Hospizbegleiter: Auf dem letzten Weg zur Seite stehen

Von: Katrin Fuhrmann
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In den letzten Tagen Trost und Gesellschaft bieten: die Camino-Hospizbegleiter stehen auf Abruf bereit. Foto: dpa
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Ehrenamtler Peter Kötz und Traude Peters, die stellvertretende Vorsitzende von Camino. Foto: Katrin Fuhrmann

Geilenkirchen. Hans Lohrbären ist verzweifelt. Vor einigen Wochen haben die Ärzte dem 76-Jährigen mitgeteilt, dass sie ihm nicht mehr helfen können. Der Tumor in seinem Bauchraum sei weiter gewachsen. Eine Operation käme nicht mehr in Frage.

Die Nachricht kam für Lohrbären, der eigentlich anders heißt, zwar nicht überraschend, denn in den vergangenen acht Monaten gehörten Krankenhausaufenthalte und mehrere Chemotherapien zu seinem Alltag, aber schockierend war diese Nachricht dennoch. Er habe immer gehofft, dass er wieder gesund wird und sich alles zum Guten wendet. Die Nachricht hat ihm daher den Boden unter den Füßen weggerissen. Das einzige, was er zu jenem Zeitpunkt weiß: Er will nicht in dem kahlen, weißen Zimmer im Krankenhaus sterben, sondern zu Hause bei seiner Familie und seinem Kater Fred.

Befähigungskurs

In den ersten Tagen nach dieser Nachricht mischten sich bei Lohrbären Wut und Angst mit Traurigkeit und Verzweiflung. Immerhin hatte Lohrbären bis zu diesem Zeitpunkt noch Pläne. Mit seiner Frau an die Nordsee fahren und mit seinen Enkeln im Sommer im Garten spielen – standen auf der Liste der Pläne ganz weit oben. An dem Punkt, an dem Lohrbären nicht mehr weiter weiß, suchen er und seine Familie den Kontakt zu Camino – dem ambulanten Hospizdienst für Geilenkirchen, Übach-Palenberg, Gangelt und Selfkant. Zurzeit hat der Verein rund 70 Mitglieder und 26 Ehrenamtler, die schwerstkranke, sterbende Menschen wie Hans Lohrbären auf deren letztem Wege begleiten.

Einer von ihnen ist Lothar Kötz. Der 62-Jährige ehemalige Berufssoldat hat sich schon früh für die Hospizarbeit interessiert. Seit 2012 ist er Hospizbegleiter bei Camino. „Am Anfang besucht man einen Befähigungskurs zum Hospizbegleiter, der sechs Monate dauert. Danach steht man sozusagen auf Abruf bereit. Jeden Tag kann der Anruf kommen, dass man jemanden auf seinem letzten Weg begleiten soll“, erzählt der 62-Jährige. Nach einem ersten Gespräch mit dem Sterbenden und dessen Angehörigen, müsse man die Entscheidung treffen. „Nicht jedem passt meine Nase. In der Hospizarbeit ist es aber wichtig, dass man miteinander klar kommt und dass der Sterbende mit meiner Person zurecht kommt“, so Kötz.

Anfangs war sich Lohrbären unsicher, über was er mit dem Hospizbegleiter sprechen soll. Es gab Tage, an denen der 76-Jährige den Ehrenamtler angeschrien hat. Es gab aber auch Tage, an denen Lohrbären in der Gegenwart des Begleiters fast ausschließlich geweint hat und nach Antworten suchte. Es kam auch vor, dass er und sein Begleiter viel zu lachen hatten.

„Sterbende sind sehr sensibel“

Solche Momente kennt auch Lothar Kötz. Er hat in den knapp vier Jahren seiner Arbeit schon viel erlebt. „Sterbende Menschen sind sehr sensibel. Es ist in Ordnung, wenn sie wütend sind, schimpfen oder weinen“, sagt Kötz. Es sei ja verständlich, wenn die Betroffenen mit der Situation nicht so leicht umzugehen wüssten. Wichtig sei, dass man nicht in Plattitüden verfalle und dem Sterbenden zu jeder Zeit mit Wertschätzung gegenüber trete. Das sei auch für die Angehörigen des Sterbenden sehr wichtig. Vielen falle es nämlich schwer, ihren geliebten Menschen einer fremden Person anzuvertrauen. Da sei Vertrauen eine wichtige Basis, diesen Ängsten entgegenzuwirken. Doch auch Angehörige brauchen eine Auszeit, weiß die stellvertretende Vorsitzende von Camino, Traude Peters. „Angehörige denken häufig, dass sie dem Sterbenden rund um die Uhr zur Seite stehen müssen. Doch das kann einfach keiner schaffen, weil es an den Kräften zehrt“, erklärt sie.

Auch Lohrbärens Familie wusste anfangs nicht, wie sie mit der Situation umgehen soll. Beinahe 24 Stunden am Tag saßen sie abwechselnd bei ihrem Mann, Vater und Opa am Bett. Mittlerweile wechseln sie sich mit dem Hospizbegleiter ab. Dass ihr lieber Hans bald nicht mehr bei ihnen ist, wissen sie. Doch gesprochen wird darüber im Hause Lohrbären nicht. Nur im Gespräch mit seinem Hospizbegleiter spricht Lohrbären über den Tod – seine Angst und seine Wut.„Der Tod gehört zum Leben dazu. Viele verdrängen diese Tatsache bis zum Schluss“, erzählt Kötz.

Lohrbären weiß inzwischen, dass seine Situation sich nicht mehr verbessern wird. Er muss bald gehen. Die Erkenntnis, dass er im kommenden Sommer vermutlich nicht mehr mit seinen Enkeln im Garten spielen kann, bleibt bitter. Aber er hat keine Angst mehr vor dem Tod und vor dem, was ihn erwartet.

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