Hoch über den Dächern von Gangelt

Von: Laura Beemelmanns
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Eingespieltes Team im Kehrbezirk Gangelt: Bevollmächtigter Bezirksschornsteinfeger Guido Bürschgens (l.), Azubine Nina Farin (Mitte) und Schornsteinfeger-Geselle Patric Daniels (r.). Foto: Laura Beemelmanns
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Name: Guido Bürschgens Alter: 52 Beruf: Bevollmächtigter Bezirksschornsteinfeger Familienstand: verheiratet, eine Tochter, zwei Enkel Hobbys: seine drei Hunde Foto: Laura Beemelmanns

Geilenkirchen. Patric Daniels (27) und Nina Farin (19) springen aus dem weißen Van. Ihr Chef Guido Bürschgens ist eingetroffen. Es ist 11 Uhr, kurze Besprechung, dann geht es los. Daniels nimmt die fünf Meter lange Leiter vom Dach des Wagens und trägt sie zum Haus.

Nina Farin folgt ihm mit Kehrleine, Kehrhaspel und Stoßbesen. Dann läuten sie. „Guten Tag, wir kommen, um den Kamin zu kehren und gehen kurz auf‘s Dach“, sagt Daniels. Die Frau nickt und schließt wortlos die Tür.

Patric Daniels lehnt die Leiter gegen das Dach und klettert in windeseile hinauf. Nina Farin folgt ihm, während Guido Bürschgens die Leiter hält. „Heute ist es ziemlich windig“, sagt er, als allen dreien im gleichen Moment durch eine kräftige Windböhe die Haare ins Gesicht fliegen.

Oben angekommen zückt Nina Farin die Kehrleine. Die drei versammeln sich um den Kamin. Die Kehrleine verschwindet darin, wird von der Azubine wieder hoch gezogen – fertig. So schnell geht das. Nun wieder runter vom Dach. Das war jedenfalls der Plan. Es sollte aber anders kommen.

Guido Bürschgens ist seit 38 Jahren Schornsteinfeger. Im Jahr 1975 hatte er seine Lehre begonnen. 20 Jahre später wurde er vom Bundespräsidenten als Bezirksschornsteinfegermeister bestellt und ist seither selbstständig. Zunächst in Würselen, dann in Hückelhoven und schließlich – da es ihn zurück in die Heimat zog – in Gangelt.


„Wir müssen einen Firstziegel austauschen“, bemerkt Bürschgens. Der hatte beim Drauftreten einen Sprung bekommen. „Das passiert schon mal, wenn es so kalt ist, dann sind sie anfälliger“, erklärt er und geht das schräge Dach schnurstraks Richtung Regenrinne runter als sei es ein Spaziergang. Höhenangst ist in diesem Beruf ohnehin fehl am Platze.

Jetzt die Leiter wieder runterzuklettern, war der Plan – hätte der starke Ostwind nicht die Leiter dazu verführt, sich mit einem lauten Knall gen Boden zu verabschieden. Und nun? Die drei müssen lachen, auch wenn sie auf dem Dach  gefangen sind.

„Irgendwie kommen wir schon runter“, sagt Daniels gelassen. Binnen Sekunden hockt er am unteren Ende des Daches. „Nicht springen, hangel dich runter“, ruft Bürschgens ihm zu. Auch wenn das Bungalowdach nicht sehr hoch ist, ist ein solcher Sprung zu gefährlich.

Eine solche Situation stellt im Alltag der Schornsteinfeger einen absoluten Ausnahmezustand dar. Auch die Dienstzeiten bieten keine Überraschungen: Acht Stunden pro Tag, fünf Tage die Woche, kehren die drei Kamine auf dem Dach oder vom Speicher aus und überprüfen die Abgasanlagen nach dem Bundesimmisionsschutzgesetz in Gangelts Häusern.

