Japanische Wissenschaftler besuchen Carolus-Magnus-Gymnasium

Von: Simone Thelen
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Besuch im Auftrag der Demokratie: Japanische Wissenschaftler machen sich ein Bild von der demokratischen Bildung am Carolus-Maguns-Gymnasium Übach-Palenberg. Foto: Simone Thelen
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Sei Miwa ist Lektorin am Asien-Afrika-Institut in Hamburg und beobachtet die Schüler bei der Findung ihrer Argumente ganz genau.

Geilenkirchen. An Selbstbewusstsein fehlt es den Schülerinnen und Schülern der Klasse 6b am Carolus-Magnus-Gymnasium in Übach-Palenberg nicht. Nicht, dass sie aufmüpfig wären. Nein. Aber sie kennen ihre Rechte. Und sie verstehen es, diese auch zu vertreten, und für ihre Meinung einzustehen.

Das stellen SV- und Politiklehrer Holger Heß und Christoph Schlagenhof, zuständig für die demokratische Schulentwicklung, immer wieder mit Stolz fest, sowohl im Unterricht als auch im Klassenrat und der Schülervertretung.

Mittlerweile hat sich die demokratische Streitkultur an der Schule aber auch bis ins ferne Japan herumgesprochen. Seit im vergangenen Jahr ein japanisches Fernsehteam über die Schule berichtete, ist das Gymnasium sozusagen zum Vorzeigeprojekt für die zukünftige Entwicklung des japanischen Schulsystems geworden. Eine Abordnung von Wissenschaftlern verschiedender Japanischer Universitäten besuchte am Mittwoch die Schule, um mehr über die Einbindung von demokratischen Strukturen und Entscheidungsprozessen in den Schulalltag zu erfahren.

In Japan gibt es einen dem deutschen System ähnlichen Regierungsaufbau und eine verwandte Wirtschaftsordnung. Dennoch haben sich beide Länder nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in durchaus unterschiedliche Richtungen entwickelt. Kayoko Noro-Nakahata, Wissenschaftlerin der Universität Tokio, interessiert sich vor allem dafür, wie den deutschen Schülern ihr Recht auf Mitbestimmung vermittelt wird. Gerade was die Rechte von Frauen angeht, sei man da in Japan noch auf einem ganz anderen Stand. „Bei uns ist es Frauen nicht erlaubt, einen Doppelnamen zu tragen, Frauen haben keine Rechte. Ich benutze aber trotzdem meinen Geburtsnamen. Aus Protest.“

Für diese Einstellung würde sie auch von den Übach-Palenberger Schülern viel Zustimmung bekommen. In der heutigen Politik-Stunde diskutieren die über das Thema: „Sollen Flüchtlinge in den normalen Klassenverbund integriert werden, oder sollen eigene Flüchtlingsklassen eingerichtet werden?“

Zunächst sammeln die Zwölfjährigen Argumente für die eine wie für die andere Position. Anschließend wird darüber debattiert. Jeweils zwei Schüler vertreten dabei eine Position, tauschen Argumente aus und machen Vor- und Nachteile deutlich. Anschließend wird im Klassenverbund darüber abgestimmt, welche Position besser vertreten wurde und welcher sie sich anschließen.

An diesem Tag sind sich alle Schüler einig: Kinder aus Flüchtlingsfamilien sollen in die normalen Klassen integriert werden. Die Gewinner der Diskussion werden nicht nur mit Gummibärchen belohnt. Denn nun kommt der demokratische Prozess am Carolus-Magnus-Gymnasium erst richtig in Gang. Das Thema geht in die Schülervertretung (SV), das Basiselement des demokratischen Konzepts der Schule. „Hier können die Schüler dann ihre Meinung einbringen und am Entscheidungsprozess teilhaben. Und das tun sie mit großem Engagement und durchaus auch mit Erfolg“, meint Christoph Schlagenhof. „Es kommt oft vor, dass sich die Schüler mit ihrer Meinung durchsetzen, auch wenn die Lehrerschaft eine andere Meinung vertritt.“

In solchen Momenten schwillt Schlagenhofs Herz an vor Stolz. „Es ist toll zu beobachten, wie hier aus teilweise schüchternen Kindern mündige Schüler werden, die sich nicht für dumm verkaufen lassen. Die demokratische Arbeit ist nämlich auch ein wesentlicher Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung.“

Dass dieses Konzept auch aufgeht, zeigt sich daran, dass die SV-Schüler des Gymnasiums deutschlandweit unterwegs sind und Workshops für andere Schülervertretungen leiten. Gemeinsam soll auch an anderen Schulen ein demokratischer Prozess in Gang gesetzt werden.

Yoshinao Najima ist Professor an der University of the Ryukyus in Okinawa-ken in Japan. Er freut sich, dass er beim Unterricht in Übach-Palenberg dabei sein kann. „In Japan gibt es nicht genug Möglichkeiten, eine solche Methodik zu lernen. Darum hole ich mir hier Anregungen, was ich auch bei uns umsetzen kann, beziehungsweise welche Ideen ich anderen Menschen mit auf den Weg geben kann, die demnächst an den Schulen arbeiten werden.“ Da es in Japan andere kulturelle Voraussetzungen als in Deutschland gebe, sei es wichtig, sich gut auf diesen Prozess vorzubereiten.

Die japanischen Wissenschaftler sind nur eine Woche lang zu Gast in Deutschland, um hier „Demokratie zu lernen“, wie Holger Heß erklärt. Das sei für japanische Verhältnisse aber durchaus lang. Zuerst hat die Delegation ein Symposium der Zentrale für Politische Bildung in Berlin besucht. Was die Wissenschaftler dort in der Theorie erfahren haben, beobachten sie am Carolus-Magnus-Gymnasium nun in der Praxis.

Schon am nächsten Tag geht der Flieger zurück nach Japan. Im Gepäck haben die Wissenschaftler viele Ideen, um den Prozess der Demokratiebildung auch in Japan voranzutreiben. Die Übach-Palenberger Schüler sind stolz, dass sie einen Beitrag leisten konnten.

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