Klaviersommer: Meisterschüler aus Fernost

Von: Johannes Gottwald
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Mit fünfzehn schon eine kleine Virtuosin: Boyao Qu begeistert die Zuhörer mit Beethovens “Appassionata”. Foto: J. Gottwald.
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Auch ein angehender Musikwissenschaftler ist dabei: Kai Hu interpretiert die Chopin-Polonaise op. 53 einfühlsam und stilgerecht.

Geilenkirchen. Auch am vierten Tag des Klaviersommers war das Publikumsinteresse ungebrochen und im Bürgersaal von Haus Basten konnte man wieder reichlich Besuch verzeichnen. Nach den internationalen Koryphäen war an diesem Abend der Nachwuchs an der Reihe: Sechs Teilnehmer des Meisterkurses zeigten ihr ganzes Können.

Es handelte sich durchweg um Studenten und Studentinnen aus verschiedenen Musikhochschulen Chinas – vor allem Peking und Ho Hot –, die allesamt auch Kandidaten beim ausgeschriebenen Klavierwettbewerb in drei verschiedenen Altersklassen sind. Auf die zahlreichen Zuhörer wartete ein überaus farbiges Programm, das vom barocken Zeitalter bis in die Moderne reichte.

Zwölfjähriges Talent

Den Anfang machte der erst zwölfjährige Hanshi Huang mit dem ersten Satz der Klaviersonate in F-Dur von Joseph Haydn. Gleich bei den ersten Takten spürte man, dass hier ein brillanter Techniker mit viel Zukunft am Werke war. Auch wenn die „Alberti-Bässe“ zuweilen noch etwas maschinenartig wirkten, kam doch der heitere und fröhliche Charakter des Stückes sehr gut zur Geltung. Noch besser machte Huang seine Sache beim „Juni“ aus den Klavierzyklus op. 37 „Die Jahreszeiten“ von Tschaikowsky. Hier muss man sich stimmungsmäßig eine laue Sommernacht am See vorstellen. Mit feinsinnigem und sorgfältig differenziertem Spiel konnte der junge Künstler in jeder Hinsicht überzeugen. Übrigens waren keineswegs nur angehende Pianisten unter den Kursteilnehmern. So erfuhr man, dass der 22-jährige Kai Hu sich mehr der Musikwissenschaft verschrieben hat. Er hatte sich die „Polonaise eroica“ op. 53 von Chopin ausgewählt und bot eine reife Leistung.

Breite Auseinandersetzung

Man spürte, dass er sich nicht nur geistig mit dem anspruchsvollen Werk auseinandergesetzt hatte, sondern die Musik beim Spielen buchstäblich mit Leib und Seele nacherlebte. Mit der fünfzehnjährigen Boyao Qu war dann die erste Teilnehmerin am Zuge. Unter ihren Händen erklang zunächst Präludium und Fuge in H-Dur BWV 868 aus dem Wohltemperierten Klavier von Johann Sebastian Bach. Glitzernd und perlend glitt das Präludium vorüber, die Fuge wurde von Qu eher intim und zurückhaltend gestaltet – im Gegensatz zu anderen Interpreten, die das Stück festlich-rauschend ausdeuten.

Höchste technische Ansprüche

Mit dem ersten Satz aus der „Appassionata“ von Beethoven hatte sich die junge Chinesin einen dicken Brocken vorgenommen, der höchste Ansprüche an das technische Können stellt.

Die düstere und zerklüftete Stimmung des ganzen Werkes weist deutlich voraus auf die „Schicksals-Symphonie“ Nr. 5 in C-Moll, und es ist vielleicht kein Zufall, dass deren berühmtes Anfangsmotiv im Kopfsatz der „Appassionata“ rhythmisch beinahe wörtlich vorweg genommen wird. Auch hier meisterte Qu alle technische Klippen und fesselte die Zuhörer durch ihr virtuoses Spiel.

Nach der Pause begeisterte die erst dreizehnjährige Shiyao Wang bei der Chopin-Etüde Nr. 12 aus op. 10 mit einer schon geradezu phänomenalen Fingerfertigkeit. Mit dem ersten Satz aus der C-Dur-Sonate von Joseph Haydn kam danach ein weiteres Stück aus der Zeit der Wiener Klassik zu Gehör. Angeblich soll der Komponist hier ein Eselsgeschrei musikalisch verarbeitet haben.

Ob das wirklich zutrifft, lässt sich schwer sagen. Fakt ist aber, dass einige Haydn-Symphonien schon von den Zeitgenossen mit Titeln wie „Das Huhn“ oder „Der Bär“ bezeichnet wurden.

Ein Stück aus der Heimat

Außerdem hatte Wang noch ein reizvolles Stück aus ihrer fernöstlichen Heimat mitgebracht. Anschließend konnte man nochmals den Kopfsatz von Beethovens „Appassionata“ hören – diesmal in einer Interpretation von der 34-jährigen Ying Lian, die in der Folge auch noch die horrend schwierigen „Papillons“ von Robert Schumann vortrug. Dieser großangelegte Zyklus wurde bekanntlich durch die Lektüre des Romans „Die Flegeljahre“ von Jean Paul inspiriert.

Die Stars von morgen

Einen hervorragenden Eindruck hinterließ auch der siebzehnjährige Zeyue Yang mit einem Rondo des sowjetrussischen Komponisten Dimitri Kabalewski und dem Finale aus der „Waldstein-Sonate“ von Beethoven, das sich von einem verhaltenem Beginn hin zu mächtigen Gefühlsausbrüchen steigerte.

Mit herzlichem Applaus bedankten sich die Zuhörer für die großartigen Darbietungen der jungen Nachwuchskünstler. Vielleicht hatte man wirklich an diesem Abend – wie eingangs von Xin Wang formuliert – die Stars von morgen gesehen.

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