Geilenkirchen - „Gott, lass mich die Nacht überleben“: Jörg Böckem liest im Berufskolleg

„Gott, lass mich die Nacht überleben“: Jörg Böckem liest im Berufskolleg

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Geilenkirchen. Zu Beginn seiner Lesung fragte der Autor Jörg Böckem, der als Jugendlicher und junger Erwachsener schwer drogenabhängig war, sein jugendliches Publikum, was aus ihrer Sicht Drogen seien: „Heroin, Alkohol, Nikotin, Kaffee? Wer hat diese Stoffe noch nie konsumiert oder kennt niemanden der diese Stoffe zu sich nimmt?“ Diese provokante Frage machte allen im Publikum deutlich, dass das Thema Drogen jeden betrifft.

Die Klasse GY154 des Wirtschaftsgymnasiums am Berufskolleg Wirtschaft in Geilenkirchen hatte Böckems autobiografischen Roman „Lass mich die Nacht überleben!“ im Deutschunterricht gelesen. Weil der Autor bei Erkelenz aufwuchs und die Jugendlichen viele Bezugspunkte zu ihrem eigenen Leben in der ländlichen Region erkennen konnten, kam schnell die Idee auf, den Buchautor und Journalisten von Magazinen wie Der Spiegel oder Die Zeit persönlich kennenzulernen.

Gleichzeitig wurde am BKW an der Ausgestaltung einer Drogenvereinbarung gemeinsam mit Polizei, Ordnungsamt sowie dem Gesundheitsamt des Kreises Heinsberg gearbeitet. Da lag es nahe, neben dem Roman auch das informierende Aufklärungsbuch „High Sein“ von Jörg Böckem und Dr. Henrik Jungaberle hinzuzunehmen. Böckem arbeitet landesweit im Rahmen der Suchtprävention mit Suchhilfeeinrichtungen und Schulen zusammen.

Der Deutsch-Grundkurs 12 organisierte daraufhin gemeinsam mit Kurslehrerin Beate Jakobs, Sozialarbeiter Christoph Dahlmanns und Schulleiterin Gabriele Kaspers die Lesung des Autors. Die Kosten übernahm der Förderverein.

Am Tag der Lesung begrüßte Schulleiterin Gabriele Kaspers den Gast herzlich und informierte darüber, dass am Ende die Möglichkeit bestehen würde, die Bücher des Autors am Bücherstand der ortsansässigen Buchhandlung Lyne von der Berg zu erwerben. Der Förderverein unterstütze den Kauf des Romans mit vier Euro, um einen Beitrag zur Leseförderung und zur Suchtprävention zu leisten.

Der Autor, der sich in seiner Schulzeit am Cusanus-Gymnasium Erkelenz selbst als Schülersprecher engagiert hatte, freute sich besonders über die Begrüßung des neu gewählten Schülersprechers des BKW, Alban Sherifi (GY154), und der stellvertretenden Schülersprecherin Houda Rafya (GY152).

Böckem präsentierte zuerst das Konzept des Aufklärungsbuches „High sein“ und las hieraus Erfahrungsberichte, die vermitteln, wie individuell sich Drogen bei verschiedenen Personen und Dispositionen auswirken: Drogen können temporär positive Gefühle hervorrufen, jedoch gleichzeitig verhängnisvolle Auswirkungen haben und die eigene Zukunft zerstören. Das Buch enthält neben Erfahrungsberichten wissenschaftliche Texte, aussagekräftige Grafiken und Fotos.

Verzweiflung

Im zweiten Teil der Lesung wurde es dann emotionaler. Die ausgewählten Passagen aus dem autobiografischen Roman „Lass mich die Nacht überleben“ machten den physischen und psychischen Druck und die Verzweiflung deutlich, denen Böckem zum Beispiel ausgesetzt war, als er als Spiegel-Journalist Heroin auf der Verlagstoilette rauchte oder sich in seiner Verzweiflung im Büro „einen Schuss setze“ und das vor den Mitarbeitern verbergen musste. Im Kapitel „Amsterdamned“ erzählt er von der Drogenbeschaffung beim Stammdealer in Amsterdam und der Festnahme durch holländische Polizisten, bei der er auf LSD war und seine Körperkontrolle vollständig verloren hatte.

Er las aus dem Kapitel „Golden Brown“, in dem sein Freund ihm zum ersten Mal eine Heroin-Spritze setzte, und dem darauffolgenden Kapitel „Teenage Kicks“, das auch von seiner ersten Liebe Alice handelt: „Wenn ich sie ansah, war mir, als könnte ich in ihren Augen, ihrem Körper etwas finden, das ich lange schmerzlich vermisst hatte.“ In der Zeit mit Alice hatte Böckem keine Drogen gebraucht und ein erfülltes Leben mit politischem Engagement in der Schülervertretung geführt. Nach der Trennung wandte er sich wieder den Drogen zu. Im Kapitel White Christmas gegen Ende des Romans, Böckem lebte mittlerweile in Hamburg und arbeitet für verschiedene namhafte Magazine, war er nach langjähriger Abstinenz mit 30 Jahren rückfällig geworden.

Bei einem Interview mit Wim Wenders in München versucht er, seinen körperlich desolaten Zustand zu verstecken: „Ich bemühte mich krampfhaft, meine Hände zu verbergen. Da ich seit Monaten in die kleinen Adern auf meinem Handrücken und den Fingern injezierte, die Venen an meinen Armen waren völlig zerstört, sahen meine Hände mittlerweile aus wie Klauen aus einem Horrorfilm – geschwollen, entzündet, zerstochen.“ Etwas später beschreibt der Erzähler: „Obwohl ich seit Jahrzehnten an keine Religion mehr glaubte, klang es wie ein Gebet: „Lieber Gott, lass mich diese Nacht überleben.“

Mit diesem Satz, gleichzeitig – verkürzt – der Titel des Romans, beendete Böckem seine Lesung. Während des fesselnd präsentierten Vortrags herrschte bei den 300 Schülern der Jahrgangsstufen 12 und 13 des Wirtschaftsgymnasiums und der Oberstufe der Höheren Handelsschule Stille.

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