Ganz egal, ob es stürmt, regnet oder brütend heiß ist. Dabei tragen sie nach wie vor eine schwarze Hose, schwarze Arbeitsschuhe und den Koller, eine schwarze Jacke mit goldenen Knöpfen. „Früher trugen die Meister einen Zylinder, das macht heute keiner mehr“, sagt Bürschgens.


Die Nachbarin vom Haus gegenüber läuft auf die Straße. Offenbar hat sie das Malheur beobachtet. Sie zieht sich im Lauf eine Jacke an und eilt zu der Leiter, um sie wieder aufzustellen. „Vielen Dank!“, ruft Daniels und klettert runter. Nina Farin und Guido Bürschgens tun es ihm gleich. Patric Daniels verstaut die sperrige Leiter wieder auf dem Van und klingelt erneut.

„Wir müssten dann auch noch in den Keller, um den Dreck wegzukehren.“ „Ich bin aber nicht angezogen“, sagt die Gangelterin, „mein Mann hat nicht gesagt, dass Sie auch rein müssen.“ „Das gehört aber auch dazu“, erwidert Daniels und lächelt. Die Frau schließt die Tür. Warten.Dann dürfen die beiden doch noch eintreten.


In der Zwischenzeit kündigt  Bürschgens den Besuch seiner Kollegen in wenigen Minuten an. Er selbst muss weiter. Heute hatte er seine Auszubildende besucht, um ihr über die Schulter zu schauen. Nina Farin hatte erst im August angefangen und macht ihren Job ziemlich gut.

„Als Bevollmächtigter Bezirksschornsteinfeger muss man auch viel beraten. Wir bieten ja auch Kaminöfen und -holz an, bauen Schornsteine und schauen vor Ort, ob die Vorstellungen der Kunden auch umsetzbar sind“, erklärt Bürschgens, steigt in seinen Geländewagen und fährt zur nächsten Beratung.

In seinem Job sei er immer auch eine Art Hobby-Psychologe. „Man erfährt viele Dinge und begleitet die Kunden über Jahre hinweg“, sagt er. „Ich hätte alle Geschichten aufschreiben sollen, das wäre ein tolles Buch geworden.“ Dabei erinnert er sich an eine irrwitzige Situation.

„Vor vielen Jahren, als ich noch Lehrling war, wollte man mich auch schon mal vom Dach schießen. Damals fegte ich den Kamin auf dem einen Dach, als der Nachbar von unten mit einer Knarre in der Hand rief ,mach, dass du vom Dach kommst, du vertreibst mir alle Tauben!‘ Ich versuchte ihn zu beruhigen, obwohl ich natürlich auch ein wenig Angst hatte“, erzählt Bürschgens.

„Irgendwann ging der Mann, aber ich folgte ihm und sagte, dass ich die Polizei rufen würde. Die Frau des Mannes war außer sich und entschuldigte sich. Irgendwann klärte sich die Situation auf: Der Mann war Taubenzüchter und hatte Jungtauben fliegen lassen. Er sagte, dass diese nicht mehr zurückkämen, wenn sie sich beim ersten Flug erschrecken.“

Heute lacht Bürschgens darüber. Das sei ohnehin nur eine von vielen Anekdoten. Immer wenn ein Brautpaar ihn sieht, wird er um ein Foto gebeten. „Dann stehe ich auch schon mal neben einer Frau im weißen Kleid“, sagt er und blickt auf sein verrußtes Koller herunter.

Dann reibt das Paar daran und schickt ihm anschließend das Foto zu. „Das kommt noch oft vor, dass die Menschen an uns reiben. Und das ist auch schön so. Allerdings zumeist die älteren Generationen – und die ganz Kleinen.“


Wenn er in den Kindergarten geht, dann singen die Kinder ein Schornsteinfegerlied, laufen ganz aufgeregt auf ihn zu, streichen mit ihren Fingerchen über die schwarze Kleidung und hoffen darauf, dass etwas Ruß hängenbleibt.

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