Hünshovens Pfarrsaal: Eine Gemeinde beklagt ihre Entwurzelung

Von: Jan Mönch
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Im Schatten des Hünshovener Glockenturms hat sich bei den Gläubigen viel Frust aufgestaut. Foto: J. Mönch
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Sie erheben schwere Vorwürfe gegen Pastor und Kirchenvorstand: Reiner Latten, Karin Schaffrath und Berto Latten (von links). Foto: J. Mönch

Geilenkirchen-Hünshoven. Es sickerte nur langsam durch, zunächst als reines Gerücht, das niemand so recht glauben wollte. Mittlerweile ist es ein gut sichtbarer Fakt, dass Hünshoven keinen Pfarrsaal mehr hat, die Umbauarbeiten laufen schließlich schon längst.

Es entsteht eine Tagespflegeeinrichtung der gemeinnützigen Franziskusheim GmbH. Doch noch immer wissen in Hünshoven manche nicht so recht, wann und auf welchem Wege das alles zustande gekommen ist.

Zumindest jetzt, wo doch eh alles zu spät ist, wollen einige Gemeindemitglieder wissen, was da passiert ist, zum Beispiel Berto Latten, sein Vater Reiner Latten und Karin Schaffrath. Sie machen keinen Hehl daraus, dass sich ihr Ärger vor allen Dingen auf Pastor Peter Frisch konzentriert. „Er hat uns verkauft“, sagt Berto Latten, im Ort bekannt als Vorsitzender der St.-Johannes-Schützen. Dieser Vorwurf wiegt umso schwerer, da Frisch selbst Hünshovener ist.

„Das war fair und sauber“

Der Ärger resultiert auch aus der Art und Weise, mit der alles abgelaufen ist. Das ist schon daran zu erkennen, dass Latten senior, Latten junior und Schaffrath den Geschäftsführer der Franziskusheim gGmbH, Hanno Frenken, fast vollständig aus der Schusslinie nehmen. „Hanno Frenken muss die Interessen des Franziskusheims vertreten. Er ist uns entgegengekommen, wo er konnte, das war fair und sauber“, sagt Berto Latten. Beim Kontakt mit der Pfarre sei das andersherum gewesen.

Nur als Beispiel: Karin Schaffrath ärgert sich bis heute über die Sache mit den Porzellanservicen, die man gerne behalten hätte, was auch zugesagt gewesen sei. Nach langem Hin und Her habe sie aber herausgefunden, dass sie im Container gelandet waren, einfach so. „Ich habe jetzt 60 neue bei Kodi gekauft“, sagt sie, „die Rechnung kriegt die Pfarre“. Es ist nur eines von vielen Beispielen, die sie nennt. Im Gespräch entsteht das Bild eines ziemlichen Herumgeeieres von Seiten der Kirche.

Zwei Seiten, zwei Meinungen: Ansgar Lurweg, Bau- und Liegenschaftsbeauftragter der Pfarre und Mitglied im Kirchenvorstand, hat für den Vorwurf der schlechten Kommunikation wenig Verständnis. Er hat die Fragen unserer Zeitung in Abstimmung mit Pastor Frisch schriftlich beantwortet. Da steht, dass Frisch jede einzelne Nutzergruppe persönlich informiert und Alternativen angeboten habe.

Es sei auch Ende August über den Pfarrbrief informiert worden. Anfang November habe es außerdem eine Infoveranstaltung in der Kirche gegeben, Pastor, Mitglieder des Pfarreirates, des Kirchenvorstandes und die Geschäftsführung der Franziskusheim gGmbH hätten für Fragen zur Verfügung gestanden. Eingeladen habe man über den Pfarrbrief und in den Messen. Die Resonanz sei aber leider überschaubar gewesen.

Das mag stimmen. Allerdings war die Entscheidung da ja sowieso längst gefällt. Das geht auch aus Lurwegs Antworten hervor. Der Kirchenvorstand hatte demnach im Juni entschieden, dass der Pfarrsaal an die Franziskusheim gGmbH vermietet werden soll, einstimmig. Der Mietvertrag ist auf 25 Jahre befristet, laut Lurweg übernimmt das Unternehmen „den kompletten Umbau, die Renovierung und sämtliche Pflichten des Eigentümers für den Gebäudeteil. Dadurch wird die Kirchengemeinde in erheblichem Maße finanziell entlastet.“

Es ist nicht das erste Mal, dass der Umgang mit kirchlichen Liegenschaften in Geilenkirchen auf Widerstand stößt, in Bauchem kann man das bestätigen. Dort soll bekanntlich St. Josef abgerissen werden, die Franziskusheim gGmbH wird ein Sozialzentrum bauen.

