Kurt Tucholsky aus dem Klub der toten Dichter erweckt

Von: Karl-Heinz Hamacher
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Oliver Steller traf auf ein be
Oliver Steller traf auf ein begeistertes Publikum, das sich die Werke des Künstlers signieren ließ. Foto: hama

Gangelt-Langbroich. Der Frühling hielt Einzug in Langbroich, und in der Bürgerhalle sangen rund 300 rheinische Frohnaturen in weinseliger Eintracht „Wir versaufen unser Oma sein klein Häuschen!” Nein, das ist jetzt hier kein verspäteter Bericht einer Kappensitzung der „Langbröker dicke Flaa”, sondern eine Momentaufnahme aus dem Kurt-Tucholsky-Programm von Oliver Steller.

„Frühling ist, wenn Oliver Steller kommt”, begrüßte Lutz Vorbach den Gast und das Publikum in der ausverkauften Bürgerhalle. Steller-Freunde erinnern sich, dass der bekannte Rezitator und Musiker erstmals 2000 in der Galerie Vorbach mit „Von Goethe bis Gernhardt” zu Gast war.

Danach präsentierte er fast im Jahresrhythmus Gedichte für Kinder, Verse über die Liebe, ein bisschen Goethe, einen kurzen Blick auf Hesse und Rilke, Hölderlin, Heine und im vergangenen Jahr auf Lessing. Zum dritten Male stand er nun auf der Bühne in Langbroich und erweckte aus dem Club der toten Dichter Kurt Tucholsky zu neuem Leben.

Schon gleich im ersten Stück trug Steller Tucholsky von der Wiege, die 1890 in Berlin stand, bis zur Bahre, die er 45-jährig 1935 in Göteborg fand. Es ist sicherlich nicht üblich, dass die Gäste beim Betreten der Arena vom Künstler persönlich begrüßt werden. In Langbroich erging es einigen so, und der in Frechen lebende Steller freute sich über viele „Stammkunden”, die ihm unisono rieten: „Ziehen Sie doch nach Langbroich!”

Auch in der Pause war er für seine Gäste da; er stellte die CDs und Bücher aus seinen mittlerweile 17 verschiedenen Programmen - sieben davon gehören zu seinen aktuellen Repertoire - vor und signierte viele Werke. „Einfach phantastisch, was Sie uns da heute wieder bieten”, war nur eine der zahlreichen Lobeshymnen, die er zu hören bekam.

Steller gelingt es immer wieder, auf der Bühne für den Künstler, den er gerade vertritt, eine außergewöhnliche Präsenz zu schaffen. Da oben steht nur Oliver Steller: eine Gitarre, drei kleine Lautsprecher und ein Mikrophon der Extraklasse. Mehr nicht. Doch: Unsichtbar hörte man Kurt Tucholsky, der von Steller in immer deutlicher werdenden Konturen gezeichnet wird. Wir erfahren vom ersten Roman, „Rheinsberg”, der damals, 1912, „eine erotische Sensation” und gleich sehr erfolgreich war. Man hört vom humorvollen Tucholsky, man hört bitterböse Anklagen gegen den Krieg, man hört aus „Rosen auf den Weg gestreut” den berühmten Satz „Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft”.

Unzufriedenheit sei der Motor des Mannes gewesen, der als Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker unter Pseudonymen wie Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel veröffentlich hat. Man erfuhr, wie Tucholsky seinen Whiskey trank, dass es zu gekauften Büchern zeitweise einen Schnaps gab, von den Vorzügen dreiteiliger Spiegel im Zusammenhang mit dem „Vollgefühl maskuliner Manneskraft” und hörte das herrliche Stück vom „Kreuzworträtsel mit Gewalt”.

Vieles von dem Geschriebenen hat auch heute noch seine Gültigkeit. Das zählt für die „große Politik” ebenso wie für die Behördenhörigkeit: „Das deutsche Schicksal ist es, vor dem Schalter zu stehen, das deutsche Ideal ist der Platz dahinter!” Man hört von Tucholskys Zerrissenheit in der Liebe und seinem am Ende verlorenen Kampf gegen den Faschismus.

Während die auf Hochglanz polierte Decke seiner Gitarre ungleiche Kreise an die Wände der Bürgerhalle zaubert, glaubt man kaum, dass bei all der Leichtigkeit, mit der Oliver Steller, gepaart mit schauspielerischem Talent und musikalischem Können, seine Stücke vorträgt, dass es rund zwei Jahre dauert, bis er sich einen Dichter angeeignet und Gedichte und Texte vertont hat.

War es bei Tucholsky die messerscharfe Analyse der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit, die ihn zu einem herausragenden Beobachter seiner Zeit machte, kündigte Steller mit zwei Stücken aus dem Repertoire des Christian Morgenstern, der aus der Generation vor Tucholsky stammt, seine neueste Arbeit an. Und - da können nicht nur die Langbroicher sicher sein - der nächste Frühling kommt bestimmt.


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Eingeladen hatte zu dieser Veranstaltung der Rotary Club Heinsberg. Lutz Vorbach, der seit vielen Jahren Kontakt zu Oliver Steller hält, begrüßte 309 Gäste in der ausverkauften Bürgerhalle auch im Namen von Dr. Richard Nouvertné, dem Vorsitzendes des Clubs.

Ein Gruß ging an den Vorstandsvorsitzenden der Kreissparkasse Thomas Pennartz. Die Sparkasse hatte mit ihrem Engagement den Abend erst möglich gemacht. Danke sagte Vorbach auch dem Langbroicher Ortsvorsteher Leo Horrichs, der mit seiner Frau Maria federführend zum Gelingen des Abends beitragen hatte.

„Das ist eine andere Artder Spende”, so Lutz Vorbach. Den Gästen konnte er berichten, dass von diesem Abend rund 3000 Euro an das Projekt Schulspeisung im indischen Mumbai gehen.

„Würden wir dieses Projekt nicht finanzieren, müssten die Eltern, die dieses Geld nicht aufbringen können, ihre Kinder arbeiten schicken”, erzählt Vorbach und erwähnte die „positiven Rückmeldungen”, die man erhalte.

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