Geilenkirchener Griechin über Heimat und Hilfen

Von: Verena Müller
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Stavroula Kalampoka in ihrem Wohnzimmer, auf dem Tisch ein stilisiertes Olivenbäumchen, das an die Heimat erinnert. Foto: V. Müller

Geilenkirchen-Niederheid. Rosa sind die Handflächen von Stavroula Kalampoka dieser Tage, rosig sind die Aussichten in ihrer Heimat aber immer noch nicht – auch wenn die Euro-Finanzminister bereits für ihr Treffen in der kommenden Woche signalisiert haben, dass sie weitere sieben Milliarden Euro Hilfsgelder für Griechenland freigeben könnten.

„Ein bisschen besser als noch vor einem halben Jahr“ ginge es ihrer Familie in Vólos und den meisten anderen Griechen im Moment, sagt die 42-Jährige. Dieses Wochenende wird in Griechenland Ostern gefeiert, traditionell werden die Eier rot gefärbt. Stavroula Kalampoka hat diese Tradition beibehalten, deshalb die rötlichen Hände.

Sie lebt seit vier Jahren in Geilenkirchen, seit ihr Mann nach Teveren versetzt wurde. Die beiden haben einen siebenjährigen Sohn, der hier eine deutsche Schule besucht. Die Familie Kalampoka lebt gerne in Deutschland, wie lange sie bleiben wird, ist ungewiss. Der Vertrag des Piloten und Ausbilders wird immer nur um ein Jahr verlängert.

Die Entwicklungen in der Heimat verfolgt Stavroula Kalampoka sowohl in griechischen als auch in deutschen Medien. Die Inhalte unterschieden sich kaum, sagt sie, nur die Kommentierung. Sie glaubt, dass die Griechen nur durch strikte Sparmaßnahmen und Steigerung der Exporte einen Weg aus der Krise finden – also durch eigene Anstrengungen. Kein Mensch durchblicke, warum Griechenland schon wieder viele Milliarden bekommen soll und wo die vorherigen geblieben seien. „Ich kann es verstehen, wenn andere Länder das verurteilen“, sagt sie. Ihr wäre es persönlich auch lieber, anderen Ländern nicht auf der Tasche zu liegen. Aber die EU sei immerhin auch eine Solidaritätsgemeinschaft. Es hätte auch jedes andere Land treffen können.

Stavroula Kalampoka hat – wie viele Griechen – mehrere Abschlüsse. Sie ist Nuklearmedizinerin und Biochemikerin. Den ersten Abschluss machte sie mit 21. Die Griechen seien ein sehr fleißiges Volk und würden immer viel arbeiten. Ein bisschen so wie sie also. Im Moment ist sie drei Tage die Woche an der Uniklinik Aachen beschäftigt. An zwei Tagen besucht sie ihren Deutschkurs. Ihr Chef wollte nicht, dass sie den Kurs wegen der Stelle unterbricht, erst nach der Probezeit soll sie fünf Tage die Woche kommen.

Angriffe vonseiten deutscher Kollegen oder Freunde habe sie – stellvertretend für „die Griechen“ – noch nie erlebt. Aber im Sprachkurs seien ihre Landsleute einmal als Diebe und Kriminelle beschimpft worden. Das habe sie hart getroffen. „Die Politiker haben zu lange über ihre Verhältnisse gelebt, aber das normale Volk nicht“, sagt sie.

Doppelte Pensionen, aus dem vorherigen Beruf und als ehemalige Parlamentarier, für die aus ihrer Sicht viel zu vielen Abgeordneten unnötig. Vor allem, wenn sie an die kleine Rente ihrer eigenen Eltern denkt: 400 Euro erhält der 72-jährige Vater, 300 die zwei Jahre jüngere Mutter. Und davon müssen auch Miete und die Medikamente für den Vater gezahlt werden, der kürzlich eine OP hatte. „Sie kommen gerade noch so über die Runden, aber ich weiß nicht, wie es in den nächsten Monaten weitergeht“, sagt die Tochter.

Denn die Rentenzahlungen würden ständig gekürzt, während die Lebenshaltungskosten immer weiter stiegen. Für einen Wochenendeinkauf in ihrem Heimaturlaub zahle die dreiköpfige Familie 30 Euro mehr als in Deutschland, das Benzin sei auch deutlich teurer. „Viele Griechen haben ihre Autos abgemeldet und fahren jetzt mit dem Fahrrad“, sagt Stavroula Kalampoka. Das Gesundheitssystem sei zwar noch intakt, aber man spüre deutlich, dass die Krankenhäuser Personal gekürzt und Medikamente rationalisiert hätten.

Dass die Reform, die kürzlich beschlossen wurde, das Streichen von 15 000 Stellen im öffentlichen Dienst mit sich bringe, findet sie richtig, auch wenn sie weiß, dass die meisten Griechen da ganz anderer Meinung sind. „Wir sind ein kleines Land mit viel zu vielen Beamten“, sagt Stavroula Kalampoka. Früher, als es noch keine Computer gegeben hat, sei die Menge vielleicht noch angemessen gewesen, aber heute längst nicht mehr.

In zehn Jahren, hofft sie, habe Griechenland die Krise vielleicht überwunden. Der Tourismus ziehe jetzt bereits wieder an, der Handel floriere. Aber das Wichtigste: Die Griechen hätten nach wie vor ein Lächeln auf den Lippen, blieben immer optimistisch. „Das liegt sicherlich an der Sonne“, meint die 42-Jährige und setzt selbst ein strahlendes Lächeln auf, wenn sie an ihre Heimat denkt.

„Du kannst dich glücklich schätzen, dass Du in Deutschland lebst“, würden Freunde zu ihr oft am Telefon sagen. Dann habe sie ein schlechtes Gewissen und antworte: „Nein, ihr habt Glück, ihr lebt nämlich in unserem Land.“

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