Inklusion ist ein Gewinn: soziale Kompetenzen stärken

Von: Udo Stüßer
Letzte Aktualisierung:
6690130.jpg
Der Verband Bildung und Erziehung sieht Inklusion in Gefahr: Seiner Ansicht nach fehlen 7000 Sonderpädagogen. Foto: imago/Caro
6690542.jpg
Sie unterrichten behinderte und nicht behinderte Schüler: Larissa Graf und Adalbert Wolynski. Foto: Georg Schmitz

Geilenkirchen. Sie sitzen gemeinsam in einem Klassenraum: Kinder ohne Behinderung, lernbehinderte oder sprachbehinderte Kinder und Mädchen und Jungen mit emotional- sozialen Entwicklungsproblemen. Denn: Menschen sollen nicht aussortiert werden, bestimmte Gruppen nicht stigmatisiert werden. Im Gegenteil: Jeder Mensch soll in seiner Individualität von der Gesellschaft akzeptiert werden und die Möglichkeit haben, in vollem Umfang an ihr teilzuhaben.

Aufgrund der Behindertenrechtskonvention aus dem Jahr 2009 haben auch in Deutschland Eltern behinderter Kinder das Recht, im Namen ihrer Kinder eine Beschulung an einer Regelschule durchzusetzen.

Die Umsetzung der Inklusion sieht der Verband Bildung und Erziehung allerdings in Gefahr: Nach dessen Angaben fehlen im Land mindestens 7000 Sonderpädagogen. „Inklusion ist ein Gewinn für alle Kinder, die sozialen Kompetenzen werden gestärkt. Außerdem ist die Gesellschaft sehr vielfältig. Das muss sich auch in der Schule spiegeln“, erklärt Uwe Böken, Leiter der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule Geilenkirchen.

Böken ist ein großer Befürworter der Inklusion. Der Inklusionsgedanke ist für ihn mehr als eine Selbstverständlichkeit, das gilt auch für seine Kollegen. Aber: „Diese Art des Unterrichts gehörte nicht zu unserer Ausbildung, wir sind keine Sonderpädagogen. Der Unterricht in einer Klasse mit einem solch breiten Leistungsspektrum ist für uns Neuland“, erklärt Adalbert Wolynski. Der Deutsch- und Religionslehrer ist Klassenlehrer einer 5. Klasse, einer Inklusionsklasse, der Gesamtschule. „In dieser Klasse sitzen Schüler, die große Leistungen zeigen, und Schüler mit großen Schwierigkeiten.

Aufgrund dieser großen Differenzierung muss man den Unterricht mehrfach vorbereiten. Dann gibt es schwierige und längere Texte für die leistungsstarken und kürzere und leichter verständliche Texte für die leistungsschwachen Kinder“, erklärt Wolynski. Auch Larissa Graf, ebenfalls Klassenlehrerin in dieser Inklusionsklasse (Gesamtschulklassen haben zwei Klassenlehrer), sagt: „Im Fach Gesellschaftslehre muss ich die Inhalte so runterbrechen, dass sie jeder versteht.

Aber manche Schüler schaffen es noch nicht einmal, ein Tafelbild abzuschreiben.“ Sicherlich werden die beiden Lehrer im Unterricht von einem Sonderpädagogen, besonders in den Hauptfächern, unterstützt. Aber nur neun Stunden in der Woche ist ihnen zu wenig. Thomas Müller, als Sonderpädagoge an der Gebrüder-Grimm-Schule in Heinsberg tätig, wurde für 18 Stunden an die Gesamtschule Geilenkirchen abgeordnet. Neun Stunden steht er allerdings drei Schülern in der siebten Klasse zur Seite: „Bei diesen Kindern hat sich der Förderbedarf in den ersten beiden Schuljahren, also in den Jahrgangsstufen fünf und sechs, entwickelt“, erklärt Abteilungsleiterin Christel Wolter.

Wolynski und Graf blicken bei ihrer Arbeit in der Inklusionsklasse auf eine 60- bis 70-Stunden Woche: „Für die 25,5 Stunden, die wir unterrichten, muss man auch 25,5 Stunden Vorbereitungszeit rechnen“, sagt Wolynski. Darüber hinaus müssen Förder- und Diagnostikpläne geschrieben werden.

„Die Leistungsfähigkeit, die soziale Kompetenz und das soziale Umfeld müssen bewertet werden“, erläutert der Klassenlehrer. Seit Sommer werden 20 nicht behinderte und fünf Inklusionskinder in einer 5. Klasse unterrichtet. „In anderen Ländern kennt man das Problem überhaupt nicht, da wurden die Kinder nie sortiert. Bei uns wurden Kinder immer sortiert, die Probleme sind also hausgemacht. Wenn wir diese Kinder jetzt fördern, geht das nur in ganz kleinen Schritten“, erklärt Böken. „Man muss in die Aufgabe hineinwachsen“, sagt auch stellvertretende Schulleiterin Roswitha Steffens.

Üblicherweise sitzen in einer Klasse 30 Mädchen und Jungen. In einer integrativen Klasse wird die Klassenstärke auf 25 Kinder gesenkt. Fünf behinderte Kinder werden mit 20 Regelschülern gemeinsam unterrichtet. „Je kleiner die Klassen, desto besser kann man den Kindern gerecht werden“, sagt Larissa Graf. Will die Gesamtschule auch im kommenden Jahr inklusive Lerngruppen einrichten, müssen sich mindestens acht Inklusionskinder anmelden. „Bei Vierzügigkeit ist eine einzige integrative Eingangsklasse nicht mehr möglich, man muss schon zwei Klassen bilden. Haben wir im kommenden Jahr acht Anmeldungen, können wir diese acht Kinder auf zwei integrative Klassen aufteilen“, erklärt Böken.

Allerdings könnten dann weniger Regelkinder beim Anmeldeverfahren berücksichtigt werden. Melden sich weniger behinderte Kinder an, können sie laut Böken angenommen werden, aber nicht in einer Inklusionsklasse, sondern in einer 30 Kinder starken Klasse unterrichtet werden. „Damit wird man weder den zu fördernden Kindern noch den Regelkindern gerecht“, sagt Böken. Dabei betont der Schulleiter nochmals die bedeutung von Inklusion: „Schule ist nicht mehr nur eine Institution der Wissensvermittlung, sondern auch der Vermittlung von sozialer Kompetenz. Was wir tun, ist ein Teil Friedenserziehung!“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert