Klaviersommer: Spieltechnische Finessen und atemberaubende Spannung

Von: Johannes Gottwald
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Vielfach ausgezeichneter Virtuose am Piano: Eugene Mursky aus Usbekistan. Foto: Johannes Gottwald

Geilenkirchen. Am dritten Tag des Klaviersommers konnten die Klassikfans einen prominenten Künstler aus Mittelasien in der Aula der Realschule begrüßen. Denn der russische Pianist Eugene Mursky erblickte 1975 in der usbekischen Hauptstadt Taschkent das Licht der Welt.

Er erhielt seine musikalische Ausbildung zunächst in Moskau und setzte ab 1993 sein Studium in Trossingen und Hannover fort. Mit dem 1. Preis bei der World Piano Competition in London begann er seine internationale Karriere. Heute arbeitet er unter anderem mit dem berühmten Melos-Quartett zusammen, seine zahlreichen CD-Einspielungen erhielten mehrfach hohe Auszeichnungen.

Der erste Teil des Abends in Geilenkirchen stand nochmals ganz im Zeichen des großen polnischen Komponisten Frédéric Chopin. Mursky eröffnete das Programm mit der Fantasie f-moll op. 49. Dieses einsätzige und sehr umfangreiche Werk spiegelt die ganze Bandbreite der Ausdruckswelt Chopins – von gefühlstiefer Innigkeit über burleske Folklore bis zum leidenschaftlichen Pathos. Somit konnte der Interpret hier alle Register seines Könnens ziehen und begeisterte mit hochgradig virtuosem Spiel, das jedoch stets im Dienste einer außergewöhnlich feinsinnigen Interpretations-Kunst stand.

Dies galt auch für die nachfolgenden fünf Mazurken, die sich oft kammermusikalisch-intim gaben, aber tänzerische Beschwingtheit und derbe Fröhlichkeit nicht aussparten, wobei das slawische Temperament des Komponisten immer wieder durchbrach. Typisch waren die zahlreichen Tempowechsel, die den Stücken einen beinahe rhapsodischen Charakter verliehen.

Licht und freundlich

Von sprühender Lebendigkeit durchzogen waren die drei Walzer, mit denen das Publikum in die Pause entlassen wurde. Hier wurde besonders gut die Atmosphäre der Pariser Salons hörbar, in denen Chopin bevorzugt verkehrte.

Im zweiten Teil des Konzertes konnte man zunächst Chopin in den beiden Nocturnes op. 9 von einer anderen Seite kennenlernen. Wie der Name schon verrät, handelt es sich dabei um lyrische „Nachtmusiken“, ein Genre, das sich in der Zeit der Hochromantik außerordentlicher Beliebtheit erfreute und der romantischen Phantasie Chopins besonders große Entfaltungsmöglichkeiten bot.

So ist das erste Nocturne (h-moll) in ein zauberhaft schönes Hell-Dunkel getaucht, während das zweite in Es-Dur von lichter und freundlicher Stimmung erfüllt ist – vielleicht wollte Chopin hier südländische Abendstimmung einfangen. In beiden Stücken setzte Eugene Mursky hauchfeine pittoreske Farbtupfer und spielte die ganze Klangpalette voll aus, die der große Flügel der Firma Shigeru Kawai zu bieten hatte. Dagegen gab sich das Nocturne in cis-moll deutlich konventioneller – es ist ein posthum veröffentlichtes Frühwerk aus dem Jahre 1830.

Einen grandiosen Schlusspunkt setzte Mursky dann mit der klanggewaltigen Sonate Nr. 2 c-moll op. 36 von Sergej Rachmaninow. Das 1931 entstandene Werk trägt über weite Strecken den typisch elegischen Zug, wie man ihn bei diesem Komponisten häufig findet. Dennoch ließ sich auch hier von versunkener Stille bis hin zu wilden, aufpeitschenden Emotionen alles finden. Die drei Sätze des Werkes zeigen keinen strengen Formaufbau, sondern wirken – stärker noch als bei Chopin – wie freie Improvisationen, die nachträglich aufgezeichnet wurden.

Wie maßgeschneidert

Für einen Virtuosen wie Mursky war diese Komposition natürlich wie maßgeschneidert und er hatte prächtige Aufgaben zu lösen. Besonders im temperamentvollen Finalsatz spielte er nochmals alle seine spieltechnischen Finessen aus und erzeugte eine atemberaubende Spannung, die sich erst im hellen C-Dur-Ausklang löste. So gab es am Ende wieder stürmische Bravo-Rufe, stehende Ovationen und selbstverständlich mehrere Zugaben.

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