Kulturpreis für Richard Riediger: 40.000 Fundstücke sind sein Lebenswerk

Von: Udo Stüßer
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Nach dem Krieg war die Teverener Heide vollkommen zerstört. Sie wurde umgepflügt und aufgeforstet. Bei diesen Arbeiten wurden Zehntausende Bodenschätze freigelegt. Man musste nur das Fachwissen haben, um sie zu erkennen und sie zu finden. Foto: Udo Stüßer
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Richard Riediger wird mit dem Kulturpreis der Stadt Übach-Palenberg geehrt. Foto: Udo Stüßer
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Diesen Sarkophag hat Richard Riediger in Jülich entdeckt. Er stammt aus dem zweiten Jahrhundert. In ihm befand sich eine Urne mit der Asche eines Römers. Foto: Udo Stüßer
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Neben dem Sarkophag hat Riediger diesen silbernen und bronzenen Beschlag eines Pferdes gefunden. Das Pferd hatte man also nebend dem Römer begraben. Foto: Udo Stüßer
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Diese Urne hat Riediger in der Teverener Heide gefunden. Sie ist aus Tonerde gebrannt und in der Eisenzeit entstanden. Sie stammt aus den Jahren 1000 bis 650 v.Chr. Foto: Udo Stüßer
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Auch diesen Kugeltopf hat Richard Riediger in der Teverener Heide gefunden. Er wurde etwa 1000 Jahre vor Christus aus Ton gebrannt. Foto: Udo Stüßer

Übach-Palenberg. Richard Riediger hat als Junge nie Fußball gespielt. Während andere Jungs in seinem Alter gegen den Ball traten, verschlug es den 14-Jährigen in die Teverener Heide. Dort sammelte er seltene Steine und stieß dabei immer wieder auf Spuren früheren Lebens. „Mit 14 Jahren schon hatte ich mehr Steinwerkzeuge als der Kreis Heinsberg“, sagt der heute 83-Jährige.

Die Jungen, die sich damals auf dem Sportplatz trafen, haben vor Jahrzehnten ihre Fußballschuhe an den Nagel gehängt. Doch Hobbyarchäologe Richard Riediger streifte auch noch als 76-Jähriger durch „seine“ Heide, ständig auf der Suche nach Relikten der Vergangenheit.

Mit seinen 40.000 Fundstücken hatte er die größte Steinzeitsammlung Deutschlands. Hinzu kommen unzählige Urnen und Becher aus der Eisenzeit, Pfeilspitzen und Äxte aus der Bronzezeit, Öllampen und Becher aus der Römerzeit.

Er hat Pfeilspitzen und Kochtöpfe in der Teverener Heide gefunden und damit eine Besiedlung im Mittelalter nachweisen können. Und anhand von 16 Fundstellen in Übach-Palenberg kann Richard Riediger belegen, dass hier einst der Neandertaler zu Hause war. So ist es nicht verwunderlich, dass viele Wissenschaftler sich in seinem Haus in der Palenberger Otbert-straße umgesehen haben. In unzähligen Fachbüchern findet man den Namen Richard Riediger.

Dabei ist er selbst kein Wissenschaftler, er hat nie eine Universität besucht. Riediger war Zeit seines Lebens Bauarbeiter, hat auch im Gleisbau und später auf dem städtischen Bauhof in Übach-Palenberg gearbeitet. Sein umfangreiches Fachwissen hat er aus Büchern und aus seinen Studien im Wald. Er selbst kennt die Heide wie seine Westentasche.

Er hat sie von Norden nach Süden und von Osten nach Westen durchstreift, immer auf der Suche nach seltenen Funden. „So manche Nacht habe ich auch in der Heide geschlafen. Dann, wenn ich am Abend noch einen Fund gemacht habe und am Morgen weiter graben wollte“, sagt er.

Rätsel gelöst

Richard Riediger erinnert sich noch gut an die Nachkriegszeit, in der die damals zerstörte Teverener Heide umgepflügt und aufgeforstet wurde und „die Sachen zu Tausenden an der Oberfläche lagen“. Mit seinen Funden konnte nachgewiesen werden, dass vor 10.000 Jahren zum Ende der Eiszeit auch Rentierjäger in der Teverener Heide zu Hause waren.

