Kunstskandal: Bilder einer Sammlung, die es nie gegeben hat

Von: Hermann-Josef Delonge und Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
fischer11-bu1
Grab 129/30, Feld 33 auf dem Kölner Friedhof Melaten: Hier liegt Werner Jägers, dessen Enkelin mit ihrem Mann dutzende Bilder aus der „Sammlung Werner Jägers” versteigerte. Das Problem ist: Diese Sammlung hat es wahrscheinlich nie gegeben. Foto: Verena Müller

Geilenkirchen/Aachen. Wild muss er gewesen sein, mit der obligatorischen Lederjacke, den Jeans, den langen blonden Haaren, dem durchdringenden Blick aus den leicht auseinanderstehenden Augen. Wolfgang F.: ein Hippie, aber immer eine Spur härter, skrupelloser.

Nie zufrieden mit dem, was ist, ständig auf der Suche nach dem Thrill. Ein Spieler mit Tendenz zur Hochstapelei. Einmal, erinnert sich einer, der dabei war, hat er einer Frau in einer Kneipe eine chemische Substanz ins Glas gekippt, einfach so, nur um zu sehen, wie sie reagiert. Als er zur Rede gestellt wurde, hat er gelacht. Manch einem aus diesen Tagen schuldet er heute noch Geld.

Wolfgang F. heißt mittlerweile Wolfgang B. und ist 59 Jahre alt. Er ist die zentrale Figur des weltweit größten Falles von Kunstfälschung und -betrug nach dem Zweiten Weltkrieg. Bis heute hat die Kölner Staatsanwaltschaft 44 Gemälde ausgemacht, die B. offensichtlich gefälscht hat und für viel Geld als Originale nicht ganz so berühmter, aber durchaus renommierter Maler hat versteigern lassen. Gemälde rheinischer Expressionisten.

B. soll mit den gefälschten Bildern insgesamt einen achtstelligen Betrag verdient haben. Die Staatsanwaltschaft und Kunstexperten gehen davon aus, dass er noch weitaus mehr Bilder als diese 44 gefälscht hat. Seit August sitzen er und seine Frau Helene, 57, und seit kurzem auch der Krefelder Kunsthändler Otto S. in Untersuchungshaft. Helenes Schwester Jeanette Susanne S., 52, ist mittlerweile aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Der Tatverdacht gegen alle vier: banden- und gewerbsmäßiger Betrug. Es drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Der Fall B., wenn er vor Gericht bewiesen wird, enttarnt aber nicht nur einen Kunstskandal; er erschüttert das Vertrauen der Kunstwelt in die generelle Aufrichtigkeit des Kunstbetriebes, ja selbst in die Aufrichtigkeit weltweit anerkannter Sachverständiger.

Geboren wurde Wolfgang F. in Geilenkirchen. Der Vater war Kirchenmaler und Restaurateur, die Mutter Lehrerin. F. machte das, was junge Leute in den 70er Jahren so machten: Er trieb sich in Kneipen rum, er probierte Drogen aus, er trampte zu Konzerten. Früh schrieb er sich an der Werkkunstschule an der Aachener Südstraße ein (Fachrichtung illustrative Grafik). Sein Geld verdiente er mit Antiquitäten, Grafiken, Ölschinken und altem Krempel, den er billig einkaufte, aufmöbelte und auf Trödelmärkten verkaufte. Ein Lebenskünstler mit großer Klappe.

Wer sich heute in der Region auf die Spuren von F. macht, der trifft auf Leute in der Kunstszene, die viel über ihn zu erzählen haben, die aber ihren eigenen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchten. Durchaus verständlich: Mit dem mutmaßlichen Fälscher F. möchte man in diesen Kreisen nicht in Verbindung gebracht werden.

F., so der einhellige Tenor, war damals ein begabter, aber kein herausragender Maler. Aber er war ein blendender Verkäufer, und er hatte den Blick für den verborgenen Wert der Dinge. Schon bald spezialisierte er sich auf Ölgemälde aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die kaufte er damals, Ende der 70er Jahre, bei Händlern und später auf Auktionen in ganz Europa.

F. war dabei nicht allein, sondern arbeitete mit einem Partner in Aachen, dem er die Restaurierungsarbeiten überließ. Das Verkaufen, das übernahm wiederum er: charmant, überzeugend, clever. Davon ließ sich ganz gut leben: F. bezog eine Wohnung an der Kapellenstraße in Burtscheid, mit Studio oben drüber.

