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Leben und Leiden der jüdischen Mitbürger bleiben unvergessen

Von: Udo Stüßer
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Seit den 70er Jahren recherchi
Seit den 70er Jahren recherchiert Karl-Heinz Nieren die Geschichte der Geilenkirchener jüdischen Glaubens. Er will wissen, wo sie lebten und wie ihre Namen lauteten. Foto: Georg Schmitz

Geilenkirchen. Gabriel Frenkel, geboren am 17. September 1869 in Geilenkirchen, wohnhaft Hindenburgstraße 142 (heute Konrad-Adenauer-Straße), starb am 30. Oktober 1942 um 5.20 Uhr im Konzentrationslager Theresienstadt (heute Tschechien). Angebliche Krankheit: Alterschwachsinn. Angebliche Todesursache: Kranzarterienverkalkung.

Auch die Todesfallanzeige von Albert Gottschalk aus Geilenkirchen-Bauchem hatten die Nazis im KZ Theresienstadt sorgfältig ausgefüllt: Der am 18. Juli 1860 in Bauchem geborene im Pappelweg lebende jüdische Mitbürger kam am 3. Oktober 1942 in Theresienstadt um 6.10 Uhr ums Leben. Angebliche Todesursache: Darmkatarrh.

Der pensionierte Geilenkirchener Lehrer Karl-Heinz Nieren ist seit Jahrzehnten auf den Spuren jüdischen Lebens in Geilenkirchen. Wo haben unsere jüdischen Mitbürger gewohnt? Wie waren ihre Namen? Wie haben sie gelebt? Wie und wo sind sie umgekommen? Auf diese und viele andere Fragen hat er Antworten gefunden. Antworten, die bedrücken. Antworten, die nachdenklich machen. Antworten als eine Mahnung für die Zukunft.

Auch in Yad Vashem in Jerusalem, in der bedeutendsten Gedenkstätte, die an die nationalsozialistische Judenvernichtung erinnert und sie wissenschaftlich dokumentiert, wurde Karl-Heinz Nieren fündig: Hier stieß er unter anderem auf Gedenkblätter von Emil Dahl aus der Hindenburgstraße 106 in Geilenkirchen. Er starb im polnischen Konzentrationslager Izbica. Angelegt hatte das Gedenkblatt sein Neffe Dennis D. Baum aus Dallas, Texas, am 5. September 1983.

Aber in Yad Vashem gibt es noch weitere Gedenkblätter, die an den ehemaligen Geilenkirchener jüdischen Mitbürger Emil Dahl erinnern: Ein Gedenkblatt wurde von seiner Tochter Ilsa D. Cole, geborene Dahl, aus Kansas City, Montana, im Jahre 1971 angelegt, eine weitere Eintragung stammt von Dahls Sohn Erich, der in Cleveland lebt. Weitere Recherchen von Karl Heinz Nieren haben ergeben, dass Clara Dahl, Ehefrau von Emil Dahl, in der Hindenburgstraße 106 eine Leihbücherei führte.

Seit den 70er Jahren erforscht Karl-Heinz Nieren, zu dem Zeitpunkt Lehrer für Mathematik und Physik an der Hauptschule Immendorf, das jüdische Leben in Geilenkirchen. Zu diesen Recherchen bewog ihn sein Kollege und guter Freund Peter Kück, ein engagierter Heimatforscher und -kenner, der auch das Historische Klassenzimmer in Immendorf aufgebaut hat. Schon damals besuchten die Lehrer gemeinsam mit Schülern jeweils am 9. November den jüdischen Friedhof in Geilenkirchen. Hinzu kamen noch gute Kontakte zu dem Geilenkirchener Heimatforscher Hermann Wassen, der bereits in den 60er Jahren die jüdische Geschichte Geilenkirchens aufgearbeitet hatte.

Karl-Heinz Nierens Forschungsarbeiten haben ergeben, dass Geilenkirchen mit rund 130 jüdischen Mitbürgern eine der größten jüdischen Gemeinden in der Region war. Etwa 85 jüdische Mitbürger sind im Konzentrationslager getötet worden. Andere konnten vorher auswandern, überwiegend in die USA, nach Südamerika und Israel. „Nach dem Krieg ist kein Jude mehr nach Geilenkirchen zurückgekehrt”, erklärt Nieren, der Stunden über Stunden im Stadtarchiv zugebracht hat, alte Adressbücher durchforstet und Vereinschroniken gelesen hat. Denn schließlich waren auch die jüdischen Mitbürger Vereinsmitglieder, ob in den Fußballclubs, in den politischen Parteien oder im ATV.

In diesen Chroniken stieß Nieren auf ihre Namen und auch auf ihre Gesichter. Auch hat er festgestellt: „Die Juden lebten in Bauchem, Geilenkirchen und Hünshoven. In den Dörfern gab es kein jüdisches Leben.” Hilfreich bei seiner Forschungsarbeit war, dass ihm Mitte der 90er Jahre die Unterlagen des zwischenzeitlich verstorbenen Hermann Wassen zur Verfügung gestellt wurden.

