„Hilfe zur Erziehung”: Kosten explodieren

Von: st
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Die Zahl der Fälle, in denen das Amt Hilfe zur Erziehung leisten muss, ist deutlich gestiegen. Foto: Imago/Imagebroker

Geilenkirchen. Die Kosten im Bereich der Hilfen zur Erziehung explodieren gewaltig. Die erheblichen Fallzahlsteigerungen bei den ambulanten Hilfen zur Erziehung und der kostenaufwändigen Heimunterbringung sorgten im Jahr 2010 für Ausgaben in Höhe von 3.923.000 Euro.

Eingeplant waren im Haushalt der Stadt Geilenkirchen lediglich Mittel in Höhe von 2.340.000 Euro. Bevor sich der Jugendhilfeausschuss in seiner nächsten Sitzung am Dienstag, 25. Januar, 18 Uhr, mit der Entwicklung der Fallzahlen und Kosten im Bereich der Hilfen zur Erziehung beschäftigt, legt Wilfried Schulz, Leiter des städtischen Jugend- und Sozialamtes, den Ausschussmitgliedern das Ergebnis einer Analyse vor, die in der kommenden Woche diskutiert wird.

In einem Jahr 22 neue Fälle

Laut dieser Analyse ergibt sich ein erheblicher Teil der zusätzlich zu finanzierenden Hilfefälle aus Zuzügen von Familien, die bereits am bisherigen Wohnort Hilfe zur Erziehung für ihre Kinder erhielten. Dies wiederum resultiere aus einem deutlichen Überangebot an familiengerechtem Wohnraum in Geilenkirchen sowie großräumig geschalteter Werbung der Investoren entsprechender Wohnanlagen.

„Der inzwischen in Geilenkirchen zu verzeichnende erhöhte Anteil von Transferleistungsempfängern an der Gesamtbevölkerung ist auch in der Jugendhilfe bedeutsam, da allgemein etwa 60 Prozent der Empfänger stationärer Hilfen zur Erziehung ALG II-Empfänger sind”, heißt es in der Analyse. Im Zeitraum vom 1. Januar 2009 bis 31. August 2010 habe das Jugendamt durch Zuzüge 22 neue Jugendhilfefälle erhalten, während nur neun Fälle durch Fortzüge eingestellt werden konnten. Die hierdurch entstehenden jährlichen Mehrkosten der Stadt beziffert Wilfried Schulz mit 328.000 Euro. Durch eine zum Teil erheblich verspätete Übergabe der Fälle durch die zuvor zuständigen Jugendämter seien die Fälle häufig erst spät bekannt geworden und seien so in der Haushaltsplanung nicht berücksichtigt worden. „Zudem musste die Stadt für die Zeit vom Umzug der Familien bis zur Fallübergabe Kostenerstattung leisten, wodurch im Jahr 2010 weitere ungeplante Mehrkosten von rund 200.000 Euro entstanden”, hat der Jugendamtsleiter ausgerechnet.

Langwierige Verfahren

In neun Fällen seien Kinder, die extremer körperlicher Gewalt ausgesetzt waren, in teuren Heimen untergebracht worden. Die jährlichen Kosten beziffert Schulz mit 550.000 Euro. In diesen Fällen hat er allerdings Anträge auf Kostenerstattung nach dem Opferentschädigungsgesetz gestellt. „Diese Antragsverfahren sind langwierig, da sie auch vom Verlauf der Strafverfahren abhängig sind”, weiß er.

Der Anstieg der Kosten im Bereich der Hilfen zur Erziehung sei auch einer allgemeinen Entwicklung geschuldet, die derzeit in allen Jugendämtern beobachtet werde: „Durch große Sensibilisierung der Bevölkerung und vor allem der Institutionen wie Schulen und Kindergärten erhalten die Jugendämter erheblich mehr Hinweise auf Kindeswohlgefährdungen und sind häufiger gehalten, Hilfen zu installieren. Schulz versichert, dass die Verwaltung bestrebt sei, einem weiteren überproportionalen Kostenanstieg entgegenzuwirken. Dabei bewegten sich die Mitarbeiter des Jugendamtes im Rahmen gesetzlicher Vorgaben und wissenschaftlicher Empfehlungen und Standards. Eines steht für Schulz fest: Aufgaben im Zusammenhang mit dem Schutz von Kindern bei Kindeswohlgefährdungen sind „nicht Gegenstand von Einsparüberlegungen der Verwaltung”.

Einsparmöglichkeiten bei der Dauer

Einsparmöglichkeiten sehen die Mitarbeiter des Jugendamtes in der Dauer der Hilfe zur Erziehung: „So wird fachlich davon ausgegangen, dass eine sozialpädagogische Familienhilfe nicht geeignet ist, wenn sie nicht spätestens nach eineinhalb Jahren das Ziel erreicht hat.”

Es sei somit zu erwägen, Hilfeleistungen zu beenden, wenn sich abzeichne, dass der verfolgte Zweck nicht erreichbar sei. „Sofern der Erfolg einer angebotenen und eingeleiteten Maßnahme wegen fehlender Mitwirkungsbereitschaft der Familie oder beispielsweise eines älteren Jugendlichen gefährdet ist, erscheint es gegebenenfalls vertretbar, andere Hilfsangebote des staatlichen Systems wie zwangsweise Schulzuführungen und die Jugendgerichtsbarkeit arbeiten zu lassen.” Gleichwohl leiste das Amt bewusst dauerhaft Hilfe zur Erziehung in ambulanter Form für Familien, die nicht selbstständig für ihre Kinder sorgen können, eine Heimunterbringung aber angesichts intakter emotionaler Bindungen nicht in Frage komme.
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