Leben mit Demenz: Auf schwierigen Wegen liebevoll zur Seite stehen

Von: Udo Stüßer
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Familie, Nähe und Zuneigung sind ganz wichtig für an Demenz erkrankte Menschen: Erna Röbner freut sich immer auf die Stunden mit ihrer Tochter Hedwig Habor. Foto: Udo Stüßer

Geilenkirchen. Erna Röbner freut sich auf die wöchentliche Singstunde. Hier trifft die 87-jährige Bewohnerin des Geilenkirchener Franziskusheimes auf andere musikinteressierte Senioren. Die Texte der Volkslieder und alten Schlager kennt sie auswendig. Ihre Tochter Hedwig Habor ebenso. Die 60-Jährige begleitet ihre Mutter regelmäßig zu den Treffen der sangesfreudigen Frauen und Männer.

Die alten Melodien wecken bei Erna Röbner Erinnerungen. Die Lieder setzen Emotionen frei. Mal sorgen sie für Traurigkeit, mal für Heiterkeit. Erna Röbner ist dement. Und trotzdem ist sie glücklich. Sie weiß viele freundliche und hilfsbereite Menschen an ihrer Seite: ihre Kinder, die sie im Franziskusheim regelmäßig besuchen, die Mitbewohner und die Pfleger.

Sie gehen gemeinsam mit ihr den Weg mit der Demenz, den der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan als „Reise in den Sonnenuntergang des Lebens“ beschrieben hat. Und auf dieser Reise sollte niemand allein sein.

Aus diesem Grunde steht der Welt-Alzheimertag am morgigen Samstag auch unter dem Motto „Demenz – den Weg gemeinsam gehen“.

An diesem Tag soll daran erinnert werden, dass Demenzkranke und ihre Familien Wegbegleiter, Freunde, Nachbarn und Kollegen ebenso wie Fachleute aus Pflege, Beratung, Medizin und Therapie brauchen. „Aber zunächst muss man selbst lernen, mit der Krankheit umzugehen“, sagt Hedwig Habor und erinnert sich an den Beginn der Erkrankung ihrer Mutter.

Auch nach dem Tod ihres Vaters Gerhard Röbner vor zwölf Jahren war ihre Mutter eine rüstige und gesunde Frau. Sohn Manfred lebte zu dem Zeitpunkt mit in der elterlichen Wohnung in Übach. Während der heute 58-Jährige seiner Arbeit nachging, versorgte Mutter Erna den Haushalt mit allem, was dazugehört.

Die mit ihrer Familie in Frelenberg lebende Hedwig Habor, selbst berufstätig, schaute regelmäßig nach ihrer Mutter. Tochter und Mutter hatten immer schon ein gutes Verhältnis. „Doch plötzlich, etwa vor fünf Jahren, schimpfte sie immer mit mir.

Mittlerweile hatte meine Mutter erhebliche Knieprobleme, aber meine Hilfe lehnte sie ab. Es gab oft Streit“, beschreibt die Tochter den Wandel. Und sie sagt: „Ich war traurig und geschockt.“ Bei ihren Besuchen stellte Hedwig Habor fest, dass ihre Mutter körperlich abbaute und ihr immer wieder das Gleiche erzählte.

Während Hedwig Gabor im Franziskusheim freimütig über den Verlauf der Krankheit berichtet, hört Erna Röbner aufmerksam zu. Und sie will sich am Gespräch beteiligen. „Ja, richtig kalt war es“, sagt sie und erzählt zögernd von ihrer Kindheit und Jugendzeit.

Besonders die Kriegszeit ist in ihrem Gedächtnis bisher noch haften geblieben. Sie erinnert sich an die dreijährige Gefangenschaft in Russland, als sie in der Zeche unter Tage arbeiten musste. Und sie denkt dabei an einen Steiger, an einen Wolga-Deutschen, der dafür gesorgt hatte, dass sie nicht die schwersten Arbeiten ausführen musste. „Und wir haben Kartoffel geklaut“, wirft sie fröhlich lachend ein.

„Ihr Körper machte schlapp“

Ernstere Miene macht hingegen Hedwig Habor, wenn sie an die weiteren Ereignisse zurückdenkt. „Vor drei Jahren wurde meine Mutter krank, ihr Körper machte schlapp, sie trank wenig.“ Der Hausarzt überwies sie ins Geilenkirchener Krankenhaus.

Während des einwöchigen Krankenhausaufenthaltes stellten die Ärzte demenzielle Veränderungen fest, weil die Patientin nicht auf einfache Fragen antworten konnte. Der Tochter war das bisher noch nicht aufgefallen. Der Sozialdienst empfahl die Unterbringung in einem Pflegeheim. „Ich hätte sie nicht pflegen können, weil ich berufstätig bin. Außerdem widersetzte sie sich mir immer.

Kein Rat, keine Empfehlung wurde angenommen“, sagt Hedwig Habor. Sicherlich war die erste Zeit schwierig: „Die Nachbarn machten Vorwürfe, sie schimpften, weil meine Geschwister und ich unsere Mutter ins Pflegeheim gebracht haben. Ich machte mir selbst Vorwürfe.“ Und in der Anfangsphase immer wieder die quälende Frage der Mutter: „Wann komme ich wieder nach Hause?“

Nach einem halben Jahr heimisch

Nach einem halben Jahr fühlte sich Erna Röbner im Franziskusheim heimisch. „Hier sind nette Leute, die kann ich fragen, und die helfen mir immer“, sagt sie Seniorin heute. Und ihre Tochter versichert: „Im Pflegeheim ist meine Mutter richtig aufgeblüht.

Und das Verhältnis zu meiner Mutter hat sich zum Positiven verändert. Hätte ich sie pflegen müssen, wäre ich schnell hier gelandet. Heute fühlt sich meine Mutter hier zu Hause.“Mario Ohnesorg, Hausleiter des Franziskusheimes, hofft derweil auf größere Akzeptanz der betroffenen Menschen in der Gesellschaft: „Demenz ist eine Krankheit und kein Makel.

Sie muss in all ihren Entscheidungsformen akzeptiert werden. Demenz darf nicht aus den Augen verloren werden.“

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