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Im Selbstverteidigungskurs: Schreien, treten, Tasche schleudern

Von: Mirja Ibsen
Letzte Aktualisierung:
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Selbstverteidigung im Selbstversuch: Autorin Mirja Ibsen dehnt sich, brüllt, tritt und windet sich aus dem Haltegriff von Christoph Schröders heraus. Foto: Anna Petra Thomas
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Selbstverteidigung im Selbstversuch: Autorin Mirja Ibsen dehnt sich, brüllt, tritt und windet sich aus dem Haltegriff von Christoph Schröders heraus. Foto: Anna Petra Thomas
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Selbstverteidigung im Selbstversuch: Autorin Mirja Ibsen dehnt sich, brüllt, tritt und windet sich aus dem Haltegriff von Christoph Schröders heraus. Foto: Anna Petra Thomas
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Selbstverteidigung im Selbstversuch: Autorin Mirja Ibsen dehnt sich, brüllt, tritt und windet sich aus dem Haltegriff von Christoph Schröders heraus. Foto: Anna Petra Thomas

Heinsberg. Schuhe an oder aus? Bequeme Kleidung hat Nikolai Benden gesagt. Das schwarze Schlabbershirt und die zehn Jahre alte Jazzpants sind wirklich extrem bequem. Aber ob das das Outfit ist, in dem ich mal in Gefahr geraten könnte? Wohl kaum. Eva Aretz (24), Nadine Schröders (27), Dagmar Peters (44), und Daniela Fischer (31) tragen obenrum ebenfalls etwas Weites, untenrum ein textiles Versprechen für ganz viel Beinfreiheit und ganz unten – gar nichts. Ju-Jutsu wird nämlich barfuß auf festen Matten trainiert.

Normalerweise liegen die vom Heinsberger Ju-Jutsu-Club in der Sporthalle an der Westpromenade, aber jetzt leben dort Flüchtlinge. Das Ausweichquartier in der Mehrzweckhalle in Kirchhoven ist, genau, zweckmäßig. Es ist Platz für die Matten. Wer nicht umgezogen in die Halle kommt, kann dafür die Toilette nutzen. Aber für einen Selbstverteidigungskurs braucht man auch nicht viel.

Das Wichtigste ist ein lizenzierter Trainer. Roland Tillmanns ist so einer. Seine Lizenz im Bereich Frauenselbstverteidigung hat er beim Deutschen Ju-Jutsu-Verband gemacht. Er hat auch den 2. Dan in der japanischen Kampfkunst, die häufig Polizisten zur Selbstverteidigung lernen. Bald kommt noch der dritte dazu. Er könnte also einen schwarzen Gürtel auf weißem Anzug, dem sogenannten Gi, tragen. Macht er aber nicht. Weil er heute einen Schnupperkurs in Frauenselbstverteidigung gibt und nicht hier ist, um uns zu beeindrucken oder uns seine Überlegenheit zu zeigen.

Ju-Jutsu statt Couch

Respekt haben wir Mädels auch so vor ihm. Und wir wollen unbedingt etwas lernen. Was wir tun sollen, wenn wir hartnäckig verfolgt werden, so wie es Dagmar passiert ist. Wie wir aufdringliche Verehrer stoppen, so wie den, der Eva nicht in Ruhe lassen wollte.

Meine Hände sind feucht, mein Herz pumpt Blut in erhöhtem Tempo Richtung Bauch, was hat es da bitte verloren? Noch sitzen wir auf der Matte. Bin ich nervös? Vermutlich. Mein Sportprogramm besteht sonst aus J und Y, also Joggen und Yoga. Wobei ehrlicherweise in letzter Zeit eher C und C mein Abendprogramm gestalteten, Chips und Couch. Aber jetzt ist Ju-Jutsu angesagt. Eine Sportart, die jeder in jedem Alter leicht erlernen kann, das haben die Jungs vom Ju-Jutsu-Club Heinsberg versprochen. Na, dann.

Ich bin gut gerüstet mit einem properen Knödelenergiepolster hüftabwärts. Wartet da bereits seit Weihnachten auf seinen Einsatz. Ein bisschen allerdings muss es noch warten, denn zuerst kommt die Theorie. „Theorie ist genauso wichtig wie die Praxis“, sagt Tillmanns. Da geht es um Angst, Grenzen, Wahrnehmung. Wie gehe ich eine Straße entlang? (Aufmerksam, den Blick vom Smartphone gelöst!) Wo können Angsträume sein? (Parkhaus, dunkle Gassen) Wie verhalte ich mich da?

Wir streifen den Inhalt des Kurses nur, denn der wird mindestens zehn Doppelstunden dauern. „Ich kann in anderthalb Stunden keine Kämpfer ausbilden“, sagt Tillmanns. Wenn er allerdings Frauen ausbildet, dann macht er es aggressiver. Es geht nicht um saubere Techniken, sondern um Effektivität. Er will ihnen Dinge zeigen, die einfach zu lernen sind und richtig weh tun. Und was ist mit Waffen? Pfefferspray? Davon hält Tillmanns nichts. Zu unsicher. Der falsche Wind und frau ist selbst blind. Elektroschocker? Kann vom Gegner gegen einen selbst gerichtet werden. Ich denke da viel zu umständlich. Wir lernen, dass die Waffen einer Frau ganz simpel sein können und völlig ohne Waffenschein zu haben sind. Ein schwerer Schlüsselbund durchs Gesicht geschlagen, der Absatz eines Highheels in den Fuß gerammt, die Handtasche in der Magengrube – das schmerzt alles kolossal.

„Und Du hältst auch gerade eine Waffe in der Hand“, sagt Roland Tillmanns und sieht mich an. „Echt?“ „Echt!“ Er meint meinen Stift.

Den lege ich erst einmal weg, denn jetzt kommt die Praxis. Hampelmänner machen. Muskeln aufwärmen, um Verletzungen zu vermeiden. Kondition brauchen Frauen nicht, wenn sie einen Selbstverteidigungskurs machen, aber wenn sie dabei bleiben, bekommen sie zwangsläufig welche. Und Nicolai Benden, Vorsitzender des Vereins, hofft, dass die Frauen dabei bleiben. Nur Bewegungen, die man immer wieder und wieder übt, kann man auch im Ernstfall auch einsetzen. Auch Thorsten Knarren vom Heinsberger Taekwondo-Verein Kumgang warnte mich in einem Telefonat vor der Illusion zu glauben, man könne in einem Selbstverteidigungskurs mal so eben lernen, wie man „jemanden umhaut“. Er sagt, dass er, obwohl er einen schwarzen Gurt im Taekwondo hat, in der Silvesternacht in Köln auch nichts hätte ausrichten können. „Renn’ – wenn Du kannst“, lautet sein Tipp. „Gib ihnen, was sie wollen, das Geld, Deine Tasche – und dann suche das Weite.“

Rennen statt kämpfen

Dem Kampf auszuweichen, es gar nicht erst soweit kommen zu lassen, dass empfiehlt auch Roland Tillmanns. Aber wenn es doch dazu kommt? Dann kommt die Praxis. Jetzt auch. Eva steht mir gegenüber. Ich soll sie angreifen. Sie soll deutlich Nein sagen und mich abwehren. Der Angriff geht gründlich schief. Ich bekomme es einfach nicht über die Lippen. Sie beleidigen, beschimpfen, bedrängen? Ich bin zu lieb, zu gehemmt. Also gehe ich nur auf sie zu, überschreite deutlich ihre Komfortzone. Sie brüllt mich an. Funktioniert bei mir 1a. Ich zucke zurück.

Mit Christoph Schröders, stellvertretender Vorsitzender des Clubs, trainiert es sich leichter. Als er mich am Arm packt, packt er mich am Arm. Feste. Da will ich raus. Da setzte ich all meine Kraft ein, soviel das eben ist. Der kennt sich ja aus. Eigentlich ist Tillmanns der Meinung, dass in einen Frauenselbstverteidigungskurs keine Männer gehören. Eva und Dagmar finden aber genau wie ich, dass es einfacher ist, einem Mann vor das Schienbein zu treten.

„Du musst meine Handkanten richtig gegeneinanderschlagen“, sagt Christoph. Das tut weh. Vor allem ihm. Er ist ein geduldiger Prügelpartner. Immer wieder fasst er zu. Hält meinen Arm mit beiden Händen. Ich greife mit der freien Hand nach der anderen und ziehe sie fast mühelos aus seinem Griff raus. Hebelwirkung. Wissen, dass der Daumen der schwächste Punkt ist. Das klappt. Applaus! Aber nicht für mich. Dagmars „Nein“ klingt noch nach. Das war gut. Das war laut. Nicolais Schienbein wird morgen vermutlich andere Farben tragen und das wird nicht an seinen bunten Socken liegen.

Erstaunlich, wie sich in dieser kurzen Zeit unser Verhalten verändert hat. Roland Tillmanns Hals ist an der Stelle etwas gerötet, an der ihn Nadine mit der Hand knapp über dem Kehlkopf erwischt hat. Beim dritten Mal hat sie ihre Scheu verloren. Dabei ist sie mit einem mulmigen Gefühl gekommen. Jetzt findet sie es „klasse“.

Meine Unterarme brennen, als wir uns nach zweieinhalb Stunden verabschieden. Fühlt sich gut an. Nach echtem Training. Ich kann jetzt lauter schreien, fester treten, fieser hauen. Trotzdem bin ich froh, dass ich mein Auto ganz nah an der Halle geparkt habe.

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