Jagdaufseher: „Kein Landwirt mag tote Kitze im Heu“

Von: Katharina Menne
Letzte Aktualisierung:
14709755.jpg
Wolfgang Jansen (vorne) hat seinen Hund „Boss“ darauf trainiert, Rehkitze im hohen Gras zu erschnüffeln. In den ersten Lebenswochen geben diese jedoch noch keine Witterung ab, deshalb müssen auch er und seine Jägerkollegen die Augen offenhalten. Foto: Katharina Menne
14708410.jpg
Dieses etwa zwei Wochen alte Rehkitz fanden die Jadgaufseher letztes Jahr im hohen Gras und konnten es retten. Foto: Wolfgang Jansen
14709808.jpg
In ihrer Jagdhütte ruhen sich Josef Kurtenbach (v.l.), Günter Göres und Wolfgang Jansen nach getaner Arbeit aus.

Geilenkirchen. Aufmerksam und den Blick immer auf den Boden gerichtet durchkämmen Wolfgang Jansen, Josef Kurtenbach und Günter Göres eine kniehohe Wiese am Stadtrand von Geilenkirchen. Doch sie haben nicht etwa etwas verloren – sie sind auf der Suche nach Rehkitzen. Die weiblichen Rehe legen ihre Jungen nach der Geburt bevorzugt in hohem Gras ab, um sie vor Feinden zu schützen.

Doch genau das kann ihnen zum Verhängnis werden, wenn die Landwirte ihre Wiesen mähen wollen. Jansen, Kurtenbach und Göres sind Jagdaufseher. Sie sind für die Hege und Pflege ihrer Reviere zuständig und deshalb auch darauf bedacht, dass kein Wildtier ohne Grund zu Schaden kommt. Sie wurden informiert, dass der zuständige Landwirt bald seine Wiese mähen möchte. „Dann ziehen wir los und suchen die Wiese ab. Schließlich will kein Landwirt tote Kitze in seiner Heumahd haben“, sagt Wolfgang Jansen.

Vor zwei Jahren wurde er von einem Bauern angerufen, dem beim Mähen ein wenige Wochen altes Rehkitz zwischen die Klingen geraten ist. Die Bilder gehen ihm seitdem nicht mehr aus dem Kopf. „Es lebte sogar noch, als ich ankam“, sagt er. „Ich habe es dann von seinem Leid erlöst.“

Doch ein solcher Unfall ist nicht nur grausam für das Rehkitz. Durch Tierkadaver verunreinigtes Heu kann bei Kühen und Pferden schlimme Vergiftungserscheinungen hervorrufen. Natürlich vorkommende Bakterien der Gattung Clostridium aus den Tierkadavern bilden das hochgiftige Botulinum-Toxin. Nur 0,1 Mikrogramm dieses Gifts in Reinform reichen bereits, um einen Menschen zu töten.

Schon seit vielen Jahren werben der Landesjagdverband Nordrhein-Westfalen und die Landwirtschaftskammer NRW für wildtierschonende Mähverfahren. Im neuen NRW-Landesnaturschutzgesetz ist das Mähen von innen nach außen sogar zwingend vorgeschrieben. So werden die Wildtiere nicht eingekesselt und haben genug Zeit,durch das verbleibende Gras zu flüchten. Allerdings halten sich laut Jansen, Göres und Kurtenbach längst nicht alle daran.

Für die Suche nach den Kitzen im Feld nimmt Wolfgang Jansen seinen Hund Boss mit. Der Hund ist auf die Suche trainiert. Energiegeladen rennt er trotz sommerlicher Hitze kreuz und quer an einer langen Leine durch die Wiese. Quersuche nennt sich das im Fachjargon.

Noch kein Fluchtinstinkt

Doch es gibt auch die Möglichkeiten, das Wild im Vorhinein von der Fläche zu verscheuchen. „Manchmal stellen wir am Abend vorher Pflöcke mit weißen Tüchern oder Flatterbändern auf“, sagt Josef Kurtenbach. Das halte die Ricken im besten Fall davon ab, ihre Kitze überhaupt in die Wiese zu legen.

Eine andere Variante ist der akustische Wildretter, der am Traktor oder der Mähmaschine angebracht wird. Die kleine, weiße Box erzeugt einen lauten und hohen Pfeifton von rund 120 Dezibel, der das Jungwild vertreiben soll. Auf Anfrage stellt der Jagdverband den Bauern die Wildretter unentgeltlich zur Verfügung.

Doch bei ganz jungen Rehkitzen nützt das alles nichts. „Die Kitze haben von der ersten bis zur vierten Woche noch keinen Fluchtinstinkt“, erklärt Josef Kurtenbach. Stattdessen drücken sie sich aus Angst ganz fest an den Boden, um nicht gefunden zu werden – und liefern sich so der Mähmaschine hoffnungslos aus. Die Ricke ist zwar in der Nähe, kann aber im Zweifel auch nicht viel machen, wenn die Mähmaschine zu schnell ist.

Die aussichtsreichste Methode sei es, das Feld kurz vor der Mahd mit einer an einer Drohne befestigten Wärmebildkamera nach Rehkitzen abzusuchen, sagt Jansen. „Eine Zeit lang hatten wir im Stadtbezirk einen Hobbypiloten, der das für uns gemacht hat“, erzählt er. Doch weil die Nachfrage der Landwirte zu gering war, habe dieser die Kooperation wieder eingestellt. „Es wäre wirklich wichtig, dass dafür Geld in die Hand genommen und die Methode unterstützt wird. Menschenaugen können leicht mal ein Kitz übersehen.“

Am wichtigsten sei jedoch der Anruf der Landwirte. „Die meisten arbeiten gut mit und sagen uns rechtzeitig Bescheid, wenn sie vorhaben zu mähen“, sagt Jansen. Man habe über die Jahre eine gute Zusammenarbeit erreichen können. Was ihn dagegen richtig in Rage bringt, ist, wenn Bachläufe, Regenrückhaltebecken, Stilllegungsflächen und Biotope zu früh gemäht werden. „Der Stichtag für diese Wiesen ist der 16. Juni. Wenn bis dahin nicht aus Hochwasserschutzgründen gemäht werden muss, ist die Schonzeit einzuhalten.“

Auch andere Tiere schützen

Es geht dabei nämlich nicht nur um Rehwild, das gefährdet wird, sondern auch um Bodenbrüter wie Fasane oder Lerchen, um Feldhasen und um andere Tiere, die sich gerne im hohen Gras verstecken.

Genau deshalb appellieren die Jagdaufseher auch an Spaziergänger und Hundebesitzer, auf den Wegen zu bleiben, die Hunde an der Leine zu führen und wilde Tiere auf keinen Fall anzufassen. „Rehkitze, die im Gras liegen, sind nicht verwaist. Die Mutter wartet in der Nähe und beobachtet die Situation genau“, sagt Jansen.

Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert