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Karl May und Co. sind kaum noch gefragt

Von: Sonja Essers
Letzte Aktualisierung:
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Bücher wie „Harry Potter“ gehören zu den neuen Klassikern. Das wissen Ulrike Capper (links) und Antonia Zaharanski von der Geilenkirchener Stadtbücherei. Foto: Sonja Essers

Geilenkirchen/Übach-Palenberg/Gangelt. Er ist der Schöpfer von literarischen Legenden wie Winnetou und Old Shatterhand und gleichzeitig der erfolgreichste Autor deutscher Abenteuerliteratur des 19. Jahrhunderts: Karl May. In diesen Tagen wäre May, der laut Unesco der am häufigsten übersetzte deutsche Schriftsteller aller Zeiten ist, 175 Jahre alt geworden.

In Verleih und Verkauf gefragt sind seine Werke heute allerdings keineswegs mehr. „Wir haben seine Bücher schon vor über zehn Jahren aus dem Sortiment genommen. Es hat einfach keiner mehr danach gefragt“, sagt Antonia Zaharanski.

Die Leiterin der Stadtbücherei Geilenkirchen hat die Erfahrung gemacht, dass die Werke von Schriftstellern wie Karl May, Erich Kästner, Mark Twain und Charles Dickens ihre besten Zeiten hinter sich haben – und das gleich aus mehreren Gründen. „Oft verstehen die Kinder und Jugendlichen heute gar nicht mehr die Sprache in diesen Werken“, sagt Bibliotheksmitarbeiterin Ulrike Capper.

Gehörten die Geschichten über Winnetou, Räuber Hotzenplotz, Oliver Twist und Tom Sawyer einst in jedes vorzeigbare Bücherregal, sind es heute Werke wie „Harry Potter“, „Der Herr der Ringe“ oder auch „Gregs Tagebuch“, die kleine und große Leseratten faszinieren. „Das sind die Klassiker der nächsten Generation. Die Klassiker von damals haben die Kinder und Jugendlichen von heute nie kennen gelernt“, sagt Zaharanski.

Diese Erfahrung macht auch Anneliese Esser. In Übach-Palenberg betreibt sie seit über 30 Jahren die Buchhandlung Funken. „Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal ein Buch von Karl May bestellt, geschweige denn verkauft habe“, sagt sie. Die Neuverfilmung, die Ende Dezember im Fernsehen zu sehen war, änderte daran nichts. Auch Fans von Astrid Lindgren oder Erich Kästner seien mittlerweile selten. „Ich habe noch einige ihrer Bücher da, weil ich der Meinung bin, dass sie in eine gute Buchhandlung gehören. Gefragt sind sie aber nicht. Heute wollen die Kinder ‚Gregs Tagebuch‘ lesen“, sagt sie. Anneliese Esser ist der Meinung, dass das Leseverhalten der Kinder oft von den Eltern beeinflusst werde. „Die jungen Eltern kennen die ganzen Klassiker oft nicht mehr“, sagt Esser. So sei es kein Wunder, dass auch deren Kinder nicht interessiert seien.

Ähnliche Erfahrungen haben auch Antonia Zaharanski und Ulrike Capper gemacht. Bücher von Astrid Lindgren beispielsweise würden sich auch heute noch großer Beliebtheit erfreuen. Ausgeliehen würden diese allerdings von Eltern. „In unserer Generation sind diese Bücher nicht vergessen worden. Sie sind sogar sehr präsent. Jüngere Menschen stoßen von selbst aber nicht darauf“, sagt Zaharanski. „Damals waren Amerika und der Orient noch geheimnisvoll. Heute ist das anders. Für die Jugendlichen ist das nichts Neues mehr. Deshalb flüchten sie sich in andere Fantasiewelten wie in Star Wars“, sagt Zaharanski.

Aktuell überarbeiten Zaharanski und ihre Mitarbeiter den Bestand der Geilenkirchener Stadtbücherei. Derzeit kann man dort 33000 verschiedene Medien, zu denen neben Büchern auch CDs, DVDs und Zeitschriften gehören, ausleihen. Zudem sind 13000 Medien über die sogenannte Onleihe verfügbar. Aktualität sei in ihrer Branche besonders wichtig, sind sich Zaharanski und Capper einig. „In den letzten 30 Jahren hat eine rasante Entwicklung stattgefunden. Der Buchmarkt ist viel schnelllebiger, und dadurch, dass mittlerweile jeder sein Buch selbst veröffentlichen kann, ist die Auswahl viel größer geworden“, erklären die beiden Frauen. Werke, die älter als 20 Jahre sind oder länger als fünf Jahre nicht mehr ausgeliehen wurden, fallen aus diesem Grund aus dem Bestand heraus.

Doch nicht nur in Geilenkirchen zählen die Bücher von Karl May nicht mehr zum Inventar. Auch in der Buchhandlung Mesche in Gangelt sucht man sie in den Regalen vergebens. „Karl May ist raus und wird auch gar nicht mehr nachgefragt“, sagt Verkäuferin Irene Nandik. Anders verhalte es sich in Gangelt mit Werken von Erich Kästner und Astrid Lindgren. „Die werden nach wie vor gerne gekauft, weil sie auch einfach aktuell sind. Diese Klassiker sollte man einfach nicht verstecken“, sagt Nandik. Sie macht also andere Erfahrungen als Anneliese Esser aus Übach-Palenberg.

Und was würden Antonia Zaharanski und ihre Kolleginnen machen, wenn die alten Klassiker plötzlich wieder gefragt wären? „Dann können wir die Werke natürlich gerne auch besorgen“, sagt Zaharanski. Dass das passiert, sei allerdings eher unwahrscheinlich.

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