Interview: Romantisch der Mythos, finster die Wirklichkeit

Von: Jan Mönch
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In der Kerkrader Abtei Rolduc saß zu Zeiten der Bockreiter die kirchliche Obrigkeit der Länder von Overmaas. Der Stadtchirurg Joseph Kirchhoffs wirkte hier als Leibarzt des Abtes Fabritius, bevor er als angeblicher Anführer der Bockreiter hingerichtet wurde. Die Gerichtsbarkeit speiste während der Prozesse in der Abtei.
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Rainald Folz und Catharina Scholtens beim Gespräch in der Rokoko-Bibliothek der Abtei Rolduc.

Übach-Palenberg. Die Bockreitergenossenschaft hat es sich zum Ziel gesetzt, die Hintergründe zum Mythos um die Bockreiter aufzuklären. Im Gespräch mit unserer Zeitung berichten die Vorstandsmitglieder Catharina Scholtens und Rainald Folz, zuständig für den deutschsprachigen Bereich der euregionalen Genossenschaft, von den drakonischen Strafen für die angeblichen Täter, den Zielen der Genossenschaft und den Herausforderungen der Archivarbeit.

 

Frau Scholtens, Herr Folz, unterhalten wir uns doch zunächst über den eigenartigen Namen der Bockreiter. Was hat es damit auf sich?

Folz: Die Bezeichnung gibt es schon seit dem Mittelalter, sie hat einen mythischen Ursprung. Bezogen auf unsere Region im 18. Jahrhundert denken wir, dass die Justiz ihre Verfolgungen und Verurteilungen rechtfertigen wollte: Die Räuber ritten also angeblich auf Böcken, weil sie gerade noch hier in Kerkrade und kurz darauf zum Beispiel in Geleen gewesen sein sollen. Das ging nur, wenn man einen Pakt mit dem Teufel hatte. Der Teufel wurde verkörpert durch den Bock, auf dem die Räuber zum nächsten Tatort flogen. Das gab dem Ganzen etwas Gottloses, und davor hatte die Bevölkerung Angst. Heute würde man von Fake News sprechen.

Es gab mehrere sogenannte Bockreiterperioden. Von wann bis wann dauerten sie?

Folz: Wir gehen von drei Perioden aus. In den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts gab es eine Welle von Überfällen, die in den 40er Jahren abgeurteilt wurden. Dann gab es eine kurze zweite Phase von 1750 bis 1752. Die dritte Phase dauerte von 1770 bis 1778. In dieser Phase wurden die mit Abstand meisten Menschen inhaftiert, gefoltert und hingerichtet.

Darunter viele Unschuldige...

Folz: Wir werten die Gerichtsakten der damaligen Zeit aus. Und die stimmen nicht immer mit den Zeugenaussagen und den Geständnissen überein. Ein Beispiel: In Immendorf wurde ein Hof überfallen. Die Opfer gaben an, von Männern in blauen Röcken, also in Militärkleidung, überfallen worden zu sein, die Hessisch und Hochdeutsch gesprochen und sich mit militärischen Rängen angesprochen hätten. In den Gerichtsakten tauchen diese Zeugenaussagen nicht mehr auf.

Die Obrigkeit wollte Schuldige. Wir gehen davon aus, dass für den Überfall in Immendorf versprengte Soldaten, die durchs Land zogen und Höfe überfielen, verantwortlich waren. Nichtdestotrotz gab es aber auch Einheimische, die Überfälle begingen, vor allen Dingen in der ersten Phase der Bockreiterprozesse.

Die Bockreiter im Sinne einer zusammenhängenden Gruppe oder Bande existierten also gar nicht?

Folz: Nein. In der ersten Phase hat man beispielsweise bei Bürgern von Herbach Diebesgut gefunden. Sie hatten also wirklich mit Überfällen zumindest indirekt zu tun. Aber später wurden die Zahlen der angeblichen Täter absurd hoch. Es gab in 35 Jahren über 600 Hinrichtungen.

Scholtens: Es sind circa 10 000 Seiten Prozessakten, Rechnungen und Briefe in belgischen, deutschen und niederländischen Archiven aus allen drei Perioden vorhanden. Es gab ganze Familien, die als Bockreiter Höfe oder Pfarrämter überfallen haben sollen. Über 1600 Menschen wurden in den Prozessakten namentlich genannt.

Konnte man einer Bestrafung überhaupt entgehen?

Folz: Die wenigen, denen das gelang, konnten entweder vorher fliehen, hatten Beziehungen, oder es konnte ihnen wirklich nichts nachgewiesen werden, was aber schwierig war. Aus den Akten lässt sich nachvollziehen, dass die Angeklagten die Taten zunächst bestritten. Dann kam es zum sogenannten peinlichen Verhör, also zur Folter. Ein Angeklagter hat ein Verbrechen gestanden, das er im Alter von drei Jahren hätte begehen müssen. Logik spielte keine große Rolle.

Wie kam die dritte Bockreiterperiode zu ihrem Ende?

