Geilenkirchen - Internet und Einzelhandel: Shoppen bleibt ein sinnliches Vergnügen

Internet und Einzelhandel: Shoppen bleibt ein sinnliches Vergnügen

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Sie soll in den Wurmwiesen verirrten Wanderern aufgelauert haben: die Haihover Juffer. Heute hält eine Bronzeplastik von Bonifatius Stirnberg in der Gerbergasse die Erinnerung an diese alte Sagengestalt wach. Das weiß auch der Heimatforscher und AK-Geschäftsführer Heiner Coenen. Foto: Udo Stüßer

Geilenkirchen. Ladenöffnungszeiten, verkaufsoffene Sonntage, das Internet als Konkurrenz, Marketing-Strategien: Es gibt viele Themen, die den Einzelhandel beschäftigen. Im Gespräch mit unserem Redakteur Udo Stüßer blickt Heiner Coenen, Geschäftsführer des Aktionskreises Geilenkirchen, mit Optimismus in die Zukunft.

NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart hat ein sogenanntes Entfesselungsgesetz in den Landtag eingebracht. Demnach könnten die Geschäfte acht statt vier Sonntage im Jahr öffnen. Das müsste doch die Geilenkirchener Geschäftswelt freuen.

Coenen: Uns geht es nicht so sehr darum, die Anzahl von Kaufsonntagen von vier auf acht zu erhöhen, sondern dass der bei den Anträgen notwendige Begründungskontext entbürokratisiert und handhabbar gemacht wird.

Dieses Gesetz würde auch sicherlich für Erleichterung bei den Einzelhändlern sorgen. Sie müssten dann nicht mehr befürchten, dass die Gewerkschaft Verdi vor Gericht zieht.

Coenen: Zurückblickend auf die Vergangenheit war nicht das Problem, dass Verdi die Anträge gerichtlich überprüfen ließ. Wir leben in einem Rechtsstaat, und eine gerichtliche Überprüfung muss immer möglich sein. Das Problem war, dass in den bisherigen Begründungen der wichtige Anlassbezug in einer Art und Weise nachgewiesen werden musste, bei dem der gesunde Menschenverstand zum Teil nicht mehr folgen konnte. Nur zwei der absurden Begründungsaspekte: Wie viele Besucher kommen, ist schwierig zu sagen. Und wenn die Zahlen doch ermittelt sind, ist es noch schwieriger zu sagen, wer weshalb kommt, soll heißen zum Shoppen oder zum Feiern? Das ist nicht seriös ermittelbar.

Samstags dürften demnach die Geschäfte 24 Stunden öffnen. Profitieren von solchen Vorhaben nicht nur Discounter und Einkaufszentren?

Coenen: Das normale Marktringen zwischen inhabergeführten Einzelhandelsgeschäften und Discountern und Filialisten geht weiter. Der Einzelhandel muss diese langen Öffnungszeiten der Einkaufszentren im Auge haben und sich vielleicht anschließen, aber auch – Stichwort Digitalisierung – über die Erreichbarkeit von Einzelhandelskunden nachdenken.

Es geht bei diesem Gesetz um eine Belebung der Innenstädte. Wird dadurch wirklich mehr Kaufkraft angezogen?

Coenen: Nach unserer Einschätzung kommt es bei einer klugen Kombination von traditionellen Festen und Anlässen und einer grundsätzlichen Erreichbarkeit für die Kunden wahrscheinlich zu einer größeren Belebung der Innenstädte. Diese Kombination von Begegnung in der Innenstadt, Kommunikation und gleichzeitig der Möglichkeit des Einkaufs mit den damit verbundenen Effekten des Einkaufserlebnisses trägt zu dem gewünschten Ziel Belebung der Innenstädte bei.

Die Verwaltung geht neue Wege zur Belebung der Innenstadt, beispielsweise durch den Abendmarkt, der sehr gut angenommen wird. Warum nutzen die Händler nicht solche Gelegenheiten, um die Geschäfte länger zu öffnen?

Coenen: Bisher wollten wir nicht ausdrücklich als Konkurrenten zu diesem Markt auftreten, der vom Zeitfenster her eine ganz andere Zielgruppe anspricht als die Marktbesucher am Morgen. Im Übrigen sind wir ausgesprochen froh über den sensationellen Auftritt, den dieser After Work Markt vom ersten Tag an erzielt hat. Eine gleichzeitige Öffnung der Einzelhandelsgeschäfte würde praktisch ein Werben um die gleiche Zielgruppe sein. Dann würden weniger Menschen den sensationell erfolgreichen Markt aufsuchen. Was uns als Geilenkirchener so ausdrücklich freut, ist die Tatsache, dass kaum jemand Geilenkirchen etwas so Erfolgreiches wie einen After Work Markt zugetraut hätte.

Was erhoffen Sie sich von der Bewerbung Geilenkirchens als Fair-Trade-Town? Ist es nur ein nettes Label, oder steckt mehr dahinter?

Coenen: Am Ende steckt viel mehr dahinter. Während die „entwickelte Welt“ bereits vor 50 bis 60 Jahren die sogenannte Dritte Welt mit guten Einrichtungen wie Misereor und Brot für die Welt fütterte, also nur für den Konsum sorgte, ist der Ansatz von Fairtrade ausdrücklich nachhaltig, das heißt, die bisher nicht so gut entwickelten Teile der Welt müssen in die Lage versetzt werden, eine gute eigene Ökonomie aufzubauen, was deshalb notwendig ist, damit immer weniger Menschen als sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge nach Europa und vor allem nach Deutschland wollen.

Aber was bedeutet es konkret für Geilenkirchen?

Coenen: Wenn wir da mitmachen, produzieren wir uns nicht so sehr als gute Menschen, sondern zeigen, dass wir verstanden haben. Markttechnisch ist das ein Zugewinn.

Für die Entwicklung der Innenstadt und der Geschäftswelt ist viel Lob zu hören. Die Menschen möchten aber nicht nur einkaufen, sondern suchen das Einkaufserlebnis mit entsprechenden Cafés. Doch hieran hapert es etwas?

Coenen: Einerseits gibt es jetzt schon einen sehr erfreulichen Auftritt in der Innenstadt mit einem Angebot im Straßenraum, das sehr gut angenommen wird. Andererseits kann ich mir sehr gut vorstellen, dass das attraktive Angebot noch zeitlich erweitert werden könnte. Dass Menschen die Reihenfolge Einkauf und Cafébesuch lieben, ist allgemein bekannt.

Wie ist die Geschäftswelt im Wettbewerb mit dem Internethandel aufgestellt? Ist das Internet nur ein böses Übel, oder kann es auch ein Gewinn sein?

Coenen: Um einen Vergleich zu wählen, der sicher hinkt, nenne ich Alkohol und Schokolade. Ein gutes Glas Rotwein in schöner Runde fördert die Lebensqualität. Wenn die Rotweinflasche bereits das Frühstück ersetzt, dann gibt es ein Problem. Bei Schokolade ist das ähnlich. Sie kann an dunklen Herbst- und Wintertagen die Seele aufhellen. Wenn sie aber zum Ganztagesbegleiter wird, kann man das an den Hüften ablesen. Das Internet bietet auf der einen Seite neue Informationsmöglichkeiten für Einzelhändler und Kunden, so dass sich beide auf einem ganz anderen Informationsniveau begegnen. Wenn sich das Internet im Leben aber so breit macht wie der falsch genutzte Alkohol oder die zu reichlich genossene Schokolade, dann kippen die Chancen, die das Internet für alle bietet, ins Negative. Es ist wie mit allen Dingen: Die Dosis macht es. Für den Einzelhandel ist schon lange klar: Ohne Internet geht nichts mehr. Das heißt, das Internet auf Vertriebswegen einzusetzen, und zwar so, dass für den Kunden ein ergänzendes Angebot entsteht, ohne dass das sinnliche Vergnügen, das man als Kunde hat, wenn man ein Geschäft betritt, die Ware prüft, sich entscheidet und sie mitnimmt oder nach Hause schicken lässt, wegfällt.

Welche Erwartungen hat die Geschäftswelt an die Verwaltung und an die Politik? Fühlt sie sich ausreichend unterstützt?

Coenen: Natürlich kann man immer alles besser machen. Aber in Bezug auf die Verwaltung und den Rat können wir feststellen, dass da nicht nur eine große Unterstützung erkennbar ist, sondern auch die Kooperation zwischen Aktionskreis und Verwaltung im abgelaufenen Jahr vorzüglich war.

Nach Einschätzung der Bundesbank geht der Wirtschaftsboom in Deutschland weiter. Geht auch der Aktionskreis mit Optimismus ins neue Jahr?

Coenen: Bezüglich der Einzelhandelszentralität – also die Kennziffer Einzelhandelsumsatz in der Stadt im Verhältnis zur vorhandenen Kaufkraft – könnte es natürlich besser sein, aber für Geilenkirchen sieht es gar nicht so schlecht aus, wie manchmal gerne kolportiert: 2015 betrug diese von der IHK Aachen festgestellte Kennziffer für Geilenkirchen 84,1, für dieses Jahr 84,5. Das ist noch kein so großer Sprung, aber erstens keine Verschlechterung und mit einem fünften Platz im Kreis Heinsberg immerhin das Mittelfeld.

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