Die Geschäfte liefen manchmal gut, oft aber auch lausig schlecht. Ein echtes Bohme-Leben. Dabei mag nicht immer alles mit rechten Dingen zugegangen sein, auch Freundschaften waren F. nicht heilig. Er spielte gern, setzte alles auf eine Karte, hatte oft unverschämtes Glück.

Mit einem Düsseldorfer Immobilienhändler wollte er Anfang der 80er Jahre in der Landeshauptstadt ein ganz großes Ding aufziehen, Galerie und Restaurationswerkstatt. Sein Aachener Partner stieg bald aus; ihm war die Angelegenheit zu dubios. Einige Zeit später stand die Polizei vor dessen Tür: Bei dem Immobilienhändler war eingebrochen worden; der Täter hatte alte Bilder brutal aus den Rahmen geschnitten und mitgenommen. F. war verschwunden - nach Marokko, wie es hieß. Später soll er zu Fuß nach Deutschland zurückgekehrt sein und sich als Partyveranstalter und Filmemacher versucht haben.

1992 lernte F. dann auf seinem zu einem Künstlerhof umgestalteten Bauernhof in Viersen, den er 1990 mit einem Freund gekauft hatte, Helene B. kennen. B. ist gelernte Kauffrau und verfügt über Erfahrungen im Antiquitäten- und Trödelhandel. Die beiden heirateten ein Jahr später, F. nahm den Namen seiner Frau an.

Schon bald hatte das Ehepaar B., fand der „Spiegel” heraus, finanzielle Probleme. 1995 brachte Helene ein Gemälde von Hans Purrmann zur Kunsthandlung Lempertz in Köln. Purrmann war ein Freund und Schüler des großen französischen Malers Henri Matisse. Das Bild „Südliche Landschaft”, gab Helene an, stamme aus der „Sammlung Werner Jägers”.

Werner Jägers, geboren 1912 in Belgien, viermal verheiratet, lebte überwiegend in Köln, gestorben 1992. Er ist beigesetzt auf dem Kölner Friedhof Melaten, Grab 129/30 auf Feld 33. Jägers war Unternehmer und verdiente sein Geld hauptsächlich mit Industriemontage. Auch war er ein Hobbymaler, der anspruchslose Kalenderblätter zu Papier brachte oder Obstkörbe. Von einer „Sammlung Werner Jägers” war der Kunstwelt bis dahin nichts bekannt.

Das Auktionshaus Lempertz ließ den Purrmann, den Helene B. dort versteigern lassen wollte, gutachterlich untersuchen. Eine Expertin bezweifelte die Echtheit des Bildes, Lempertz lehnte die Versteigerung ab. Acht Monate später, im Oktober 1995, brachte Helene ein anderes Bild aus der „Sammlung Werner Jägers” zu einem Auktionshaus, dieses Mal nach London zu Christie´s. Das Gemälde „Mädchen mit Schwan” von Heinrich Campendonk wurde von der Kunsthistorikern Andrea Firmenich für echt befunden und versteigert, für 67.500 Euro.

Das war der Anfang. Im Laufe der Jahre tauchten immer mehr Gemälde aus der „Sammlung Jägers” auf, die zum Teil für siebenstellige Beträge versteigert wurden. Das Ehepaar B. zog bald von Viersen nach Frankreich, später in eine Luxusvilla nach Freiburg.

Helenes Schwester Jeanette, die zumeist die Gemälde zu den Auktionshäusern brachte, hatte überwiegend Bilder im Gepäck, die als verschollen galten, und von denen keine Fotos existieren. Oder aber solche, die völlig unbekannt waren.

Dass unbekannte Werke von den ganz großen Malern auftauchen, von denen genaue Werkverzeichnisse existieren und deren Wirken bis ins letzte erforscht ist, passiert so gut wie nie. Bei Malern der zweiten und dritten Reihe, deren Bilder das Ehepaar B. zum Verkauf anbot, ist das Auftauchen verschollener oder unbekannter Bilder weniger unwahrscheinlich. Die Echtheit eines unbekannten Max-Ernst-Bildes aus der „Sammlung Werner Jägers” bezeugte gar der weltweit renommierteste Max-Ernst-Experte, der deutsche Kunsthistoriker Werner Spies.

