seine Freunde Andreas Rummler (51), Ralf Durczok (51) und Steven Moosmann (32). In 1253 Metern Tiefe – oder Teufe, wie die Bergleute sagen – erfüllen sie sich heute den Traum, ein aktives Bergwerk zu besichtigen. Naujok tut dies aus alter Verbundenheit zu dem Beruf, den er mal erlernt und geliebt hat, die anderen drei, um später sagen zu können: Ich war einmal unter Tage!

Ende 2018 ist Schluss

Die Zeit dafür wird langsam knapp. Am 21. Dezember 2018 ist auf der Zeche Prosper Haniel in Bottrop Schicht im Schacht. Parallel dazu schließt auch das Bergwerk in Ibbenbüren. Das ware_SSRqs dann mit der Steinkohle. „Wahrscheinlich verdrängen wir alle noch, dass es demnächst vorbei ist – ich auch“, sagt Dirk Tomke.

Der 46-Jährige hat über Jahrzehnte „Strecke gemacht“, war also für den Vortrieb zuständig. Sein Vater war schon unter Tage, dessen Vater auch. Auf Prosper ist die letzte Vortriebsmaschine längst abgeschaltet, denn neue Strecken braucht das Bergwerk bis zu seiner Schließung nicht mehr. Also begleitet Dirk Tomke jetzt mit seinem Kollegen Ramazan Atli die Besuchergrubenfahrten. Zwei am Tag bietet die Ruhrkohle AG auf Prosper an, die Termine werden langsam knapp. Das letzte Quartal 2018 ist bereits komplett ausgebucht.

Tomke und Atli werden zu denen gehören, die danach noch zwei Jahre lang unter Tage aufräumen. „Hier unten gibt es so viel Stahl, da bekommt jeder Schrotthändler feuchte Augen“, scherzt Tomke. Alles, was nicht fest eingebaut ist, wird bis Ende 2020 aus dem Bergwerk entfernt. „Es hat schon ein bisschen was von Stolz, zu den Letzten zu gehören“, sagt Tomke. „Aber die Trauer wird irgendwann kommen.“

„Ganz Deutschland versorgt“

Wenn der Grubenführer über die Entwicklung der Ruhrkohle AG erzählt, dann werden Erinnerungen wach an den Niedergang des Aachener Reviers vor knapp einem Vierteljahrhundert. Auch damals sanken Fördermengen und Beschäftigtenzahlen im Gleichschritt. 183.000 Mitarbeiter hatte die Ruhrkohle AG 1969 in 52 Bergwerken. Die geförderten 85 Millionen Tonnen Steinkohle „haben gereicht, um ganz Deutschland mit Energie zu versorgen“, sagt Tomke nicht ohne Stolz. 2016 betrug der Absatz gerade noch 4,4 Millionen Tonnen, Mitte dieses Jahres hatte die RAG Bergbau noch 5500 Mitarbeiter. Die Zahl dürfte längst niedriger liegen.

„Fast jeden Tag verlassen uns Mitarbeiter“, berichtet Dirk Tomke. Wer Jahrgang 1973 oder jünger ist, kommt nicht in die sogenannte Anpassung, profitiert also nicht von der steuerfreien Vorruhestandsregelung. Knapp 280 Mann betrifft das auf Prosper Haniel. „Und die wissen seit zehn Jahren Bescheid. Hier fällt keiner ins Bergfreie“, weiß Tomke.

Er will sich aktiv darauf vorbereiten, dass er mit knapp 50 Jahren schon im Ruhestand sein wird. Er plant, sich ehrenamtlich im sozialen Bereich zu engagieren. „Integration, Arbeitsplätze für weniger Gebildete – auch das ist der Bergbau“, sagt Tomke. Wer ihm zuhört, kann die Leidenschaft für seinen Beruf förmlich greifen. Obwohl er nur noch Besucher durch die Grube führt, spricht er von einer großen Motivation. „Wann kann der Bergmann schon mal seine Arbeit vorstellen“, fragt er.

Die vier Übach-Palenberger sind am Morgen in Boscheln gestartet, Wiesenstraße, eine Bergmannssiedlung mit den typischen Reihenhäusern, wie es sie auch in Alsdorf, Aldenhoven, Merkstein oder Baesweiler gibt. Wer in diesen Häusern wohnt, der hat per se irgendeinen Bezug zur Steinkohle.

So ist es auch bei Andreas Rummler (51). „Ich bin in der Wiesenstraße geboren. Der Bergbau war in meiner Kindheit schon ein Thema. Meine Freunde waren alle auf der Zeche, all meine Onkel auch“, sagt der Kommunikationselektroniker. Er hat beruflich einen anderen Weg eingeschlagen, aber die Faszination für die Welt unter Tage hat ihn trotzdem nie losgelassen. Mit allen Tricks habe er versucht, einmal in ein Bergwerk einzufahren. Heute klappt es endlich.