Folz: Es gibt da zwei Theorien. Die eine besagt, dass eine junge Frau sich mit einem Brief an die freie Reichsstadt Aachen wandte und auf die zahlreichen Hinrichtungen aufmerksam machte. Eigentlich hätte Aachen von dem konfiszierten Eigentum etwas abbekommen müssen, was aber nicht der Fall war. Daraufhin schritt Aachen ein. Bei der anderen Theorie spielt Brüssel als oberste Regierungsinstanz eine wesentliche Rolle, das hier letztlich die Oberhand hatte und den Vorgängen einen Riegel vorgeschoben haben soll. Auf jeden Fall müssen die letzten Hinrichtungen dann um 1780 stattgefunden haben.

Welche Theorie scheint Ihnen wahrscheinlicher?

Folz: Eindeutig die Letztere. Es mag auch den Brief nach Aachen gegeben haben, aber dass man dort wirklich nichts von den Hinrichtungen gewusst hat, ist sehr unwahrscheinlich, schon weil der Henker aus Aachen beordert wurde. Er hieß Niclas Dillenburg und wohnte am heutigen Hexenberg, Ecke Höhenweg. Zudem war Aachen den Ländern von Overmaas, zu denen unsere Region gehörte, gar nicht weisungsbefugt.

Was ist dran an der Überlieferung, dass die Bockreiter Teile ihrer Beute an die Armen verschenkt haben?

Folz: Gar nichts. In Wirklichkeit dürften die jeweiligen Täter sich selbst bereichert haben. Dieser Robin-Hood-Mythos wurde erst später hinzugedichtet. Im 19. und im 20. Jahrhundert wurden erste Romane über die Bockreiter geschrieben, und die Autoren wollten das gern so haben.

Gab es keinen Widerspruch?

Folz: Nein. Die Angehörigen und Nachkommen der Verurteilten haben darüber nie wieder gesprochen, noch weit über 100 Jahre später nicht. Denn daraus konnten noch immer Nachteile entstehen.

Was das Seine zum Fortbestehen des Mythos bis zum heutigen Tage beigetragen haben dürfte.

Folz: So ist es.

Überfälle waren sicherlich kein lokales Phänomen. Wieso lässt der Mythos sich dennoch recht genau auf das damalige Limburg eingrenzen?

Folz: Das ist sehr schwer zu sagen. Wir sind gerade dabei, unsere Erkenntnisse zu einem Buch zusammenzutragen, das die Region zur damaligen Zeit auch über das Phänomen der Bockreiter hinaus beleuchten soll. Dafür arbeiten wir auch mit Universitäten und Historikern zusammen. Wir haben uns einen Zeitrahmen von zehn Jahren gesetzt, ein vollständiges Werk herauszubringen. Davon sind jetzt drei vorbei. Das Projekt wird einen sechsstelligen Betrag kosten.

Scholtens: Aus diesem Grund stehen wir ständig mit Sponsoren in Verbindung. Wir in Genossenschaft und Stiftung arbeiten zwar ehrenamtlich, aber die Historiker wollen natürlich bezahlt werden.

Auf was für eine Zeit stoßen Sie bei Ihren Recherchen?

Scholtens: Die Abteien und die Pfarreien waren reich, die Obrigkeit hat sich vom einfachen, armen Volk abgegrenzt. Es gab wenig zum Überleben, und ich bin fest davon überzeugt, dass auch genau deswegen viel gestohlen worden ist. Die Prozesse haben für die Familien der Hingerichteten die Probleme noch drastisch verschärft: Henker, Richter und auch der Pfarrer mussten bezahlt werden, dafür wurde dann Eigentum konfisziert. Viele Angehörige wurden verbannt, andere verließen die Gegend aus Angst von selbst.

Folz: Manchmal wurden die Häuser der Angehörigen abgerissen und festgelegt, dass auf dem Gelände 100 Jahre lang nicht mehr gebaut werden darf. Die vermeintlichen Bockreiter ließen mittellose Angehörige zurück. Es wurde brutal durchgegriffen.

Ihre Genossenschaft hat bislang 35 Städte, Gemeinden und Kreise in Belgien, Deutschland und den Niederlanden auserkoren, den Titel „Bockreitergemeinde“ zu tragen. Ein Marketing-Gag?

Scholtens: Nein. Wir wollen die Menschen auf diesen Teil der Geschichte aufmerksam machen. Man muss seine Kultur, sein Erbgut verwahren, so wie wir es ja auch hier in Rolduc tun.

Folz: Wir bedauern, dass Kinder die Weltgeschichte schon in der Grundschule gelehrt bekommen, die Regionalgeschichte aber nicht. Kinder sollten wissen, wo sie herkommen. Im Norden gehört dazu Störtebeker, in Hessen der Schinderhannes und hier bei uns eben die Bockreiter. Vielleicht können wir diese auch ein Stückweit rehabilitieren, wenn auch nicht im juristischen Sinne. Zum Beispiel könnte man an Burg Rode eine Tafel mit entsprechendem Hinweis anbringen.

Zuletzt hat Übach-Palenberg den Titel angenommen. Was hat diese Stadt mit den Bockreitern zu tun?