Alle Funde hat er fein säuberlich dokumentiert. Tausende, Zehntausende Dias füllen heute Schränke, die wesentlichen Fundstellen hat er mit allen Koordinaten fein säuberlich auf Papier festgehalten und der Wissenschaft zur Verfügung gestellt.

Über viele Jahre hinweg öffnete er sein Haus für die Öffentlichkeit. Bis zu drei Schulklassen führte er am Tag durch seine Ausstellung. Unendlich viele Privatbesucher informierten sich bei ihm über die Ur- und Frühgeschichte von Übach-Palenberg. Für seine Arbeit wurde er mit dem Rheinlandtaler ausgezeichnet, mit dem der Landschaftsverband Rheinland seit 1976 Menschen, die sich in besonderer Weise um die kulturelle Entwicklung des Rheinlands verdient gemacht haben, ehrt.

Auch die Goldene Ehrennadel der Vereinigung der Freunde der Mineralogie und Geologie wurde ihm überreicht. Besonders stolz ist Richard Riediger aber darauf, dass sein Name 1989 ins Guinnessbuch der Rekorde kam: Er hat sich nämlich nicht nur mit seiner Sammlung einen Namen gemacht. Deutschlandweit kennt man ihn auch als Sammler von Blitzen. 33 Abdrücke von Blitzen, manche vielleicht einige Hundert Jahre alt, hat er gesammelt. Diese hohe Zahl war einmalig, zumal alle Einschläge auf einer Strecke von knapp zwei Kilometern lagen.

Solche Abdrücke entstehen dann, wenn Blitze in Quarzsand einschlagen. Schlägt der heiße Blitz in den Boden ein, wird der Quarzsand geschmolzen und es entsteht eine kleine gezackte Säule. Die meisten Blitzabdrücke, die Riediger gefunden hat, sind nur wenige Zentimeter groß, sein größter Fund, durch den er bekannt wurde, misst zwei Meter. „Bei meinem ersten Blitzfund habe ich lange gerätselt, was ich da in der Hand habe“, sagt Riediger und zeigt auf einen etwa zwei Zentimeter großen Abdruck. Erst auf einer Tagung von Ärchäologen und Geologen in den Niederlanden wurde sein Rätsel gelöst.

Leere Versprechungen

Im Laufe der Jahre wurde Riedigers Sammlung immer umfangreicher, das Interesse der Besucher war groß. „Dr. Theo Esser, der ehemalige Oberkreisdirektor des Kreises Heinsberg, hatte deshalb vorgeschlagen, in Übach-Palenberg ein drittes Kreisheimatmuseum einzurichten. Das war in den 80er-Jahren. Doch der damalige Stadtdirektor Josef Etzig argumentierte, die Stadt habe keinen Platz“, bedauert Riediger noch heute.

Das alte Rathaus in Übach, das damals im Gespräch war, habe man nicht zur Verfügung stellen wollen. „Und der derzeitige Bürgermeister Wolfgang Jungnitsch versprach an meinem 75. Geburtstag, sich dafür einsetzen zu wollen, dass meine Sammlung ins Schloss Zweibrüggen kommt. Aber das waren nur leere Versprechungen.“ Große Teile der Sammlung wurden vor vier Jahren zum Landesmuseum Bonn gebracht. „Da wusste ich, dass die Sammlung erhalten bleibt und in guten Händen ist. Viele Studenten können mit diesen Funden noch ihre Doktorarbeit schreiben“, sagt der Hobbyarchäologe.

Immer noch befinden sich viele kulturelle Schätze in den weitläufigen Kellerräumen seines Hauses. Was damit geschehen wird, weiß der 83-Jährige nicht. Darüber ärgert sich auch Riedigers Lebensgefährtin Renate Lehnen. „Ich bin verbittert. Die Türen waren immer für Besucher, Wissenschaftler und Schulklassen offen. Aber unsere liebe Stadt hatte kein Interesse an dieser Sammlung.“

Im Schloss Zweibrüggen, wo Riediger seine Sammlung gerne gesehen hätte, ist zumindest er selbst am Sonntag zu Gast. Hier verleiht ihm Jungnitsch in Anerkennung seines bedeutsamen Schaffens für die Kunst und Kultur in Übach-Palenberg und weit über die Grenzen hinaus den Kunst- und Kulturpreis.

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