Der 69-jährige pensionierte Lehrer, der 1991 zum Gründungskollegium der Geilenkirchener Gesamtschule gehörte, hat auch heute noch viele Fragen: Wenn er die Geschichte der Geilenkirchener jüdischen Glaubens aufgearbeitet hat, will er die Schicksale anderer von den Nazis verfolgten Menschen erkunden, die Schicksale politisch Verfolgter, Gewerkschafter, Kommunisten, SPD-Mitglieder und religiös verfolgter Christen.

„Ich will meine Arbeit nicht nur auf die jüdischen Mitbürger, sondern auf alle in unserer Stadt von den Nazis Verfolgten ausweiten”, blickt Nieren in die Zukunft. Intensiviert hat Nieren seine Arbeit auch nach der Namensgebung der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule. „Der Name ist Verpflichtung. Wir müssen unsere Schüler zu Toleranz erziehen”, sagt er, der auch heute noch von seinem Gesamtschul-Kollegen Dr. Martin Kerkhoff unterstützt wird.

Auch wenn sich Nieren seit 2007 im Ruhestand befindet, klingelt zwischen 5 und 6.30 Uhr sein Wecker: Und mit einem frischen Kaffee führen ihn seine ersten Schritte oftmals an den PC. Denn auf seinem Schreibtisch stapeln sich Unterlagen aus den Konzentrationslagern Bergen-Belsen, Ravensbrück, Oranienburg, Buchenwald, Dachau, Auschwitz undWesterbork. Oft sind es auch die verschiedenen Schreibweisen in den unterschiedlichen Unterlagen, die die Nachforschungen erschweren.

Mal stößt Nieren auf Herta, mal auf Bert(h)a, wobei die gleiche Person gemeint ist. Handelt es sich bei Herrn Libmann, Lißmann, Lissmann oder Lihsmann um die gleiche Person? Bei seinen Recherchen stößt Nieren nicht nur auf Namen, sondern auch auf Schicksale. „Wenn man liest, wie mit den jüdischen Mitbürgern verfahren wurde, geht das einem sehr nahe. Es ist unverständlich, wie so etwas passieren konnte. Und wir müssen heute aufpassen, dass so etwas nicht noch einmal geschieht”, sagt er.

Vor etwa einem Jahr gründete Karl-Heinz Nieren mit der ehemaligen Parlamentarischen Staatssekretärin Christa Nickels die „Initiative Erinnerung”, dem neben einzelnen Geilenkirchenern unter anderem die Anita-Lichtenstein-Gesamtschule, das Berufskolleg, die Realschule, das St.-Ursula-Gymnasium, die katholische und evangelische Kirche angehören. Gemeinsam will man die Schicksale der Geilenkirchener jüdischen Glaubens aufarbeiten. In dieser Runde wurde unter anderem die Idee geboren, eine interaktive Stadtkarte ins Internet zu stellen.

Seitdem arbeitet er an Stadtkarten, auf denen man die früheren Straßennamen mit den heutigen abgleichen kann. Man kann sehen, wo jüdische Menschen wohnten und wie ihre Namen waren. Und man kann sehen, was heute noch an unsere ehemaligen jüdischen Mitbürger erinnert. Auf einer Karte aus den 1930er Jahren ist beispielsweise für alle Zeit festgehalten, dass Abraham und Isidor Gottschalk in Geilenkirchen lebten, wie ihr Haus aussah. Bis die Nazis in Geilenkirchen jüdisches Leben auslöschten.

Für alles, was an jüdisches Leben erinnert, wird auf dem Bildschirm ein Marker sichtbar. Klickt man ihn an, gibt es weitere Informationen, beispielsweise über die ehemalige Synagoge, den jüdischen Friedhof, die Gesamtschule, Gedenktafeln und Häuser.

Derzeit arbeitet Christa Nickels noch an einem einführenden Text, die Realschule wird auf dieser Internetseite, auf der weitere Links zu finden sind, ihr Litfaß-Säulen-Projekt vorstellen. In etwa zwei Wochen wird die Seite freigegeben. Die Gesichter und Geschichte der Opfer bleiben damit nicht ausradiert.

Wer in einem der Arbeitskreise des Aktionsbündnisses Erinnerung mitarbeiten möchte, melde sich in der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule in der Pestalozzistraße.

Auch wer noch Wissen, Adressen oder Anregungen hat, kann sich in der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule melden. Zu erreichen ist die Schule unter Tel. 02451/98070.

Eine Arbeitsgruppe der Oberstufe der Gesamtschule erarbeitet derzeit unter Leitung von Geschichtslehrer Dr. Martin Kerkhoff eine Broschüre über das jüdische Leben in Geilenkirchen.

In dieser Broschüre werden jüdische Mitbürger vorgestellt, ihr Leben dargestellt und ihre Wohnorte gezeigt. Fertig wird sie im Sommer.

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