Heinsberg - Kurz nach dem Schnäpschen kommt der Filmriss

Kurz nach dem Schnäpschen kommt der Filmriss

Von: Nicola Gottfroh
Letzte Aktualisierung:
4930840.jpg
Schon ein paar Tropfen des Mittels GHB im Glas können einen umhauen. Und an das Mittel zu kommen, das sei für Täter nicht schwer, sagt Monika Bulin vom Frauennotruf. Foto: N. Gottfroh

Heinsberg. Es ist Rosenmontag. Wie jedes Jahr ist Anna K. beim Straßenkarneval mittendrin. Obwohl es an diesem Tag vor zwei Jahren eiskalt ist und sie in ihrem Schneewittchenkostüm friert, ist die Laune bei Anna und ihrer Mädchen-Clique gut.

Noch großer wird der Spaß, als sich eine Gruppe Männer zu ihnen gesellt. Die Jungs sind attraktiv und nett, vor allem der Hüne im Schafskostüm gefällt Anna. Deshalb trinkt sie auch gerne die kleinen Feigenschnapsfläschchen, die der Mittzwanziger ihr in die Hand drückt.

„Es war ja schließlich kein vergifteter Apfel, der mich wie Schneewittchen aus der Bahn werfen könnte – das dachte ich zumindest“, sagt Anna. Sie stößt mit dem Mann im Schafspelz an – und erkennt den Wolf, der unter dem Fell schlummert, nicht. Anna trinkt ein ersten Fläschchen, dann ein zweites – und noch bevor es ein drittes gibt, ist plötzlich Schluss mit lustig.

„Nach dem zweiten Kurzen erinnere ich mich an nichts mehr“, sagt die 25-Jährige aus Hückelhoven. Aber aus den Erzählungen ihrer Freundinnen weiß sie nur zu gut, was dann passiert ist. „Ich war scheinbar nicht mehr ich selbst, bin komplett ausgeflippt“, beschreibt die junge Frau.

Die Freundinnen schildern ihr, dass sich ihr körperlicher und geistiger Verfall in drei Stufen zugetragen habe. Zunächst dreht Anna aus heiterem Himmel völlig auf. „Wie ein Duracell-Hase“, beschreibt Anna Phase eins.

In Phase zwei wirft sie sich wildfremden Männern an den Hals. „Etwas, das sonst gar nicht meine Art ist“, betont sie. Nur Minuten später bricht sie mitten im Getümmel weinend zusammen. Keiner kann sie beruhigen.

Und dann wird ihr langsam schwarz vor Augen. Alles dreht sich, sie weiß nicht mehr wo oben und unten ist. Dann verliert sie zwischen dröhnender Karnevalsmusik und feiernden Menschen das Bewusstsein.

In der Nacht wacht sie zu Hause in ihrer eigenen Wohnung und dem eigenen Bett auf. „Gott sei Dank“, seufzt Anna. Die Freundinnen haben die bewusstlose Anna heim gebracht und stundenlang an ihrem Bett gewacht. „Den Mädels war sofort klar, dass ich von zwei Kurzen nicht so betrunken sein konnte. Sie ahnten, dass mir der Typ wohl etwas in den Drink geschüttet haben musste“, sagt die Studentin.

Annas Schädel dröhnt und sie hat einige Blutergüsse und Schürfwunden vom Aufschlagen auf dem Asphalt als sie bewusstlos wurde. Doch die Studentin hatte Glück.

Viele andere Frauen sind ohne Freundinnen unterwegs, die auf sie aufpassen. Sie werden mit sogenannten K.O.-Tropfen willenlos gemacht, manche werden mitgenommen, ausgeraubt, missbraucht oder vergewaltigt.

Dass Anna mit einem blauen Auge davongekommen ist, ist womöglich der Grund, warum die Freundinnen sie nicht direkt ins Krankenhaus gebracht haben, als sie bewusstlos wurde. Und es könnte auch erklären, warum Anna auch später keine Anzeige erstattet hat.

Genau weiß sie es selbst nicht. „Wahrscheinlich war es die Scham und die Angst, dass man mir nicht glaubt. Denn jemand, der mich nicht kennt, hätte ganz leicht zu dem Schluss kommen können, dass ich total betrunken war“, sagt auch Anna.

