Häusliche Betreuung: Große Hilfe für pflegende Angehörige

Von: Christina Kolodzey
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Qualifizierte „Gesellschafter“ sollen Hilfe bieten. Unser Bild zeigt die Zertifikatsempfänger Annika Gundert, Brigitte Scheffer-Mahlers, Andrea Größler und Christa Paulus (vorne). Dahinter (v.l.n.r.): Sozialarbeiterin Melanie Jordans, Sandra Barth, Sonja Hermanns, Georg Ingenkamp und Hausleiter Mario Ohnesorg. Letzte Reihe: Geschäftsführer Hanno Frenken und Jutta Lenzen. Dagmar Marzotko und Gerlinde Krausewitz waren verhindert und fehlen auf dem Foto. Zwei weitere Teilnehmer wollten nicht fotografiert und nicht namentlich genannt werden. Foto: Christina Kolodzey

Geilenkirchen. „Wer sind Sie? Gehen Sie weg!“, herrscht die alte Dame ihre Tochter an, die soeben die Pantoffeln ihrer Mutter aus dem Kühlschrank genommen hat. Die demente Seniorin hatte sie dort hineingelegt – und sie erkennt ihre eigene Tochter nicht mehr.

Demenz ist brutal: Nach und nach gehen das Gedächtnis und das Denkvermögen verloren, es gibt Schwierigkeiten bei der örtlichen Orientierung und oft sprunghafte Stimmungsschwankungen von aggressiv bis depressiv. Die Übersetzung aus dem Lateinischen von „Demenz“ bedeutet dementsprechend in etwa „ohne Verstand“.

Nicht nur das Leben der meist Hochbetagten, auch das der Angehörigen wird durch diese Krankheit regelrecht umgestürzt. Die Pflege eines von Demenz Betroffenen stellt in der Familie eine ungeheure Belastung dar. Insgesamt werden etwa zwei Drittel der schätzungsweise 1,2 Millionen dementen Menschen in Deutschland zu Hause betreut.

Bei schwerer Aufgabe helfen

„Was können wir tun, um ihnen bei dieser schweren Aufgabe zu helfen?“, fragten sich die Mitarbeiter der Geilenkirchener Franziskusheim gGmbH Melanie Jordans, Sozialwirtin, und Mario Ohnesorg, Haus- und Sozialdienstleiter. In vielen Gesprächen mit pflegenden Angehörigen haben sie erfahren, dass ein häuslicher Betreuungsdienst, der dazu beitragen kann, die alten Menschen so lange wie möglich in ihren geliebten „vier Wänden“ zu belassen, fehlt. Sie entwickelten deshalb ein neues, schlüssiges Konzept für „Häusliche Betreuung durch Freiwillige“ und stießen bei Geschäftsführer Hanno Frenken sofort auf offene Ohren.

Die freiwilligen Helferinnen und Helfer sollen sich nach einer 30-stündigen Schulung und zwei Tagen Praxis stundenweise um besonders hilfsbedürftige Menschen kümmern, als eine Art „Gesellschafter“ beziehungsweise „Gesellschafterin“.

Beispielsweise können sie sich unterhalten, vorlesen, singen, spazieren gehen, alte Fotoalben ansehen, basteln, malen, einkaufen, beten, kochen, backen, spielen oder einfach gemütlich Kaffee trinken – ganz wie gewünscht. Sie sind dabei vor allem bemüht, auf die zu betreuende Person so weit wie möglich einzugehen und sich in „ihre Welt“ hineinzuversetzen. Übernommen werden jedoch keinerlei Pflege oder hauswirtschaftliche Tätigkeiten.

Während des Seminars lernten die Helfer in einem Erste-Hilfe-Kurs, wie eine korrekte Herzmassage nebst Mund-zu-Mund-Beatmung vorzunehmen ist, wie sie eine Unter- beziehungsweise Überzuckerung erkennen und Abhilfe schaffen können und was bei Schlaganfall, Hitzschlag und Kreislaufproblemen zu tun ist. Weitere Themen waren Umgang, Kommunikation und praktische Beschäftigungsmöglichkeiten mit demenzkranken Menschen. Als Dozentin konnte die auf diesem Gebiet erfahrene Sozialpädagogin und Supervisorin Beate Schroeder, Dozentin am „Amt für Altenarbeit“ in Würselen, gewonnen werden, die den Teilnehmern auch anhand mitgebrachter „Erinnerungkisten“ einen tiefen Einblick in das Gefühlsleben demenzkranker Menschen bot.

Dem Menschen zugewandt

Vor allem Melanie Jordans und Mario Ohnesorg haben den Kandidaten überaus engagiert Vieles beigebracht: Nach einem Einführungsseminar zum Kennenlernen wurde auf die Erwartungen und Wünsche an diesen Kurs eingegangen, und die Teilnehmer mussten erst einmal über sich selbst reflektieren: „Warum bin ich, wie ich bin?“. Sie lernten etwas über „Bannbotschaften“ und „Antreiber“, die ihr Leben bewusst oder unbewusst beeinflusst haben. Nur dann können sie verstehen, warum Menschen in bestimmter Weise agieren oder reagieren.

In Filmen über Demenzkranke wurden ihnen ferner deren Verhaltensweisen nahegebracht, und es wurde besprochen, wie sie in den Familien auftreten sollen: Vor allen Dingen freundlich und dem Menschen zugewandt – ganz im Sinne der christlichen Philosophie des Franziskusheims. Doch auch Konfliktsituationen bei den pflegenden Angehörigen und Betreuten wurden behandelt, ebenso rechtliche Aspekte. Außerdem wurden die sogenannten „Betreuungsmappen“ vorgestellt, in denen beim Antrittsbesuch in den Familien alles Wichtige über die zu betreuende Person festgehalten wird – beispielsweise eine kurze Biografie, Vorlieben und Abneigungen.

Als „Tüpfelchen auf dem i“ ging es noch für zwei Tage zum Hospitieren in eine Einrichtung der Franziskusheim gGmbH.

Jetzt kam der große Tag der Zertifikatsübergabe: Die ersten zwölf Helfer konnten ihr Zertifikat zur „Qualifizierung freiwilliger Betreuerinnen und Betreuer zur Entlastung von pflegenden Angehörigen“ in Empfang nehmen und stehen ab September einsatzbereit in den Startlöchern.

Geschäftsführer Hanno Frenken wünschte sich, dass die Tätigkeit der zukünftigen Helfer positiv zurückstrahlen möge, dann werde es „total klasse für Sie und uns – eine absolute Win-win-Situation. Sie bringen das Heim nach draußen, und ich bin sicher, dass es viele Menschen gibt, die diese Unterstützung dringend brauchen“.

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