Geilenkirchen - Jugendhilfe: Eine Perspektive für junge Erwachsene

Jugendhilfe: Eine Perspektive für junge Erwachsene

Von: Udo Stüßer
Letzte Aktualisierung:
13500747.jpg
So manche Jugendliche schwänzen die Schule und verbringen ihre Zeit lieber in der Kneipe. Bildung ist deshalb ein ganz großes Thema in der Jugendhilfe. Foto: Imago/Seeliger
13500791.jpg
Bastian Drunk, Armin Ney und Sven Werny (von links) leiten Jugendliche und junge Erwachsene in der Palenberger Wohngruppe zu einem selbstständigen Leben an. Foto: Udo Stüßer

Geilenkirchen. Seit dem sechsten Schuljahr hatte die 17-Jährige keinen Unterricht mehr besucht. Die Tage verbrachte sie überwiegend bei der alkoholkranken Mutter. Ansonsten hatte das Mädchen nichts. Auf jeden Fall keine sinnvolle Beschäftigung, keine Perspektive.

Irgendwann aber kam das Jugendamt dahinter und brachte sie mit ihrer Zustimmung in der ambulant betreuten Wohngruppe für Jugendliche und junge Erwachsene der ViaNobis GmbH in Palenberg unter.

„Wie kann es geschehen, dass nicht auffällt, wenn ein Kind jahrelang keine Schule besucht?“, fragt sich nicht nur Sven Werny, Bereichsleiter der ViaNobis-Jugendhilfe. Die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in dem Haus an der Palenberger Wurmtalbrücke untergebracht sind, waren Schulschwänzer, berichtet Bastian Drunk, der als Erlebnispädagoge und Erzieher vor genau zwei Jahren die Einrichtung aufgebaut hat „Aber welche Schule nimmt eine 17-Jährige auf, die den Schulstand einer Sechstklässlerin hat?“, fragt Drunk.

Er und sein Kollege Armin Ney haben sich größte Mühe gegeben. Trotz Therapiestunden und Gesprächen mit Psychologen, trotz aller Versuche, den Bildungsstand der Jugendliche zu erhöhen, hat die 17-Jährige nach nicht einmal einem Jahr aufgegeben. Null Bock auf Schule, und arbeiten ist schließlich auch blöd.

Andere hingegen haben es geschafft. Sie haben von der Gruppe aus den Sprung in ein selbstständiges Leben mit eigener Wohnung und einem Job geschafft. Einer von den Jungen wird sehr zur Freude des ViaNobis-Teams im nächsten Jahr gleich nach der Ausbildung die Meisterschule besuchen.

320 Kinder und Jugendliche werden von der Gangelter ViaNobis in ihren stationären Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland Pfalz betreut. In Palenberg sind es derzeit sieben Jugendliche und junge Erwachsene, die in der Einrichtung „Lebensbrücke“ ambulant betreut werden.

Im November 2014 wurde diese Wohngruppe in Palenberg eingerichtet. „Wir haben festgestellt, dass wir in all unseren Einrichtungen Jugendliche haben, die es schwer haben, von einer stationären Wohngruppe mit Rundumbetreuung direkt in eine eigene Wohnung zu ziehen“, erklärt Sven Werny den Grund für die Einrichtung einer ambulant betreuten Gruppe.

Die beiden Erzieher sind hier nicht rund um die Uhr im Einsatz, aber ständig in Rufbereitschaft. „Hier werden alltägliche Dinge eingeübt, damit die Jugendlichen später ein selbstständiges Leben führen können“, führt der Sozialarbeiter und Betriebswirt weiter aus.

Betreut werden Jugendliche, die meistens keine Tagesstruktur haben, die es nicht gewohnt sind, am frühen Morgen aufzustehen, um einer geregelten Tätigkeit, ob Schule oder Job, nachzugehen. Die meisten Klienten kommen aus einem sozialen Umfeld, in dem das Bildungsniveau nicht sehr hoch angesiedelt ist, andere leiden an einer psychischen Erkrankung.

Bis zum 18. Lebensjahr, so hat der Gesetzgeber es klar geregelt, greift die Jugendhilfe, wenn der Jugendliche nicht in seiner Familie leben kann und in einem Heim untergebracht werden muss. Das Jugendamt übernimmt dann auch die Kosten für die Unterbringung in einer Einrichtung.

Schwieriger ist die Finanzierung der Unterbringung von jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 21 Jahren. Mietkosten, die Hilfe zum Lebensunterhalt und die Fallleistungsstunden werden teilweise von den Jugendämtern, dem Jobcenter und den Sozialämtern getragen.

Da bis zum 18. Lebensjahr die Jugendhilfe greift und erst ab dem 21. Lebensjahr die Eingliederungshilfe zuständig ist, hat ViaNobis mit der Einrichtung in Palenberg eine Versorgungslücke geschlossen. Derzeit sind drei junge Frauen und vier junge Männer im Alter von 17 bis 20 Jahren in Palenberg untergebracht. Manche kommen aus stationären Einrichtungen, andere direkt aus dem Elternhaus.

Jeder Klient hat in dem Wohnhaus sein eigenes Zimmer und wird offiziell bei der Stadt Übach-Palenberg angemeldet. „Für jeden Jugendlichen erstellen wir einen individuellen Hilfeplan, in dem die Ziele definiert sind“, erklärt Armin Ney. Welche Schule hat ihr Schützling besucht? Welchen Abschluss hat er? War er in psychiatrischer Behandlung? Wie kann man ihn in die Gesellschaft integrieren? Das sind Fragen, mit denen sich Armin Ney und Bastian Drunk beschäftigen.

Da Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr schulpflichtig sind, arbeiten sie eng mit dem Berufskolleg in Geilenkirchen zusammen. Die beiden Erzieher bereiten die jungen Leute auf Vorstellungsgespräche vor, formulieren mit ihnen Bewerbungsschreiben, helfen im Umgang mit Behörden und bei der Suche nach Praktikumsstellen. Engen Kontakt haben sie zu den Schulsozialarbeitern, suchen nach dem Schulbesuch aber auch immer wieder das Gespräch mit ihren Schützlingen. „Wir leben wie in einer Familie zusammen, aber wir Erzieher fahren abends nach Hause“, sagt Drunk, der bei allen Problemen den jungen Leuten mit Rat und Tat zur Seite steht, sich aber keinesfalls als Vaterersatz sieht.

Es geht nicht nur um Schule und Ausbildung, auch Dinge des täglichen Lebens müssen eingeübt werden: Die Jugendlichen müssen lernen, mit Geld umzugehen, gehen gemeinsam einkaufen oder kochen in Kleingruppen. „Immer mehr wird uns in der Jugendhilfe die Bildung beschäftigen, denn von Bildung hängt der Erfolg ab“, erklärt Werny.

Doch der ganze Einsatz zeigt keine Wirkung, wenn der junge Erwachsene nicht mitarbeitet. So beispielsweise der junge Mann, dessen Karriere als Betrüger mit über 100.000 Euro Schulden im Gefängnis endete, weil er endlos im Internet eingekauft hatte, ohne zu bezahlen.

Wenn die Zeit es erlaubt, freuen sich die jungen Leute auch über Freizeitangebote: So war eine Gruppe kürzlich im Aachener Kletterwald aktiv. Manche mögen auch einfach nur einen Spaziergang mit Therapiehund Bolle. „Bolle wirkt bei Aggressionen beruhigend und deeskalierend. Ein Tier öffnet auch bei diesen Jugendlichen Türen“, sagt Bastian Drunk.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert