Geilenkirchener Gesamtschule zu Besuch in Israel

Von: Walter Scheufen
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Noam Hartoch (links) und Uriel
Noam Hartoch (links) und Uriel Rosen mit dem Bild von Anitas Puppe Foto: von Anitas Puppe

Geilenkirchen/Israel. Während des Besuches ihrer Partnerschule in Israel vor wenigen Wochen hatten die 18 Schülerinnen und Schüler sowie die Projektlehrer Gabriele Czech und Walter Scheufen sich mehrfach mit den beiden noch lebenden Vettern ihrer Schulnamensgeberin Anita Lichtenstein getroffen.

Es handelt sich hierbei um den 77-jährigen Uriel Rosen und den 57-jährigen Noam Hartoch. Uriel ist heute Pensionär, er war Oberst in der Armee, Unternehmer und Projektleiter. Noam ist Leiter der Flugsicherung auf dem Airport in Tel Aviv. Vor allem der ältere Uriel konnte uns zahlreiche interessante Fakten erzählen, die für unsere Geschichtsforschung wichtig sind. Bisher wussten wir sehr wenig über die Familiengeschichte Anitas mütterlicherseits - außer, dass sie aus Essen stammte und mit Familienname Hartoch hieß.

Über ihren Vater Sally wissen wir, dass er eine Hühnerfarm an der Martin-Heyden-Straße betrieb und dass seine Vorfahren Pferdehändler in Waldenrath bzw. Straeten waren. Über das weitere Schicksal der Verwandtschaft väterlicherseits, zum Beispiel der Geschwister und deren Familien, ist uns nichts bekannt. Anitas Urgroßeltern hießen Isaak und Therese Schürmann. Sie besaßen eine Möbelfabrik und sie exportierten auch Möbel ins benachbarte Ausland wie Belgien und die Niederlande. Aus dieser Ehe gingen fünf Kinder hervor, vier Jungen und ein Mädchen namens Laura.

Die Jungen arbeiteten alle in der elterlichen Fabrik. Laura heiratete den Kaufmann Karl Hartoch, der die Möbelfiliale in Essen führte. Das Ehepaar bekam sieben Kinder, unter ihnen auch Hanna, Anitas Mutter. Die Geschwister in der Reihenfolge ihrer Geburt waren Margot (1900), Olga (1901), Hanna (1903), Fritz (1904), Alice genannt Lollo (1907), Edith (1909) und Ernst (1911), also fünf Mädchen und zwei Jungen. Die drei ältesten der Geschwister sind alle mit ihren Familien in der Shoa umgekommen, also Margot mit Ehemann Samuel Rosenkranz und Tochter Hannelore, Olga mit Heinz Gelles und den Söhnen Joachim sowie Joshua-Uriel, Hanna mit Mann Sally Lichtenstein und Tochter Anita. Die anderen vier Geschwister sind rechtzeitig in das damalige Palästina ausgewandert: Fritz und Lilo Hartoch mit Aliza, Alice und Jakob Weintraub (kinderlos), Edith und Kurt Rosenberger mit Uriel und Gabriel sowie Ernst Hartoch und Edith-Judith, geb. Bernfeld mit Noam. Die Kinder sind schon alle in Israel geboren worden. Die letzte Tante Anitas, Uriels Mutter, starb 2010 im biblischen Alter von 100 Jahren und sieben Monaten.

Bevor Uriel uns von seinem Zusammentreffen mit Anita und ihrer Familie berichtete, spannte er zuerst einen Bogen über die Geschichte der Rosenbergers, also väterlicherseits. Opa Gustav-Gabriel war Bankdirektor im hessischen Gießen. Der Vater Kurt Rosenberger machte dort Abitur und studierte anschließend Jura und Ökonomie. Der Plan, nach Palästina auszuwandern, war schon zu seiner Studienzeit gereift. Er hing den Ideen der Bewegung „Blau-Weiß” und den zionistischen Träumen Herzels nach. Er wollte Edith nur heiraten, wenn auch sie bereit war, ins Heilige Land zu emigrieren.

