Kritik an Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan

Von: agsb
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Winfried Nachtwei erwies sich
Winfried Nachtwei erwies sich bei seinem Vortrag im Haus Basten als exzellenter Kenner der Lage in Afghanistan. Der unabhängige Experte für Friedens- und Sicherheitspolitik war selbst 17 mal vor Ort. Foto: agsb

Geilenkirchen. Der Bundeswehreinsatz wurde im Geilenkirchener Haus Basten mit kritischen Augen gesehen. Die Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik der Sektion Aachen/Heinsberg hatte zur gemeinsamen Veranstaltung mit der Deutschen Atlantischen Gesellschaft zu einem nicht alltäglichen Politikabend geladen.

Eine Analyse des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr stand auf dem Programm. Als Experte wurde Winfried Nachtwei herzlichst durch Herbert Wölfel von der Sektion Wehr- und Sicherheitspolitik Aachen/Heinsberg begrüßt.

Der 62-jährige Politiker ist Mitgründer der Grünen, war von 1994 bis 2009 Mitglied des Bundestages, Fraktionssprecher für Sicherheits- und Abrüstungspolitik, und ist seit 2009 als unabhängiger Experte für Friedens- und Sicherheitspolitik tätig.

Erstaunlich viele Besucher waren der Einladung gefolgt und zeigten Interesse am Vortrag. Insgesamt weilte Winfried Nachtwei 17 mal in Afghanistan, hat im Krisengebiet viele Eindrücke gewinnen können. Nachtwei erinnerte sich noch an die Worte des damaligen Verteidigungsministers Rudolf Scharping, der eine Einsatzdauer von rund sechs Monaten voraussah. Mittlerweile waren insgesamt rund 100 000 Bundeswehrsoldaten in Afghanistan im Einsatz, der erste Bundeswehrsoldat verlor im Kampf 2009 sein Leben.

„Wir können die USA nach den Anschlägen jetzt nicht im Regen stehen lassen”, blickte Nachtwei auf 2001 zurück und sah hier fast einhellige Meinung in der Bundespolitik, besonders in Reihen der Grünen war der Einsatz aber sehr umstritten. Im Land gab es viele Ausbilderlager der Taliban und Terroristen.

Diese galt es zu bekämpfen. Nachtwei sah mit Beginn des Einsatzes in Afghanistan allerdings gleich eine Fehleinschätzung. Der Politiker zeigte Bilder von Bundeswehrsoldaten, die keine Schutzwesten zu Beginn des Einsatzes trugen. Und der 62-Jährige zeigte eine Länderkarte und schilderte aus Erfahrung ein Land voller Gegensätze mit vielen Machthabern. „Es ist schon ein Unterschied zwischen Tag und Nacht, ob sie im Süden, Osten, Westen oder Norden leben. Es gibt viele Stämme, die bestimmen wo es lang geht”, so Nachtwei.

Und er blickte zurück auf die große Zerstörung von Kabul vor acht Jahren durch eigene Leute. „Es war auch ein großer strategischer Fehler der USA mit ihrer Meinung, die Taliban besiegt zu haben.” Die Wirklichkeit sah Nachtwei in stets harten Gefechten mit vielen Toten, im Jahre 2006 sah der Referent den Wiederbeginn des Krieges und die Bundeswehr mittendrin.

„Im Januar 2004 zog die Bundeswehr ins Nordland am Hindukusch und bewegte sich auf dünnes Eis mit nur 200 bis 300 Soldaten vor Ort, in einem Gebiet, so groß sah wie Rheinland-Pfalz.” Die eigentliche Aufgabe, wie unter anderem Aufbau, Gesundheitswesen oder Bildungswesen, sieht Nachtwei mit leichten Fortschritten.

„Die Kindersterblichkeit lag 2003 bei 250 und konnte 2010 auf 150 gedrosselt werden. Weiterhin sehen wir Fortschritte im Schulwesen. 2001 gingen rund eine Million Kinder zur Schule, Mädchen durften nicht. Jetzt hat sich die Schülerzahl auf fast acht Millionen gesteigert, und die Mädchen gehen auch zur Schule.

„Die betroffenen Menschen vor Ort sind froh, dass wir da sind und sagen uns: Die Anwesenheit der Deutschen ist für uns wie das Wasser zum Leben”, wusste Nachtwei zu berichten.

Dennoch sah der Politiker die Lage in Afghanistan alles andere als rosig. „2009 war verheerend, ein Scheitern wurde sogar in Frage gestellt”, zog Nachtwei eine negative Zwischenbilanz, denn er sah im gesamten Land viele Brandherde. „Die Leute vor Ort haben Angst vor dem Alleinsein, wenn die ISAF-Truppen in einigen Jahren abziehen”, hofft Nachtwei, dass Afghanistan eine Chance hat.

Die Besucher im Hause Basten zeigten sich sehr beeindruckt von Nachtweis Vortrag und erfuhren vieles aus erster Hand, worüber die Medien ansonsten nicht berichten.
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