Jüdisches Leben in Geilenkirchen neu entdecken

Von: Udo Stüßer
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Ebenso wie im vergangenen Jahr
Ebenso wie im vergangenen Jahr (unser Bild) besuchen heute Schüler und Lehrer der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule den jüdischen Friedhof. Foto: Georg Schmitz

Geilenkirchen. Sie will die Namen, Wohnorte und Schicksale der in der Shoah vertriebenen und ermordeten Geilenkirchener jüdischen Glaubens wieder in die Geschichte der Stadt zurückholen. Deshalb hat Christa Nickels, ehemalige Parlamentarische Staatssekretärin der Grünen aus Waurichen, Anfang des Jahres eine Initiative gegen das Vergessen gegründet.

Diesem „Aktionsbündnis Erinnerung” gehören neben der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule die Realschule, das St.-Ursula-Gymnasium, das Berufskolleg, die katholische und evangelische Pfarrgemeinde und Einzelpersonen an.

„Der Name unserer Schule ist nicht nur ein Etikett, sondern auch ein Auftrag”, sagt Uwe Böken, Leiter der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule. Während an diesem Mittwochmorgen die Klassen- und Jahrgangsstufensprecher sich mit einigen Lehrern zu einer Gedenkfeier auf dem Jüdischen Friedhof zusammengefunden haben, um der Opfer des Holocaust zu gedenken, halten sich 18 Geilenkirchener Gesamtschüler mit ihren Lehrern Gabriele Czech und Walter Scheufen in Israel auf.

Sicherlich: Nachdem nach Einschätzung des israelischen Präsidenten Schimon Peres ein Militärschlag Israels gegen iranische Atommeiler immer wahrscheinlicher wird, hatte Walter Scheufen vor dem Abflug in dieser Woche schon ein mulmiges Gefühl im Magen. Denn er weiß: „Das unerwartete Zuschlagen war schon immer eine Stärke der Israelis.” Der Israel-Kenner geht aber eher von „ taktischen Spielchen der Israelis” aus, um die USA und die Nato auf ihre Seite zu ziehen. „Und das Auswärtige Amt hat keine offizielle Reisewarnung ausgesprochen.”

Walter Scheufen und seine Kollegen bemühen sich bereits seit 2000 um eine Partnerschaft mit einer israelischen Schule. In jenem Jahr weilte Scheufen mit einer ersten Geilenkirchener Schülergruppe in einer in Nordisrael nahe der Golan-Höhe gelegenen Schule. Aber während der zweiten Intifada, des gewaltsamen palästinensischen Aufstands gegen Israel, ging der Kontaktlehrer auf israelischer Seite, Jimmy Baker, wieder zurück in die USA.

Und die Partnerschaft war schon vor dem Beginn beendet. Vor dem 60-jährigen Bestehen von Israel und der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 2008 wollte das Land Nordrhein-Westfalen „eingeschlafene Partnerschaften neu beleben”, blickt Scheufen zurück. Und so flog er zu einem Seminar des Pädagogischen Austauschdienstes der Kultusministerkonferenz der Bundesländer nach Israel und legte damit den Grundstein zu einer Partnerschaft mit der Yohana Zhabotinsky School. Seitdem besuchen Geilenkirchener Schüler der Klassen 9 und 10 Israel oder empfangen Jugendliche aus Israel als Gäste.

Zeitzeugengespräche

Jeder Schüler der Geilenkirchener Gesamtschule soll nicht nur die Geschichte Anita Lichtensteins, des ermordeten jüdischen Mädchens, kennen, sondern auch das Konzentrationslager Auschwitz, das größte Vernichtungslager während des Nationalsozialismus, gesehen haben. „Deshalb fährt in jedem Jahr der gesamte neunte Jahrgang nach Auschwitz”, erklärt Roswitha Steffens, stellvertretende Schulleiterin. Derweil macht Geschichtslehrer Dr. Martin Kerkhoff auf die Zeitzeugengespräche in der Schule aufmerksam.

Ein erstes Gespräch führte er mit Elfriede Görtz, Freundin von Anita Lichtenstein, und der Geilenkirchener Buchhändlerin Marlene Mühlbauer, ein zweites zum Thema Anita Lichtenstein und ein drittes zum Ende der Kriegszeit in Geilenkirchen. Weitere Gespräche sind geplant, über weitere Zeitzeugen, die ihre Erlebnisse preisgeben wollen, würde sich Kerkhoff freuen. Gleichzeitig hofft er, dass sein Kollege Walter Scheufen in dieser Woche in Israel auf einen Vetter von Anita Lichtenstein trifft und ihn zu einer Reise nach Geilenkirchen bewegen kann.

Uwe Böken, Roswitha Steffens, Walter Scheufen, Dr. Martin Kerkhoff: Auch sie kämpfen gegen das Vergessen und wollen ebenso wie Christa Nickels mit ihren Schülern die Schicksale der vertriebenen und ermordeten Juden in die Stadt zurückholen. „Wir wollen die Wohnorte der jüdischen Bürger kartografisch erfassen. Außerdem wollen wir für jeden jüdischen Mitbürger ein kleines Gedenkblatt mit Daten und Bild erstellen”, blickt Kerkhoff auf neue Pläne und freut sich über die Unterstützung des ehemaligen Kollegen Karl-Heinz Nieren, der schon erhebliche Vorarbeit geleistet hat.

Bei ihren Reisen in die Vergangenheit haben die Pädagogen großen Einsatz und viel Engagement bei den den Schülern bemerkt. „Es wird nicht nur ein wenig Lokalpatriotismus geweckt, sondern die Schüler lernen auch selbstständiges Arbeiten”, so Kerkhoff. Dies unterstreicht auch Uwe Böken, der mit seinem Kollegen Adalbert Wolynski eine neue Arbeitsgemeinschaft „Anita Lichtenstein” gegründet hat. „Auf den Spuren von Anita Lichtenstein begeben wir uns auch ins Dürener Sammellager Gerstenmühle”, sagt Böken.

Am Dienstag, 15. November, findet um 19 Uhr in Haus Basten in Geilenkirchen die Veranstaltung „Gegen das Vergessen” statt. Die „Initiative Erinnern” stellt ihr Anliegen vor, die Namen und Schicksale der in der Shoah vertriebenen und ermordeten Geilenkirchener jüdischen Glaubens in die Geschichte der Stadt zurück zu holen.

Vor der Hitlerzeit war Geilenkirchen Heimat einer der größten jüdischen Gemeinden in der Region Aachen. Alle Geilenkirchener Juden wurden bereits nach der Reichspogromnacht vertrieben, die meisten in den Vernichtungslagern ermordet. Die „Initiative Erinnern” arbeitet konsequent opferbezogen - um diese geht es und nicht um die Täter.

Am Informationsabend stellen Schulen und Kirchen ihre Projekte vor. Neue Projektideen suchen Unterstützer, zum Beispiel für die „Interaktive Stadtkarte”, auf der man Orte ehemaligen jüdischen Lebens wieder entdecken kann. Oder die „Route der Erinnerung”, auf der man diese Orte dann in der Stadt aufsuchen kann. Gedenkblätter für jeden jüdischen Mitbürger sind angedacht und von einigen ein Stolpersteinprojekt.

Das Opfergedenken soll auf weitere verfolgte Gruppen in der NS-Zeit ausgedehnt werden. Interessierte sind eingeladen, ihre Vorschläge einzubringen und im „Initiativkreis Erinnern” mitzuarbeiten.

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