Die B.s gaben auf Nachfrage stets an, dass Werner Jägers die Gemälde von seinem Bekannten Alfred Flechtheim erstanden habe. Ein Etikett mit der Aufschrift „Sammlung Flechtheim” findet sich auf vielen Bildern, die die B.s versteigern ließen. Flechtheim war ein bekannter Düsseldorfer Kunsthändler, der 1933 vor den Nazis nach London floh und dort 1937 starb.

Dass Flechtheim und Jägers bekannt waren, bezeugte der Krefelder Kunsthändler Otto S. Der verkaufte seinerseits im Stile der B.s Werke ähnlicher Künstler, die angeblich aus der „Sammlung Knops” stammen. Diese Sammlung ist der Kunstwelt aber ebenso unbekannt wie die „Sammlung Werner Jägers”.

Einen Beleg für die Bekanntschaft des Juden Flechtheim mit dem NSDAP-Mitglied Jägers konnten die Staatsanwälte bis heute nicht finden. Sowie es keinen Beleg für die Existenz der Sammlungen Knops und Jägers gibt. Selbst Jägers´ vierte Ehefrau sagte aus, ihr sei nicht bekannt gewesen, dass ihr Mann Kunst gesammelt habe.

Ende November 2006 ersteigerte die maltesische Firma Trasteco Ltd. beim Kölner Auktionshaus Lempertz das „Rote Bild mit Pferden” von Heinrich Campendonk für 2,9 Millionen Euro. Die Firma konsultierte eine Genfer Galerie, die es seltsam fand, dass die Echtheit des Bildes nicht vor der Auktion zertifiziert worden war. Lempertz verwies auf eine mündliche Aussage von Campendonks Sohn, der das Bild für authentisch erklärt habe.

Wieder wurde die Sachverständige Andrea Firmenich hinzugezogen, die über Campendonk promoviert hatte. Sie empfahl eine naturwissenschaftliche Untersuchung. Es kam heraus, dass für das „Rote Bild mit Pferden” Farbe verwendet worden war, die im angeblichen Entstehungsjahr des Bildes, 1914, noch gar nicht existierte.

2008 wurde der Flechtheim-Experte Ralph Jentsch mit dem Bild konfrontiert. Jentsch entlarvte als erstes das Etikett auf der Bildrückseite als plumpe Fälschung. Trasteco Ltd. beauftragte eine Detektei mit privaten Ermittlungen. Heute sagt Jentsch, dass keines der bisher 44 als gefälscht geltenden Bilder in der Literatur oder durch Fotos nachweisbar sei.

Im Fall B. gibt es viele offene Fragen. Wenn ein Gericht feststellen sollte, dass alle oder einige der von B. verkauften Bilder Fälschungen sind: Hat Wolfgang diese Bilder alle alleine gemalt? Oder gab es Hintermänner? Haben die Käufer Schadensersatzansprüche, oder sind sie bereits verjährt? Welche Rolle spielen die Sachverständigen, die, wenigstens im Fall von Werner Spies, noch heute davon überzeugt sind, dass die von ihm begutachteten Werke echt sind, ob das Etikett auf der Bildrückseite nun eine Fälschung ist oder nicht.

Die Kölner Staatsanwaltschaft sagte am Freitag, gegen Gutachter „wird derzeit noch nicht ermittelt”. Und welche Rolle spielen die verschiedenen Auktionshäuser, die all die Bilder der B.s versteigert haben?

Ralph Jentsch glaubt, dass deutsche Kunstauktionshäuser international keinen hohen Stellenwert haben. „Wenn ein deutsches Auktionshaus 30 Millionen Euro im Jahr Umsatz macht, spricht man von einem erfolgreichen Jahr.” Doch bei Christie´s, Sotheby´s oder Phillips de Pury, sagt Jentsch, würden an manchen Abenden schon bis zu 500 Millionen Euro umgesetzt.

Haben sich vor diesem Hintergrund deutsche Auktionshäuser profilieren wollen und fragten deshalb nicht so genau nach, wie sie das hätten tun sollen?

Ein Gericht wird all diese Fragen klären müssen. Experten schätzen, dass sich die Prozesse über Jahre hinziehen können.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert