Jenny Bökens Eltern lassen nicht locker

Von: Wolfgang Schumacher
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Wäre am kommenden Montag 22 J
Wäre am kommenden Montag 22 Jahre alt geworden: Jenny Böken, die bei ihrer Ausbildung auf der „Gorch Fock” heute vor drei Jahren über Bord ging. Ihre Geilenkirchener Eltern haben jetzt Strafanzeige wegen fahrlässiger Tötung gegen den damaligen Kapitän Schatz gestellt und beantragen die Wiederaufnahme des Ermittlungsverfahrens. Foto: privat, dpa

Aachen/Geilenkirchen. Marlis und Uwe Böken wirken erleichtert an diesem Abend. Kurz vor dem dritten Jahrestag des tragischen Todes ihrer Tochter Jenny Böken, die am 3. September 2008 kurz vor Mitternacht bei ihrem Wachdienst als Seekadettin auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock” vor Norderney aus ungeklärten Gründen über Bord ging, leisten sie zahlreiche Unterschriften: In der Kanzlei ihres Aachener Anwalts Rainer Dietz unterzeichnen sie vier Strafanzeigen.

Die Anzeigen richten sich gegen den nach einem weiteren Todesfall im Januar 2011 suspendierten Kapitän Norbert Schatz, gegen den Schiffsarzt Dr. Wolfgang F. sowie gegen die beiden Seeoffiziere, die am Heck des Schiffes Posten standen. Letztere haben sich nach Meinung des Anwalts in widersprüchlichen Aussagen verstrickt, damals nicht richtig reagiert und somit durch unterlassene Hilfeleistung zur fahrlässigen Tötung der Soldatin beigetragen.

Was wusste der Arzt?

Dem Arzt macht man zum Vorwurf, er habe von gravierenden Gesundheits- und vor allem Schlafstörungen der Soldatin, einer Sanitätsoffiziersanwärterin, gewusst und habe sie trotzdem an Deck zum nächtlichen Dienst gelassen.

Dem ehemaligen Schiffskommandanten Schatz werfen die Eltern vor, seine Dienstaufsicht insofern verletzt zu haben, indem er sich über zentrale Unfallverhütungsvorschriften hinweggesetzt habe. Vorschriften, die heute auf der „Gorch Fock” beachtet würden - wie das Tragen von Schwimmwesten und das Festmachen an einer Leine.

Hinzu kommt der ausführliche Antrag auf „Wiederaufnahme der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen in der Todessache Böken”. Die waren Ende Dezember 2010 vom Kieler Generalstaatsanwalt eingestellt worden. Jenny Bökens Tod sei ein Unfall. Doch das getrennt lebende Ehepaar Böken aus Geilenkirchen will nicht, dass der Mantel des Schweigens über den Tod der damals erst 18-Jährigen gebreitet wird. So haben sich die Eltern zu diesem spektakulären und absehbar nervenzehrenden juristischen Schritt aufgerafft - damit der Schmerz über den Tod irgendwann nachlassen möge.

Nach der Einstellung der Ermittlungen gaben Uwe und Marlis Böken im Januar einige Interviews. Ansonsten schwiegen sie beharrlich. Bis heute. An Skandalmeldungen über den „schwimmenden Puff” „Gorch Fock” wollten sie sich keinesfalls beteiligen. Sie kommentieren ebenso Schilderungen von „Ekelritualen” auf der traditionsreichen deutschen Dreimastbark - beispielsweise aus Anlass von Äquatortaufen bei Auszubildenden - bis heute nicht öffentlich.

Nun, sagt ihr Anwalt, seien in den vergangenen Monaten bislang unberücksichtigt gebliebene und neu recherchierte Tatsachen, begleitet von zahlreichen Ungereimtheiten, aufgetaucht. Sie müssen, sagte Dietz am Freitag kämpferisch, in dem neuen Verfahren aufgeklärt werden - damit irgendwann sicher festgestellt werden kann, wer für den fatalen Sturz von Jenny verantwortlich oder zumindest mitverantwortlich ist, damit endlich auch Rechtsfrieden einkehre. Denn von Rechtsfrieden, den beide Seiten als solchen akzeptieren, kann bislang keine Rede sein. Die Wut auf den damals ermittelnden Kieler Staatsanwalt schwelt bis heute in den Bökens.

Für sie mündet alles in der Hauptfrage: Durfte die seit dem 16. August Dienst tuende und seit dem 28. August auf großer Fahrt befindliche Offiziersanwärterin auf ihrem Posten „Ausguck Back” überhaupt Dienst tun?

Anwalt Dietz liegt ein Protokoll des Havarieausschusses vor. Auf der „Gorch Fock” wurde demnach geduldet, dass Schwimmwesten erstens nicht regelmäßig angelegt und zweitens aus Platzmangel nur zentral zugänglich auf Deck gelagert wurden. Der „Ausguck Back” an der vorderen Steuerbordseite des Schiffes macht Dienst in der Nähe des sogenannten Königspollers, der 75 Zentimeter misst und nur von einer 50 Zentimeter hohen Absperrung begrenzt wird.

Hier hätte, argumentiert der Anwalt, auf alle Fälle eine Schwimmweste angelegt werden müssen, da nach den Unfallverhütungsvorschriften der Berufsgenossenschaft die Reling überall eine Mindesthöhe von einem Meter haben muss. „Dass diese zentralen Vorschriften auf einem Schulschiff missachtet wurden, ist ein grober Dienstverstoß des Kapitäns”, sagt Dietz. Und damals war Norbert Schatz - anders als bei dem Unfall der Soldatin Sarah Seele - als Kapitän an Bord.

Weiter gebe es zahlreiche Zeugen, so der Anwalt, die berichten, dass Jenny Böken vor dem tragischen Tag des Öfteren auffällig ohne Anlass eingeschlafen sei. Das war selbst in einer Beurteilung vermerkt, die vor der Einschiffung der Soldatin geschrieben wurde. Eine solchermaßen gehandicapte Person nachts Wache halten zu lassen, erscheine im Rückblick als völlig verfehlt.

Doch auch die Wachhabenden hätten Jenny noch retten können. Seit 23.30 Uhr hatte die Kadettin nach einer frühen Aussage des Offiziers S. keine Meldung mehr gemacht. Dann um 23.43 Uhr hörte man einen gellenden Schrei, das Manöver „Mann über Bord” wurde sofort gefahren. Doch es war offenbar zu spät in dunkler Nacht.

Der Kieler Oberstaatsanwalt Bernd Winterfeldt, jetzt zuständig für den Fall, bestätigte am Freitag den Eingang der Strafanzeigen. Er will sich kommende Woche äußern.

Am 3. September 2008 liegt die Gorch Fock abends in süd-südwestlichem Wind vor Norderney, die Windstärke beträgt sieben bis acht Beaufort, Ziel Hafen Hamburg. Das Schulschiff kommt aus der nördlichen Nordsee. Um 22 Uhr löst Offiziersanwärterin Jenny Böken eine andere Soldatin auf dem Posten „Ausguck Back” ab. Um 24 Uhr soll sie von einer weiteren Soldatin abgelöst werden. Morgens klagte sie über Unterleibsschmerzen, um 14 Uhr schreibt der Arzt sie gesund.

Um 23.30 Uhr fehlt entgegen den Zeitpunkten 23 Uhr und 22.30 Uhr die fällige Standardmeldung von Jenny Böken. Die Wachhabenden reagieren nicht. Später heißt es, sie habe noch Schiffsverkehr gemeldet. Eine Schutzbehauptung, sagt der Anwalt. Dann ein Schrei um 23.43 Uhr, Manöver „Mann über Bord”. Jenny verschwindet in der dunklen See, es herrscht Starkwind. Manche Zeugen wollen einen Körper vorbeitreiben gesehen haben. Völlig unmöglich in der Dunkelheit, meint Vater Uwe Böken.

Und Böken fragt: Warum gab es - anders als sonst täglich - am 3. September keine Emails von Jenny?

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