Anna (Alsdorf), Emil-Mayrisch (Siersdorf), dann Kamp-Lintfort – Steven Moosmann, der Jüngste, zählt die Bergbau-Stationen seines Vaters auf: „Er wollte mich immer mal mitnehmen.“ Doch dazu kam es nicht. Ralf Durczok ist vor allem auf die Technik gespannt, auf die Leistung der Ingenieure. Und Peter Naujok will „gucken, was sich alles verändert hat“, er kennt den Bergbau der 1970er und 80er Jahre, bis er 1989 zur damaligen Rheinbraun wechselte. „Die Kameradschaft unter Tage war unbeschreiblich. So etwas habe ich danach nicht mehr erlebt“, erinnert er sich.

Die Besuchergrubenfahrten auf Prosper sind keine Showveranstaltungen. Wer sehen will, wie Kohle gefördert wird, der nimmt den selben Weg wie die Bergleute. Wo gerade abgebaut wird, da gehen auch die Unter-Tage-Touristen hin. Deshalb ist Eile angesagt. Begrüßung, Sicherheitsunterweisung, noch eine Tasse Kaffee, dann geht die Seilfahrt um Punkt 11 Uhr zum Schichtwechsel mit zwölf Metern pro Sekunde, das sind 43 km/h, in die Teufe, hinunter auf 1253 Meter.

Die ersten Meter nach dem Aussteigen aus dem stählernen Förderkorb erinnern eher an einen U-Bahnhof, der Boden ist teilweise gepflastert, es gibt einen kleinen Warteraum mit Bänken. „Diese Größe, wie gut das ausgebaut ist“, staunt Ralf Durczok. Nach 45 Minuten in der „Dieselkatze“, einem Zug, der an einem Stahlträger von der Decke hängt, sind die Männer tief in das 90 Quadratkilometer große Prosper-Grubenfeld mit seinem 117 Kilometer langen Streckennetz eingetaucht. Jetzt ist es dreckig, feucht, eng, die Luft bekommt jetzt einen metallischen Geschmack.

Tomke und Atli sprechen mit ihren Kollegen vom Revier 9. Ein kurzes Signal, dann springt der Hobel an, ein monströses Gerät, das von einer ebenso monströsen Kette auf Schienen am Flöz entlang gezogen wird. Die Kohle wird abgeschält und über ein Förderband nach außen transportiert. Etwa drei Meter hinter dem Hobel kauern die Besucher.

Archaische Arbeit

Dicke Kohlebrocken brechen ab, auch von der Decke rieselt das schwarze Gold. „Von jedem Meter, den wir abbauen, kommen oben 90 Zentimeter an“, sagt Tomke. Bergschäden, Feinstaub, CO2-Emissionen – das spielt hier keine Rolle. Archaische Arbeit, ausgeführt von Männern, deren Beruf gerade hier im Ruhrgebiet einen legendären Ruf genießt – darum geht es. Dabei wird längst nicht mehr so malocht, wie es bis vor 25 Jahren auch im Aachener Revier nötig war. „Ich bin trotzdem froh, dass ich diese harte körperliche Arbeit nicht mehr machen muss“, sagt Naujok.

Die vier Übach-Palenberger bestaunen Maschinen so groß wie Häuser, den „stärksten Fördergurt der Welt“ (Tomke), der pro Stunde bis zu 2000 Tonnen Kohle über eine Länge von drei Kilometern an die Oberfläche nach Bottrop transportiert. Naujok erinnert sich: „Wir haben die Bänder noch mit der Hand repariert. Das geht heute gar nicht mehr.“

Überhaupt sei zu seiner Zeit in Alsdorf die Kohle auf Schienen, in den berühmten Loren, an die Oberfläche gebracht worden. Die Bewetterung des Bottroper Bergwerks erfolgt vollautomatisch, über ein ausgeklügeltes Rohrsystem gelangt vier Grad kaltes Wasser in die Grube und kühlt die Luft auf eine Temperatur von 26 Grad. An jeder Ecke hängen Sicherheitshinweise. Statistisch gesehen ist die Fahrt von Übach nach Bottrop gefährlicher als die Grubenfahrt. Gerade mal zwei meldepflichtige Arbeitsunfälle passieren auf Prosper auf eine Million Arbeitsstunden. Anderswo auf der Welt bezahlen Arbeiter unter Tage immer noch mit ihrem Leben, weil die Betreiber zu wenig in Sicherheit investieren.

Die Besucher machen sich beeindruckt, aber auch nachdenklich auf den Rückweg. „Für mich ist heute ein lang ersehnter Wunsch wahr geworden, der unerfüllbar schien. All meine Erwartungen wurden bei Weitem übertroffen. Auf der einen Seite diese unnatürliche Umgebung in dieser Tiefe mit allen Gefahren, und auf der anderen Seite der hohe Anspruch an Sicherheit und diese gewaltige Technik“, sagt Rummler.

„Ein richtiges Abenteuer“ sei die Grubenfahrt gewesen, sagt Ralf Durczok: „Der Gedanke, über 1200 Meter unter der Erdoberfläche zu sein, ist schon sehr imposant.“ Respekt schwingt mit, als die Männer zurück in der Kaue über die Leistung der Bergleute sprechen, über die unwirtliche Umgebung und die beeindruckende Technik. „Jetzt verstehe ich das hohe Ansehen der Steiger“, meint Andreas Rummler, der sich einen dicken Brocken Kohle als Andenken gesichert hat.

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