Auch im Heinsberger Polizeipräsidium tauchen selten Frauen auf und erstatten Anzeige, weil ihr Drink mit Betäubungsmitteln versetzt wurde, sagt Polizeisprecher Karl-Heinz Frenken auf Anfrage. Die Fälle, die in den vergangenen Jahren zur Anzeige gebracht wurden, könne man an einer Hand abzählen, erklärt der Polizist.

Das heißt aber noch lange nicht, dass die Problematik K.O.-Tropfen nicht auch in Kreis Heinsberg ein Thema ist. Das bestätigt auch Monika Bulin vom Frauennotruf Aachen. Inzwischen hat der Frauennotruf Aachen Berichte von insgesamt 115 Personen gesammelt, bei denen der Verdacht besteht, dass ihnen K.O.-Tropfen ohne ihr Wissen verabreicht wurden – auch von Frauen aus dem Kreis Heinsberg.

Nicht immer wurden die Drinks der Frauen in großen Diskos mit K.O.-Tropfen versetzt, sondern auch auf kleinen Partys im privaten Umfeld, auf Betriebsfeiern und Karnevalspartys. 34 der 115 Frauen, die sich an den Frauennotruf gewendet haben, wurden vergewaltigt, bei 16 besteht der Verdacht auf sexuelle Übergriffe – in zwei Fällen stellten die Frauen nach dem K.O.-Tropfen-Erlebnis eine Schwangerschaft fest.

Allerdings, so vermutet Bulin, sind diese dokumentierten Fälle nur die Spitze des Eisbergs. „Die Dunkelziffer ist mit Sicherheit viel höher“, sagt Bulin. Insbesondere wenn die Frauen mit einem Schrecken davongekommen seien, verdrängten sie ihr Erlebnis lieber.

Und oft sind sich diejenigen, die die Mittel in Verbindung mit Alkohol verabreicht bekamen, nicht sicher, ob denn tatsächlich Betäubungsmittel der Grund für ihr Verhalten war. „Zwar beschreiben viele Frauen einen kompletten Filmriss und andere das Gefühl von Willenlosigkeit oder von in Watte gepackt sein“, sagt Monika Bulin. „Doch in vielen Fällen führen KO-Tropfen auch dazu, dass die Frauen sehr aufgedreht sind.“

Kein Wunder, denn die als K.o.-Tropfen bezeichnete Stoff Gamma-Hydroxy-Buttersäure (GHB) bzw. Gamma-Butyrolacton (GBL), eine Vorstufe von GHB, ist in der Partyszene bekannt unter Liquid Ecstasy.

„Einige wenige Milligramm des farb- und geruchslosen Mittels heimlich ins Getränk geschüttet bewirken, dass man zunächst aufgedreht wird, viele Frauen fühlen sich auch wohlig und euphorisch. Oder sexuell stimuliert – das ist auch der Grund, dass sich manche Frauen Männern gegenüber enthemmt verhalten. Es entsteht für Beobachter der Eindruck, als sei die Frau noch aktiv am Geschehen beteiligt – dabei ist sie das längst nicht mehr. Und das ist das perfide an diesem Mittel“, sagt Bulin.

Werden Frauen viele Milligramm des Mittels mehr verabreicht, dann kommt es zu Schläfrigkeit und Benommenheit, zu Bewusstlosigkeit oder im schlimmsten Fall zu Koma und Tod. „Der Rausch ist bei allen Frauen anders. Und deshalb ist es für junge Frauen auch so schwer, einzuordnen, ob sie nun das Mittel bekommen haben“, so Monika Bulin.

Die Wirkung setzt innerhalb von 15 bis 30 Minuten ein und hält bis zu vier Stunden an. Und so schnell wie die Wirkung einsetzt, so schnell ist der Stoff auch wieder aus dem Körper verschwunden. Nachweisen lässt sich das Mittel höchstens zwölf Stunden.

Deshalb sollten Frauen schnellstmöglich zum Arzt oder zur Polizei. Das würde Anna im Nachhinein auch machen. „Heute ärgere ich mich, dass ich nicht sofort zur Polizei gegangen bin. Das gibt den Tätern Freiraum, weiterzumachen – und nicht alle Frauen haben so ein Glück wie ich“, sagt sie.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert