In der Heimat der ermordeten Cousine Anita Lichtenstein

Von: Udo Stüßer
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Stellvertretender Bürgermeister Leonhard Kuhn (rechts) und Schulleiter Uwe Böken (3. von rechts) begrüßten Uriel Rozen (2. von rechts). Mit im Bild (von links) Uriel Rozens Sohn Gilad, seine Tochter Nourit, Sara Dar, Lehrerin in Beer Yakov, und die Gesamtschullehrerinnen Sandra Bögner und Gabriele Czech. Foto: Georg Schmitz
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Gespräch mit den Schülern: Uriel Rozen erzählte aus seinem Leben und beantwortete Fragen.

Geilenkirchen. Uriel Rozens Eltern ahnten bereits im Jahre 1934, dass den in Deutschland lebenden Menschen jüdischen Glaubens unter der Herrschaft der Nazis großes Unheil drohte. Sie wanderten nach Israel aus. Während Uriel Rozen dort eine unbeschwerte Kindheit erlebte und in Sicherheit aufwuchs, musste seine in Geilenkirchen lebende Cousine Anita Lichtenstein als neunjähriges Mädchen im Oktober 1942 im Konzentrationslager Maydanek einen qualvollen Tod erleiden.

Die 1991 gegründete Geilenkirchener Gesamtschule wurde 1993 nach dem kleinen jüdischen Mädchen benannt, nach der „Anne Frank aus Geilenkirchen“, wie es einmal der Geilenkirchener Ehrenratsherr und Heimatforscher Hermann Wassen formuliert hat.

Gestern stattete Anita Lichtensteins Cousin Uriel Rozen dieser Schule einen Besuch ab. Worüber er gleich bei seiner Ankunft erstaunt war, war die schwere Amtskette, die stellvertretender Bürgermeister Leonhard Kuhn umhatte. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, entfuhr es dem Gast.

„Welches Gefühl hatten Sie, als Sie hörten, dass eine Schule nach Ihrer Cousine benannt wurde“, fragte wenig später eine Schülerin. „Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass es so etwas gibt. Da bleibt einem doch die Spucke weg“, erklärte er.

Im Jahre 2010 war es Schulleiter Uwe Böken gelungen, durch Auswertung eines Gedenkblattes aus der in Jerusalem ansässigen Gedenkstätte Yad Vashem nach vielen langwierigen Recherchen den Vetter von Anita Lichtenstein in Israel ausfindig zu machen. Fünf Jahre sollte es dann dauern, bis sich Uriel Rozen auf den Weg nach Geilenkirchen machte.

Begleitet wurde der 80-Jährige von seinem Sohn Gilad Rozen und von Tochter Nourit Bachar. Ebenso herzlich empfangen wurde in Geilenkirchen Sara Dar, Lehrerin an der Yohana-Yabotinsky-School in Beer Yakov nahe Tel Aviv, mit der die Gesamtschule einen rege Partnerschaft unterhält.

Besonders freuten sich die Lehrer Walter Scheufen, Gabriele Czech und Sandra Bögner, die die Partnerschaft zur Yohana-Yabotinsky-School pflegen. Walter Scheufen und Gabriele Czech hatte bereits erste Kontakte mit Uriel Rozen, als sie mit ihren Schülern Israel besuchten.

Und so fiel ihr Wiedersehen natürlich äußerst herzlich aus. Im November gibt es bereits ein Wiedersehen in Israel. „In Israel sind wir überall offen und freundlich empfangen worden. Mittlerweile betrachten die Israelis uns Deutsche als ihre besten Verbündeten“, hat Scheufen erfahren. Besonders interessierte die Gastgeber natürlich, welche Beziehung Uriel Rozen zu seiner Cousine Anita Lichtenstein hatte.

„Eigentlich gar keine. Das ist die Wahrheit. Zu meinem Nachbarn habe ich eine engere“, gestand er im Gespräch mit Schülern. Lediglich ein einziges Mal in seinem Leben, und zwar als zweieinhalbjähriges Kind, ist er Anita begegnet. „Aber seltsamerweise ist mir diese Begegnung noch im Gedächtnis geblieben“, sagte er.

Als er nämlich zweieinhalb Jahre alt war, machte sich Mutter Edith mit ihm von Israel aus nach Deutschland auf. Ihren hier lebenden vier Schwestern und zwei Brüdern und deren Familien wollte sie stolz den Nachwuchs zeigen. Und sie wollte sie dazu bewegen, ebenfalls Deutschland zu verlassen. Die beiden Brüder und eine Schwester folgten ihrem Rat. Drei ältere Schwestern blieben in Deutschland und wurden von den Nazis ermordet.

Heute lobt Uriel Rozen, der in Israel in fünf Kriegen als Soldat an vorderster Front gekämpft hat und unverletzt geblieben ist, die gute Beziehung zwischen Israel und Deutschland. „Beide Seiten versuchen zu vergessen, was geschehen ist“, erklärte er vor den Schülern. Warum er denn Interesse an der Schule habe, wenn er nur einmal im Leben mit Anita zusammengekommen sei, wollte eine Schülerin wissen.

„Sicherlich habe ich zu meinem Nachbarn mehr Gefühle als zu meiner Cousine. Aber trotzdem gehörte sie zur Familie. Und mich hat die Schule interessiert, die ihren Namen trägt“, antwortete er. Eigentlich wollte auch ein weiterer Cousin von Anita mit nach Geilenkirchen kommen.

Doch Noam Hartoch, Leiter der Flugsicherung am Flughafen in Tel Aviv, war verhindert. In einem Brief bat er die Schüler, immer daran zu denken, dass alle Menschen gleich geboren sind: Christen, Juden, Muslime, weiß oder schwarz, Mann oder Frau. Eifriges Nicken war eine eindeutige Antwort.

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