Kirche auf dem Weg in die Moderne: „Wir brauchen vor allem Begeisterte“

Von: Katharina Menne
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Hat sich begeistern lassen und bringt sich mit kreativen Ideen und als Sängerin ein: Barbara Nießen aus Hastenrath. Foto: Katharina Menne
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Möchte nicht nur Alleinunterhalter sein, sondern fordert dazu auf, selbst mitanzupacken: Pfarrer Daniel Wenzel. Foto: Katharina Menne

Gangelt. Pfingsten? Das ist doch das lange Wochenende. Viele nutzen das meist frühsommerlich schöne Wetter und fahren ans Meer oder genießen einfach den zusätzlichen freien Tag im Liegestuhl auf dem Balkon. Aber warum ist da überhaupt arbeitsfrei? Dass an Pfingsten die Entsendung des Heiligen Geistes gefeiert wird, wissen vermutlich immer weniger.

„Für mich ist Pfingsten der Aufruf, sich für etwas zu begeistern und selbst aktiv zu werden“, sagt Daniel Wenzel. Schließlich stecke der „Geist“ im Wort „Begeisterung“ sogar drin. Als hauptamtlicher Pfarrer betreut der 44-Jährige acht Gemeinden in der Weggemeinschaft Gangelt.Katharina Menne sprach mit ihm und mit Barbara Nießen (21) über die Bedeutung des Pfingstfestes in der heutigen Zeit, über ehrenamtliches Engagement und die Kirche auf dem Weg in die Moderne.

Wie lässt sich die Botschaft des Pfingstfestes in die heutige Zeit übersetzen?

Daniel Wenzel: Mir ist es wichtig, dass die Menschen sich für etwas begeistern. Genau das sagt auch das Pfingstevangelium: „Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt.“ Damit eine Gemeinde lebendig ist, braucht sie aktive Mitglieder, die ihre Fähigkeiten und Begabungen nutzen und das kirchliche Leben mitgestalten – damals wie heute. Der heilige Geist beruft und befähigt Menschen dazu, für die Sache Jesu einzutreten.

Barbara Nießen: Mir ist die Gemeinschaft in einer Gemeinde wichtig. Und wenn man das lange Pfingstwochenende nutzt und ans Meer fährt, um Gemeinschaft zu spüren, ist das doch auch schön. Als Mitglied des Hastenrather Pfarreirats versuche ich die kirchlichen Feste ansprechend zu gestalten – sowohl textlich als auch musikalisch haben wir zum Beispiel die Bittprozessionen überarbeitet. Ich fühle mich da wohl.

In Hastenrath sind mit Ihnen, Frau Nießen, ingesamt drei Mitglieder im Pfarreirat vertreten, die unter 30 Jahre alt sind. Was bewegt Sie dazu, sich in den Rat hineinwählen zu lassen?

Nießen: Das Besondere daran ist wirklich, dass man das Gemeindeleben mitgestalten darf und dafür sorgt, dass Kirche lebt. Es werden weiterhin Kinder getauft und viele Paare wollen kirchlich heiraten, aber wenn es die Kirche irgendwann nicht mehr gibt, geht das alles nicht mehr. Das gilt es zu verhindern.

Wenzel: Wir brauchen vor allem Begeisterte, die andere mitziehen. Ich möchte kein Alleinunterhalter sein. Ich kann mir noch so viele Gedanken machen, was die Menschen in der heutigen Zeit wollen und brauchen. Oft hilft es, wenn sie es selbst anpacken. Deswegen werbe ich so sehr für die Pfarreiräte. Dort kann sich jeder mit seinen Ideen einbringen. Dann muss keiner mehr zu mir kommen und mir sagen, wie er es gerne hätte, sondern kann es einfach umsetzen.

Also sehen Sie, Herr Wenzel, sich als Motivator?

Wenzel: Ja, genau. Was wäre der Papst ohne Kirche, der Priester ohne Gemeinde? Nicht ich muss machen, sondern die Gemeinde. Neulich kam ein junges Mädchen auf mich zu, das leidenschaftlich gerne Geige spielt und mal einen Gottesdienst mitgestalten möchte. Die habe ich an unsere Kirchenmusiker weitervermittelt. Das ist doch toll.

Wie sehen Sie die Zukunft der Kirche? Kennt man in zehn Jahren noch den Sinn von Pfingsten?

Wenzel: Hier auf den Dörfern sind noch viele katholisch – mal mehr und mal weniger aktiv. Aber es werden auch hier immer weniger. Dabei spielt auch die Stadtflucht eine Rolle. Ich bin aber kein Schwarzmaler, ich bin da durchaus optimistisch. Wir haben es in 2000 Jahren nicht geschafft, die Kirche kaputt zu kriegen. Warum also jetzt? Ich kann nicht sagen, wie die Kirche in zehn Jahren aussieht, aber ich finde es spannend, mit ihr unterwegs zu sein.

Nießen: Ich glaube, dass viele den Bezug zur Kirche verlieren. Selbst wenn man nach der Erstkommunion Messdiener wird, wird es ja in der Pubertät häufig uncool, in die Kirche zu gehen. Das war bei mir nicht anders. Damit es die Kirche auch in Zukunft noch gibt – und das wäre mir wirklich sehr wichtig – darf man diese Jugendlichen aber nicht verlieren. Da ist so etwas wie unsere Trierwallfahrt eine tolle Sache.

Was genau begeistert Sie an der Wallfahrt so? Wallfahrten sind doch eigentlich eher was für Ältere, oder?

Nießen: Nein, die Trierwallfahrt ist sogar speziell für junge Leute. Drei Tage lang wandern wir durch die Eifel, singen und beten gemeinsam und quatschen über Gott und die Welt. Man hat noch nicht mal das Verlangen aufs Smartphone zu schauen – mit dem man allerdings unterwegs meist eh keinen Empfang hat.

Der Kirche wird oft vorgeworfen an alten, undemokratischen Strukturen festzuhalten und Männer und Frauen noch immer nicht als gleichberechtigt anzusehen. Was sagen Sie dazu?

Wenzel: Klar muss sich die Kirche darüber Gedanken machen, ob Frauen eventuell auch irgendwann einmal Priester werden dürfen. Aber bitte nicht denken, das wär ein Wundermittel. Es ist Quatsch zu glauben, dass die Abschaffung des Zölibats und die Einführung der Frauenordination dafür sorgen, dass die Kirchen wieder voll sind. Dann müsste die Evangelische Kirche boomen ohne Ende – tut sie aber auch nicht. Und ganz ehrlich: Die aktiven Gemeindemitglieder sind bestimmt auch jetzt schon zu 90 Prozent Frauen. Die Wortgottesleiterinnen, Messdienerinnen, Lektorinnen – alles Frauen.

Was sind die dringendsten Fragen, denen sich die katholische Kirche widmen sollte?

Wenzel: Die wichtigste Frage ist: Wie kann ich meinen Glauben in meinem Alltag leben und gestalten? Es geht um soziales Engagement, Nachbarschaftshilfe, Gottesdienstgestaltung mit Andachten, Prozessionen und Gebeten oder auch darum, wie man die Kinder weiterhin an den Glauben heranführen kann. Damit Ostern nicht nur mit dem Osterhasen verbunden wird, Christi Himmelfahrt mit dem Vatertag und Weihnachten mit Geschenken. Dann gibt es vielleicht auch das Pfingstfest in zehn Jahren noch.

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