Handwerk als Balsam für die kranke Seele

Von: Udo Stüßer
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Graffiti-Künstler Frank Startz und die Teilnehmer seines Workshops präsentieren ihre Werke. Foto: Markus Bienwald
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Sascha Steffens zeigt stolz seine Spraydosen. Foto: Markus Bienwald
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Darüber freuen sich auch Adelheid Venghaus und ihr Kollege Bernhard Errens. Foto: Markus Bienwald

Geilenkirchen. Sascha Steffens ist mit 42 Jahren Rentner. Der Übach-Palenberger ist psychisch krank, weil er den Tod seiner geliebten Großeltern nicht verkraftet hat. Innerhalb von fünf Jahren sind beide Großmütter- und väter gestorben. Das hat den ehemaligen Kfz-Mechaniker aus der Bahn geworfen. Neuen Halt findet er mit anderen Kranken in der Tagesstruktur für geistig und psychisch kranke Menschen in Niederheid.

Hier, an der Von-Siemens-Straße, hat die ViaNobis GmbH mit Hauptsitz in Gangelt vor acht Jahren ein Verwaltungsgebäude und die Halle eines ehemaligen Fensterbaubetriebes gekauft, um psychisch kranke Menschen in der neu eingerichteten Keramikwerkstatt, in der Holzwerkstatt und im Garten- und Landschaftsbau zu beschäftigen.

Bis zu 30 selbstständig im Kreis Heinsberg lebende Klienten kommen an bis zu fünf Tagen in der Woche pünktlich morgens zur Arbeit, um nach einem gemeinsamen Frühstück je nach Neigung einer Beschäftigung nachzugehen.

„Wir fördern hier das, was die Menschen am besten können, damit sie Erfolgserlebnisse haben“, erklärt Bernhard Errens, als Fachbereichsleiter der tagesstrukturierenden Maßnahmen für 19 Tagesstrukturen der ViaNobis von Aachen bis Krefeld verantwortlich.

Es sind Menschen mit einer Suchtvergangenheit oder mit einer manisch-depressiven Erkrankung, Menschen von 21 Jahren bis hin zum Rentenalter, die durch regelmäßige Beschäftigung, also durch strukturierte Tage, Defizite abbauen wollen. Manche kommen Monate, manche viele Jahre in diese Einrichtung. „Wir wollen die Leute ablenken und verhindern, dass sie in ihre Krankheit zurückfallen. Diese Menschen brauchen Bestätigung und Erfolg“, sagt Errens.

Den Erfolg verspüren sie, wenn sie die Ergebnisse ihres künstlerischen Schaffens in den Händen halten und später sogar auf einem Kunsthandwerkermarkt oder bei einer Ausstellung präsentieren können. So entstehen in der Halle in Niederheid schmucke Vogelhäuschen, farbenfrohe Bilder und schöne Gartendekoration. „Das Ziel ist, die Menschen so zu stabilisieren, dass sie einer geregelten Arbeit nachgehen können“, erklärt Errens.

Sicherlich schaffen nur wenige den Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt, ein Teil der Klienten wird möglicherweise nie mehr einem geregelten Job nachgehen können. Für die meisten ist es ein großer Erfolg, wenn sie in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeiten können. „Diese Menschen haben früher ein geregeltes Leben geführt. Arbeit hat auch etwas mit Ansehen in der Öffentlichkeit zu tun“, sagt Errens.

Wie wichtig das Ansehen in der Öffentlichkeit ist, weiß auch Adelheid Venghaus, Sozialpädagogin und Kunst- und Gestaltungstherapeutin bei ViaNobis. Sie koordiniert und initiiert vor allem Kunstprojekte für die Einrichtungen. „Die Frauen und Männer in der Tagesstruktur haben sich schon lange gewünscht, sich mit Graffiti zu beschäftigen“, sagt die Therapeutin, die diese Bitte mit einem echten Profi erfüllen wollte.

In dem Aachener Künstler Frank Startz, bekannt unter dem Künstlernamen „Frank Wise“, hatte sie schließlich einen Partner für das Projekt gewonnen. Der Maler und Porträtzeichner, Modedesigner und Erschaffer von Skulpturen ist vor allem ein leidenschaftlicher Graffiti-Künstler.

Seit mehr als 15 Jahren hat er Erfahrung in der künstlerischen Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen mit einem Handicap. An drei Tagen erhielten nun acht Teilnehmer des Workshops eine Einführung in diese Kunstform, in Skizzentechnik und Materialkunde, lernten die verschiedenen Sprühköpfe kennen und bekamen ein Gefühl dafür, wie man schnell und großflächig mit der Sprühdose malt. „Die ersten Sprayer wollten früher nur ihre Namen an den Wänden sehen.

Sie sprühten die Name so, wie Hunde gegen eine Wand pinkeln. Doch heute beschäftigen sich auch Kunststudenten mit Graffiti“, sagt Startz. Für ihn aber ist es kein Unterschied, ob er Studenten oder Menschen mit einer Behinderung unterrichtet. „Manche sind richtig verbissen an die Sache rangegangen“, lobt er.

Auch Sascha Steffens hat an dem Workshop teilgenommen. Er hat nun ein neues Hobbys gefunden. „Früher habe ich für meine Modelleisenbahn Landschaften gemalt. Jetzt werde ich mich weiter mit Graffiti beschäftigen.“

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