Ein Vorhaben, das gerade bei alteingesessenen Gemeindemitgliedern vor rund anderthalb Jahren emotionale Reaktionen hervorrief, denn schließlich hängen gerade an Gemeinschaft stiftenden Gebäuden immer viele Erinnerungen, ganz besonders gilt das für kirchliche. Franziskusheim gGmbH und Pfarre signalisierten hierfür damals einerseits Verständnis, verwiesen aber auf die Baufälligkeit von St. Josef und darauf, dass dort ohnehin kaum noch Gottesdienste stattfinden.

Nun also der Pfarrsaal in Hünshoven. Auch dieser soll nicht mehr in Schuss gewesen sein (Berto Latten: „Wenn es um Kleinigkeiten geht, die hätten wir auch selbst gemacht“), aber dass er nicht mehr genutzt wurde, kann niemand behaupten, es war vielmehr der unbestrittene Mittelpunkt des Hünshovener Vereinslebens: Die Schützen trafen sich dort und die Seniorengemeinschaft, die Turngruppe und die Nähgruppe, die beiden Hünshovener Chöre und die Frauengemeinschaft.

Auch im Rahmen von Beerdigungen wurde der Saal genutzt, der Friedhof liegt ja gleich auf dem Kirchengelände, nicht zu vergessen ist das Martinsfest. Das geht nun also alles nicht mehr, und Berto Latten betrachtet das Problem auch in Zusammenhang mit dem allgemein beklagten Vereinssterben. Er prophezeit: „Wie viel Schaden für das Ortsleben angerichtet worden ist, wird man erst nach und nach sehen.“

Dass St. Mariä Himmelfahrt überhaupt über die Liegenschaft verfügen kann, ist eine Folge der Gemeindefusionen im Bistum vor einigen Jahren. Laut Berto Latten ging das Vermögen der Hünshovener nach Geilenkirchen – Geld, Gebäude, Ländereien. Und dort wird nun entschieden, was damit passiert. Hünshoven dürfte nicht die einzige ehemalige Gemeinde im Bistum sein, in der man sich entwurzelt fühlt, aus Scherpenseel etwa sind ähnliche Probleme bekannt. Reiner Latten formuliert es so: „Erst haben sie uns geplündert. Dann wurde das Pfarrleben zerstört. Und jetzt sollen wir auch noch für St. Marien spenden.“

Bistumsweiter Prozess

Ansgar Lurweg sagt, dass man sich im Kirchenvorstand selbstverständlich auch Gedanken über die Auswirkungen für die Vereine gemacht habe. Hintergrund der Entscheidung sei ein bistumsweiter Prozess zum kirchlichen Immobilienmanagement, kurz KIM. 30 Prozent des Gebäudebestandes müssten demnach künftig selbst bewirtschaftet und unterhalten werden.

Der Prozess werde durch das Generalvikariat moderiert, in Geilenkirchen laufe er noch. Die Gemeinde sei jedenfalls nicht in der Lage, alle Gebäude zu erhalten. Es gehe also letztlich um einen Abwägungsprozess. Die Hünshovener Kirche solle aber „so lange wie möglich“ pastoral genutzt werden.

Die Angelegenheit wirft auch ein Schlaglicht auf das enge Verhältnis zwischen der Franziskusheim gGmbH und der Pfarre St. Mariä Himmelfahrt. Das Unternehmen gehört der Kirchengemeinde nämlich zu 100 Prozent, sie ist alleiniger Gesellschafter, Pastor Frisch sitzt beim Franziskusheim als Vorsitzender im Aufsichtsrat. Zum Aufsichtsrat gehört auch Ansgar Lurweg, der Kirchenvorstand. Die Verbindung ist also überaus eng.

Als es um St. Josef ging, hatte Hanno Frenken gesagt, dass die Kirche als Gebäude zwar aus Bauchem weichen müsse, die gelebte Kirche aber erst dadurch erhalten bleiben könne. Und tatsächlich zweifelt ja niemand daran, dass der Auftrag der Franziskusheim gGmbH von überwältigender gesellschaftlicher Bedeutung ist. Auch die Tagespflege in Hünshoven wird ein Teil davon sein.

Trotzdem geht es hier um ein Geschäftsmodell. Das soll Pastor Peter Frisch auch vor den Hünshovener Schützen bestätigt haben, berichtet Berto Latten. Mit der Einrichtung der Tagespflege habe man einem anderem Investor zuvorkommen wollen, der eine Konkurrenz dargestellt hätte.

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