Krakelig und unlesbar: Wofür noch Schreibschrift?

Von: Naima Wolfsperger
Letzte Aktualisierung:
13838795.jpg
Ungeliebte Pflichtübung: die verbundene Schreibschrift. Sie läuft Gefahr aus dem Lehrplan verdrängt zu werden. Lehrer aus Geilenkirchen und Übach-Palenberg betrachten diese Entwicklung kritisch. Foto: Jan Woitas/dpa
13837482.jpg
Bernward Coers, stellvertretender Leiter des St.-Ursula-Gymnasiums: „Handschrift ist wichtig!“ Foto: Stüßer

Geilenkirchen/Übach-Palenberg. Blitzschnell huschen Kinderfinger mit einer gewissen Selbstverständlichkeit über Handytasten und Smartphone-Touchscreens. Diese Entwicklung lässt sich aber nicht auf ihre handschriftlichen Leistungen übertragen. Im Gegenteil: „Die Handschrift ist vom Aussterben bedroht“, sagt Motorikforscher Christian Marquardt.

Eine repräsentative Umfrage des Instituts Schreibmotorik aus dem Jahr 2016 unter 1000 Müttern zeigt: In Deutschland können etwa 1,2 Millionen Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren nicht ausdauernd, leserlich und unverkrampft schreiben. Eine Umfrage des Lehrerverbands unter Lehrkräften aus dem Jahr 2015 schwärzt das Bild noch mehr: Jeder zweite Junge und jedes dritte Mädchen hat Probleme, eine gut lesbare Handschrift zu entwickeln.

Für Kreativität

Schüler „schreiben flüssig in einer gut lesbaren, verbundenen Handschrift“, ist eine der Kompetenzen, die Kinder aus der Grundschule mitbringen sollen. So ist es in NRW und fast allen Bundesländern gesetzlich vorgegeben. Auch Katja Gerhards (41), Konrektorin an der Katholischen Grundschule (KGS) Übach, legt Wert auf dieses Lernziel: „Für die Entwicklung von Feinmotorik, in der Folge auch für die Grobmotorik und überhaupt für die eigenständige Gedankenformung und Kreativität ist das Erlernen der Schreibschrift wichtig.“

Mehr aber als unsichere Linienführung beim Zeichenversuch geschwungener Buchstaben fällt der Lehrerin auf, dass die Schere kein leichtes Werkzeug mehr zu sein scheint. „Einen Kreis ausschneiden, ohne Ecken und Kanten, das können nur wenige.“ Bei der Handarbeit falle ihr die Einkehr des digitalen Zeitalters in das Leben von Kindern eher auf, als beim Schreiben.

Nach Motorik-Forscher Marquardt könnte das Erlernen der Schreibschrift bei diesem Problem nur helfen: „Beim Schreiben mit dem Stift kommunizieren mehrere Gehirnareale miteinander. Das ist wichtig für die Motorik.“ Weder das Tippen auf einer Tastatur noch unverbundene Blockschrift könne diese geistige Forder- und Förderung gewährleisten.

Trotzdem wird derzeit diskutiert, ob man die Schreibschrift überhaupt noch braucht, ob sie weiterhin verpflichtend an Schulen zu lehren ist. „Schließlich wird der Alltag immer mehr von digitalen Arbeitshilfen durchdrungen“, gesteht Marquardt ein. In Finnland wurde bereits im vergangenen Herbst das Erlernen der Schreibschrift aus den Unterrichtszielen entfernt. Es wird vorrangig getippt. Auch in Deutschland gibt es Bestrebungen, die verbundene Schreibschrift zu ersetzen. In Hamburg wird an Grundschulen teilweise nur noch eine vereinfachte Grundschrift gelehrt.

„Kinder haben heutzutage häufiger Schwierigkeiten überhaupt Stift oder Pinsel richtig zu halten.“ sagt Martina Eichler (38), Schulleiterin der Gemeinschaftsgrundschule Palenberg. Was den Schluss nahelegt, dass die Schreibschwierigkeiten viel tiefgründiger anzusetzen sind, als in der Schriftbildung selbst.

Auch wenn die verbundene Schrift in den nordrhein-westfälischen Grundschulen weiterhin auf dem Pflichtprogramm steht, „herrscht am Bischöflichen Gymnasium Sankt Ursula in Geilenkirchen der Eindruck vor, dass die Kinder heutzutage eher in Blockschrift schreiben“, sagt Deutschlehrer Bernward Coers. Der 64-Jährige sieht darin einen großen Fehler. Einerseits aus ästhetischen Gründen: „Eine gekonnte Handschrift liest sich einfach schöner.“

Andererseits könne man schon allein wegen der Geschwindigkeit, die die Schreibschrift erlaube, nicht auf sie verzichten. „Es geht darum sich mal schnell eine Notiz machen zu können, um etwa bei Vorlesungen in der Uni mitzuhalten. Das Handgeschriebene ist auch besser im Gedächtnis verankert.“

Stift schlägt Tasten

Studien der amerikanischen Forscher Pam Mueller von der Princeton University und Daniel Oppenheimer von der University of California scheinen dem Gymnasiallehrer recht zu geben. Unter verschiedenen Bedingungen wurden die Lernleistungen von Studenten untersucht.

Nach der Studie „The pen is mightier than the keyboard“ („Der Stift ist mächtiger als die Tastatur“) schlägt der Stift die Tasten. Studenten, die handschriftliche Notizen machten konnten die Inhalte eines Lernvideos besser wiedergeben als jene, die ihre Aufzeichnungen mittels Computer machten. Auf der Tastatur mitzuschreiben, veranlasse Menschen wortwörtlich mitzuschreiben. Bei der langsameren Schreibvariante der Schreibschrift hingegen müssten die Lernenden Inhalte in Stichworten formulieren und dem Unterricht genauer folgen.

Barbara Thiemt von der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule (ALG) Geilenkirchen wertet die Schreibschriftsituation weniger kritisch. „Die Kinder lernen heutzutage einfach anders. Das ist eine Situation an die wir uns anpassen müssen.“ Digitalisierung sei weder Fluch noch Segen. „Information ist ständig abrufbar. Auswendiglernen, Konzentrationsfähigkeit und Durchhaltevermögen leiden darunter. Dafür sind die Jugendlichen viel Multitasking-fähiger, können verschiedene Informationen zeitgleich aufnehmen und verarbeiten.“ Diese Veränderung müssten die Schulen wahrnehmen und entsprechend darauf reagieren.

Die Frage, mit der sich Marquardt im Schreibmotorik-Insitut auseinandersetzt, ist gar nicht so verschieden von diesem Eindruck: „Kann die Schreibfertigkeit auch anders vermittelt werden?“

Das Schreibenlernen basiere auf pädagogischen Grundlagen, erklärt der Forscher. Er halte diese Technik für überholt. Motorisches Wissen als Basis könnte einen schnelleren und besseren Lernerfolg erzielen.

„Beim Schreiben wird von den Schülern bei Lernbeginn ein perfektes Ergebnis erwartet. Das ist absurd. Beim Sport läuft das ja auch nicht so.“ Nicht zu Beginn müsse der technisch richtige Schlag beim Tennis sitzen, sondern er werde nach und nach erarbeitet. „Kinder sollten erst ihre eigene Schreibschrift entwickeln, bevor standardisierte Buchstaben von ihnen erwartet werden.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert