Ihre Sprache mag gestört sein, doch ihr Wille ist stark

Von: Markus Bienwald
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Lernt noch, mit den Folgen ihres Schlaganfalls zu leben: Norma Kuhlmey aus Übach-Palenberg. Foto: Markus Bienwald

Übach-Palenberg. Jeden Morgen begrüßt sich Norma Kuhlmey erst einmal selbst. „Das ist seit meinem Schlaganfall zu einem echten Ritual geworden“, sagt die sympathische Frau aus der Rölkenstraße. Und sie ist sehr froh darüber, dass es so noch klappt, denn nach dem 15. März hatte sie selbst fast nicht mehr daran geglaubt.

An diesem Tag, der ihr Leben verändern sollte, war für die 69-Jährige eigentlich alles so wie immer. Zunächst. „Ich stand auf, machte Kaffee und merkte beim Trinken auf einmal, wie der Kaffee aus einem Mundwinkel lief“, erinnert sie sich. Schnell ging sie zum Badezimmerspiegel und sah ins eigene, schief stehende Gesicht. Da war der während ihres Berufslebens im medizinischen Bereich tätigen Frau klar: Das muss ein Schlaganfall sein. Und sie wusste, dass es jetzt schnell gehen muss.

Die Notrufnummer war fix gewählt, doch am anderen Ende der Leitung verstand niemand ihr Kauderwelsch. „Ich rannte so schnell wie möglich zu meinen Nachbarn, drückte denen mein Handy in die Hand und die verstanden zum Glück sofort“, blickt Norma zurück. Eine Stunde später war sie schon in den Händen der Spezialisten im Medizinischen Zentrum in Bardenberg. Dort folgten alle Untersuchungen, die auch sonst in solchen Fällen dafür sorgen, dass alles getan wird, um dem Patienten trotz der Diagnose Schlaganfall so schnell wie möglich in ein normales Leben zurückzuhelfen.

Bei Norma Kuhlmey wurden vor allem Probleme mit der Sprache konstatiert, weitere Folgen wie Sehstörungen oder Lähmungen hat sie zum Glück nicht zurückbehalten. In der Reha fühlte sie sich sehr gut aufgehoben. „Die Logopädin hat schon gesagt, dass man gar nichts von meiner Erkrankung merkt“, sagt Norma Kuhlmey lächelnd.

Allerdings merkte sie schon dort, dass den Menschen, die in der Einrichtung arbeiten, doch eher die Zeit für die Lösung von Problemen einzelner Patienten fehlt. „Ich habe schnell wieder abgebaut, ich habe Wortfindungsschwierigkeiten, und wenn ich aufgeregt bin, dann kommen schon mal die Worte durcheinander“, sagt sie. Nach der Reha sei sie „mit guten Wünschen für die Zukunft“ verabschiedet worden, „aber damit hatte es sich“.

Die Menschen mit einer Sprachstörung seien größtenteils auf sich alleine gestellt, würden mit ihrem Problem alleine gelassen, ohne dass es wirklich Hilfe gebe, bemängelt Norma Kuhlmey. Als engagierte Frau mit sozialdemokratischer Ader hat sie sich beispielsweise in der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) und im Stadtrat von Übach-Palenberg eingesetzt. Nun war sie auf der Suche nach einer Selbsthilfegruppe. „Fehlanzeige“, fasst sie enttäuscht zusammen, will aber nun den entscheidenden Schritt nach vorne gehen. „Ich werde im Herbst eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Aphasie nach einem Schlaganfall gründen.“

Ab Oktober soll diese im Kreis Heinsberg bislang einmalige Einrichtung dann nicht nur eine Anlaufstelle für Menschen mit diesen Folgen eines Schlaganfalls sein. Die nächste Gruppe in unserer Region gibt es in Eschweiler oder im Aachener Klinikum, was für Betroffene ein weiter Weg sein kann. „Wir wollen auch Fachwissen vor Ort bündeln, um den Betroffenen schnelle Hilfe in einer Gruppe anbieten zu können, in der sie sich wohlfühlen“, sagt Kuhlmey. Denn Wohlfühlen ist mindestens genauso wichtig wie die fachgerechte Arbeit gegen die Aphasie. „Wir wollen Neurologen, Fachärzte und medizinische Fachleute mit unserer Selbsthilfegruppe ansprechen“, plant sie.

Schon jetzt arbeitet sie eng mit der Logopädin Jaqueline Nafzger-Maassen zusammen, das Netzwerk soll in Zukunft aber deutlich anwachsen. „Denn im Moment ist es so, dass ich die Menschen, die nichts über diese Krankheit wissen, aufkläre“, schließt Norma Kuhlmey, „aber wenn wir öffentlich damit arbeiten und mit einer Stimme des bürgerschaftlichen Engagements sprechen, dann wird das Thema sicherlich bekannter.“

Gemeinsam soll aber nicht nur an der Lösung individueller Probleme gearbeitet werden. Auch gemeinsame Freizeitgestaltung in einer Gemeinschaft, die einander versteht, soll im Vordergrund stehen. „Und vielleicht gibt es ja noch mehr Menschen, die sich täglich selbst begrüßen, statt mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen und etwas an ihrer Situation zu verändern“, hofft Kuhlmey.

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