In Deutschland haben sie noch 1933 geheiratet, sind im März 1934 emigriert und ihr erstes Kind, Uriel, kam in Israel zur Welt. Mit zwei Koffern und 70 Reichsmark in der Tasche waren sie ins Ungewisse aufgebrochen. Uriel reiste später, wahrscheinlich 1936 oder 1937, mit seiner Mutter nach Deutschland, um die anderen Geschwister Ediths zur Ausreise zu überreden. Bei dieser Gelegenheit sah Uriel Anita zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben für vielleicht drei Stunden. Zum Glück wurden von diesem historischen Moment zumindest drei gelungene Schwarzweiß-Fotos gemacht, die wir jetzt aus Israel mitgebracht haben. Großmutter Laura wollte sich die Situation aber vor Ort selbst anschauen, bevor sie ihre Kinder in ein Abenteuer schickte.

Vier ihrer Kinder folgten dem Ruf, die anderen sind, wie erwähnt, im Holocaust umgekommen. Der gelernte Rechtsanwalt hat in der neuen Heimat nie - bis auf eine Episode - in seinem Beruf gearbeitet, denn hier galt noch osmanisches bzw. englisches Recht. Er malochte zuerst als Hafenarbeiter in Tel Aviv, wo seine Frau, die Abitur und eine kaufmännische Ausbildung absolviert hatte, aber eigentlich Klavierlehrerin werden wollte, in einer Arbeiterkneipe servierte. In Essen hatten die Hartochs in einem dreistöckigen Haus mit zwei Klavieren gewohnt.

Anstatt am Konservatorium zu studieren, musste sie hier hart von ihrer Hände Arbeit leben. Nachdem die beiden Fuß gefasst hatten, begann Kurt Dekorationsgegenstände zur Schaufenstergestaltung von Textilgeschäften wie Kleiderständer und Schaufensterpuppen zu produzieren. Er verkaufte seine Produkte auch in die benachbarten Länder wie Ägypten, Libanon, Syrien und Jordanien. Er war der einzige Hersteller derartiger Artikel in Israel. Nach dem Krieg berief ihn Felix Schneebalk, ehemaliger Studienkollege aus Gießen, in die Führung der israelischen Delegation, die zwei Staatsverträge mit der damaligen Adenauer-Regierung zur Entschädigung der Juden und zur Unterstützung des jungen Staates Israel aushandelte.

Im Zuge dieser Verhandlungen weilte er zwischen 1951 und1953 zehnmal in Deutschland. Als Kenner des deutschen Rechtes und natürlich der Sprache oblag ihm die juristische Prüfung der Ergebnisse. Kurt Rosenberger starb 1964 im Alter von nur 57 Jahren. Seine Frau, Anitas Tante Edith, überlebte ihn um 46 Jahre.

Nach dem hebräischen Kalender sind beide am selben Tag des selben Monats gestorben. Edith war noch eine rüstige Frau, als ihr Mann starb. Sie lernte später den Witwer Gideon Löwe kennen. Er war pensionierter Elektroingenieur, der bei der israelischen Kraftwerksgesellschaft gearbeitet hatte. Gideons Vater, der aus Berlin stammte, war Gründer der ersten hebräischen Bibliothek an der Universität von Jerusalem. In seiner Berliner Zeit war er Freund und Kommilitone des Nobelpreisträgers Albert Einstein.

Uriels Tante Margarethe, eine Schwester seines Vaters, wurde Professorin für Archäologie. Sie heiratete einen Archäologie-Professor, sie gingen nach Argentinien. Beide waren Karrieremenschen, so Uriel, und hatten auch keine Kinder. Sie waren federführend an der Planung und auch Durchführung der Ausgrabungen von Pompeji beteiligt. Hanna Lichtensteins Schwester Alice (genannt Lollo) war mit einem Mann namens Jakob Weintraub verheiratet. Auch sie waren vor dem Krieg (1938) nach Palästina ausgewandert. Sie war als Geschäftsfrau Einkäuferin für Herren- und Damenmode, später als Geschäftsführerin in der Modebranche tätig. Er begann als Busfahrer, bevor er später selbstständig eine Autoreparaturwerkstatt betrieb.

Das Paar hatte keine Kinder. Bruder Fritz Hartoch heiratete eine Frau namens Lilo. Sie hatten eine Tochter Alisa Kerry, die nach ihrer Scheidung 1984 in die USA ausgewandert ist. Uriel und Noam haben keinen Kontakt zu ihr. Wenn sie noch lebt, hätte Anita auch noch eine Cousine. Bliebe noch der jüngste Bruder Ernst Hartoch übrig. Ernst war vor dem Krieg nach Dänemark gegangen und hatte dort Landwirtschaft studiert. 1939 gelangte er nach Palästina, wo er seine spätere Frau Judith kennenlernte, die er 1948 heiratete. Auch Ernst war ein begnadeter Musiker. Er spielte Waldhorn in der Militärkapelle, später in der israelischen Staatsoper und bei den israelischen Philharmonikern. Das Ehepaar hatte einen Sohn: Noam, den wir ja auch in Israel kennenlernen durften. Noam wurde 1954 in Tel Aviv geboren, er besuchte das Gymnasium, und seine Interessen waren schon immer mit der Fliegerei verbunden.

Als Leiter der Flugsicherungsbehörde/Flugbetrieb hat er seinen Arbeitsplatz auf dem Airport Ben Gurion in Tel Aviv. Er ist Autor von Artikeln in Fachzeitschriften über die Fliegerei und hat zwei Bücher dazu veröffentlicht. Zur Zeit macht er seinen Doktor am Kings College in London zur Geschichte der Luftwaffe. Noam ist verheiratet mit Hanna. Ihr Sohn Roy (10) ist ein guter Schüler und begeisterter Klavierspieler. Noam freut sich schon darauf, in Geilenkirchen die Awacs-Flugzeuge zu sehen.

Nun zu Vetter Uriel, der uns im Interview Rede und Antwort gestanden hat: Uriel Rosen (77) ist seit 1956 mit Ilana verheiratet. Die beiden haben zwei Kinder: Tochter Norit (51) und Sohn Gilad (48) sowie drei Enkelkinder. Frau Ilana (75) hat polnische Wurzeln und war als Lehrerin, Sozialarbeiterin/psychologische Beraterin in der Verwaltung und der Familienberatung tätig. Auch war sie Leiterin einer Bibliothek in einem Kinderdorf. Uriel besuchte acht Jahre die Volksschule, dann zwei Jahre ein Gymnasium. Dann absolvierte er eine Ausbildung in Optik und Feinmechanik. Währenddessen besuchte er drei Jahre lang eine Abendschule, machte Abitur und studierte Werkstoffkunde/Metallurgie. Mit seinem Kollegen Heinz Meierstein gründete er 1953 eine Firma im Bereich feinmechanische Elektro-Optik, die medizinische Geräte herstellte und wartete.

Während der dreijährigen Militärdienstzeit führte der Kollege die Firma, bis Uriel 1956 aus dem Dienst ausschied. Er ging für zehn Jahre zurück in den Betrieb, häufig unterbrochen durch Reserveübungen, denn er war schon 1957 im Sinai-Krieg Oberleutnant geworden. In diese Zeit fielen auch seine Heirat sowie die Geburten der Kinder. Ende 1966 überredete General Israel Tall ihn, für weitere vier bis fünf Jahre zur Armee zu kommen. Aus den vier Jahren wurden 16.

Er nahm an fünf Kriegen teil. Er wurde Hauptmann und Kompaniechef, später Batallionskommandeur, Brigadekommandeur, stellvertretender Divisionskommandeur einer Panzerdivision, schließlich Chief of Training Department in einer Training Division. Zuletzt war er Full Colonel als Stabschef eines Armoured Corps. 1980 besuchte er für ein Jahr das National Security College, dann drei Jahre die Open University in Tel Aviv, wo er die Fächer Statistik, Ökonomie und Industriedesign belegte.

Bis zu seiner Pensionierung war er Projektmanager für Sicherheits- und Kommunikationstechnologie, unter anderem mitverantwortlich für die Einführung des Kabelfernsehens in Israel.

Uriel freut sich auf einen Besuch der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule in Geilenkirchen und darauf, dass seine Cousine trotz Shoa posthum zu einer so bekannten Persönlichkeit werden konnte.
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