Gesamtschullehrer zu Studienfahrt: „Kein Ranking der Gedenkstätten“

Von: Udo Stüßer
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Geilenkirchen. Post von Uwe Böken, Leiter der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule Geilenkirchen, erhalten in den nächsten Tagen die Geilenkirchener Ratsmitglieder: Böken und sein Kollegium freuen sich über den mit großer Mehrheit im Haupt- und Finanzausschuss gefassten Beschluss, die Studienfahrt nach Auschwitz in diesem Jahr mit 5000 Euro zu fördern.

Die Schule hatte den Antrag an die Stadt gestellt, weil die bisherige Unterstützung durch die Stiftung „Erinnern ermöglichen“ eingestellt wurde. Was Böken aber ärgert, ist die Argumentation derer, die gegen seinen Antrag gestimmt haben. „Muss es denn unbedingt Auschwitz sein? Es gibt auch näher gelegene Gedenkstätten wie Bergen-Belsen“, hatte CDU-Fraktionschef Max Weiler im Hauptausschuss argumentiert.

Die CDU war die einzige Fraktion, die gegen den Antrag gestimmt hat. Allerdings war sie auch laut der beteiligten Projektlehrer die einzige Fraktion, die der Einladung aller Ratsmitglieder zu einem Informationsgespräch über die Auschwitz-Studienfahrt in der Gesamtschule nicht gefolgt ist.

Warum Auschwitz das Ziel der Studienfahrt ist und bleiben soll, will Böken jetzt nochmals allen Stadtverordneten deutlich machen. Denn: „Die Frage von Herrn Weiler bereitet uns Sorge. Wir nehmen 28.000 Euro für solch eine Studienreise in die Hand. Damit müssen wir verantwortungsvoll umgehen. Unser Ziel ist nicht Tourismus, wir betreiben kein Ranking der Gedenkstätten, wir haben pädagogische Ziele“, erklärt Adalbert Wolynski, einer der beteiligten Projektlehrer. Auschwitz sei das Symbol für den Holocaust, keiner der Schüler kenne Bergen-Belsen.

„Nirgendwo kann man die räumliche Dimension der Maschinerie so erfassen. Außerdem wollen wir unseren Nachbarn Polen kennenlernen. Polen ist das Land, das den höchsten Blutzoll zu zahlen hatte“, sagt sein Kollege Daniel Bani-Shoraka. Bei der Studienreise gehe es um Polen in der Besatzungszeit, man besuche das Ghetto und Schindlers Fabrik.

„Wir wollen uns aber auch Polen ansehen, wir kennen unseren Nachbarn kaum, wir kennen nur die Vorurteile“, meint Bani-Shoraka. Adalbert Wolynski kennt Polen ganz anders: „Krakau mit seinen 180.000 Studenten ist das Kulturzentrum schlechthin. Krakau ist eine junge, weltoffene Stadt mit vielen Kulturen.“ Diese Studienfahrt werde nicht nur auf die Geschichte reduziert, sagt auch Lehrer Hans Bruckschen: „Die Schüler sollen einen positiven Eindruck mitnehmen“, meint er.

Damit die Geilenkirchener Gesamtschüler ihre östlichen Nachbarn besser kennenlernen, ist man auch eine Schulpartnerschaft mit dem Gimnazjum Niepolomice eingegangen.

„Dieses pädagogische Gesamtpaket ist nicht durch eine Studienfahrt zu einer anderen Gedenkstätte zu ersetzen. Mich erschüttert der Schnellschuss im Hauptausschuss. Das Projekt ist mehr als der Besuch eines Konzentrationslagers“, betont Böken.

Für alle Bürger offen

Seit dem Jahr 2011 fährt jeweils der neunte Jahrgang der Gesamtschule nach Auschwitz, in diesem Jahr treten 123 Schüler am 29. Juni die fünftägige Reise an. „Bisher haben wir nie einen Förderantrag gestellt, wir kennen doch die Haushaltslage der Stadt Geilenkirchen. Nun aber ist Geilenkirchen aus der Haushaltssicherung raus, und uns bricht die Stiftung weg“, begründet Böken seinen Antrag.

Derweil hat Wolynski einmal nachgerechnet, wie groß die Ersparnis wäre, würden die Schüler ihre Studienreise wirklich nach Bergen-Belsen machen: „Eine fünftägige Fahrt nach Auschwitz kostet mit Fahrt, Unterkunft, Verpflegung und allen Eintrittsgeldern 250 Euro pro Person, nach Bergen-Belsen kostet eine dreitägige Fahrt 220 Euro“, hat er sich erkundigt.

„Allerdings wird dann unser pädagogisches Ziel nicht erreicht“, erklärt Böken. Da es sich bei der Studienreise um eine zusätzliche Belastung für die Eltern handelt, wollen die Verantwortlichen den Elternbeitrag auf 180 Euro festlegen. Deshalb ist die Gesamtschule auf Zuschüsse und Spendengelder angewiesen. Das ganze Jahr über sammeln Schüler und Lehrer bei jeder sich bietenden Gelegenheit und bei schulischen Veranstaltungen Geld für ihr Projekt.

Der Förderverein hat auch ein Spendenkonto eingerichtet (IBAN: DE67312512200000151852, BIC WELADED1ERK). „Unser Ziel aber ist es, dieses Projekt auf solide finanzielle Füße zu stellen“, hofft Böken, der auch die breite Öffentlichkeit einlädt, an solch einer Fahrt teilzunehmen. Interessierte Bürger können ab dem nächsten Jahr gerne zu einem unsubventionierten Preis von rund 250 Euro mitfahren. Auch der Realschule und dem Gymnasium hat Böken ein Angebot unterbreitet.

„Beide Schulen stehen einer Kooperation positiv gegenüber“, hat Bani-Shoraka bereits festgestellt. Und er betont: „Der Stadtrat muss nicht befürchten, dass unser Zuschussantrag bei einer Kooperation in den nächsten Jahren höher ausfällt. Wir würden die 5000 Euro mit den anderen Schulen teilen.“

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