Folz: Auch dort wurden Überfälle verübt, zum Beispiel auf das Pfarrhaus in Marienberg. Ein Nachbar des Pfarrers namens Pennarts war dafür wohl verantwortlich. Und es gab Hinrichtungen, neun allein an einem Tag in der Scherpenseeler Heide. Meist wurden die Verurteilten in ihrem Heimatort hingerichtet.

Was haben die Gemeinden von dem Titel?

Folz: Ganz klar einen touristischen Mehrwert. Wir geben Zeitschriften und andere Publikationen heraus, es gibt auch ein Wanderbuch mit örtlichen Punkten, die mit den Bockreitern zu tun haben. Auch werden Events rund um das Thema Bockreiter von uns veranstaltet.

Eine tragende Rolle lassen Sie Joseph Kirchhoffs zukommen. Am Jahrestag seiner Hinrichtung sollen die „Bockreitergemeinden“ die Bockreiterfahne hissen. Wieso heben Sie ausgerechnet Herrn Kirchhoffs so hervor?

Folz: Weil er als Chirurg ein Mann der Öffentlichkeit war. Es ist einiges über sein Leben bekannt, zum Beispiel das Bewerbungsschreiben, das er Abt Fabritius vorgelegt hat. Trotzdem wurde er später auf Burg Rode gefoltert. Kirchhoffs wurde am 11. Mai 1772 trotz fehlenden Schuldeingeständnisses hingerichtet. Es gibt schriftliche Quellen, für die Gespräche konstruiert wurden, in denen Kirchhoffs sich über die Situation der Armen und die Untätigkeit der Obrigkeit ausgelassen haben soll. Auch der Mythos einer mildtätigen Räuberbande, deren Anführer er angeblich war, wurde also maßgeblich anhand seiner Person aufgebaut.

Scholtens: Joseph Kirchhoffs wurde verhaftet, als er sonntags aus der Kirche St. Mariä Himmelfahrt kam. Vorher hatte er die Leute, die in Burg Rode gefoltert wurden, versorgt. Oft nannten die Gefolterten Namen von Leuten, die auf der Burg und in den Verliesen arbeiteten. Vielleicht geriet er so unter Verdacht.

Wieso begeistern Sie sich eigentlich so für den Mythos um eine Bande, die es so nicht gegeben hat?

Folz: Ich betreibe seit 32 Jahren Ahnenforschung. Väterlicherseits stammen meine Vorfahren aus Deutschland, mütterlicherseits aus den Niederlanden. Vor einigen Jahren habe ich festgestellt, dass drei meiner direkten Vorfahren und zwölf angeheiratete Familienmitglieder als Bockreiter hingerichtet worden sind.

Scholtens: Bei mir kommt es mehr aus meinem geschichtlichen Interesse als Gästeführerin heraus. Und bis heute ist viel vorhanden, das mit den Bockreitern zusammenhängt, zum Beispiel die Folterkammer auf Burg Rode. Die Leute fragen oft nach den Bockreitern und auch nach den Märchen, die dazu heute erzählt werden. Da kann ich dann einiges ins rechte Licht rücken.

Der Robin-Hood-Mythos wurde zuletzt durch das bekannte Jugendbuch des Niederländers Ton van Reen, zu dem es auch eine Serie gab, gepflegt. Ist die Vorstellung der Menschen dadurch sehr stark verfälscht?

Folz: Ja, leider. Die einen glauben die Robin-Hood-Geschichte, andere sagen: Das waren Verbrecher, die haben es verdient. Dabei ist das eine so falsch wie das andere.

Scholtens: Vor allem in den Niederlanden haben Buch und Serie einen großen Einfluss genommen. Aber mittlerweile wird an vielen Stellen versucht, das Thema in die richtigen Bahnen zu lenken.

Ihnen sind 1200 Publikationen zu den Bockreitern bekannt, nur wenige erfüllen wissenschaftliche Ansprüche. Woher diese Diskrepanz?

Folz: Das hat zunächst mal damit zu tun, dass viele Publikationen schon sehr alt sind. Aber auch heute werden Publikationen herausgegeben, die voller Fehler sind.

Scholtens: Da werden die alten Fehler übernommen. Wir berufen uns teils natürlich auch auf andere Autoren. Aber wir achten darauf, nur Quellen zu zitieren, die wiederum ihre Quelle angegeben haben, damit wir diese prüfen können. Das geht übrigens in den Niederlanden viel besser als in Deutschland. Da behindert der Datenschutz uns nicht so. Man geht ins Archiv, schreibt ab, fotografiert, kopiert. In Aachen stößt man da manchmal gegen eine Mauer, das ist wirklich schade.

Trotz der Willkür der damaligen Justiz liegen dem Mythos der Bockreiter auch wahre Verbrechen zugrunde. Haben Sie keine Sorge, diese Taten unabsichtlich aufzuwerten? Müsste es nicht eigentlich um die Opfer gehen?

Folz: Die unschuldig als Bockreiter Hingerichteten zählen für uns auch zu den Opfern.

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