Geilenkirchen, eine Stadt ohne Bäume

Von: Markus Bienwald und Annika Wunsch
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Forstwirt Wolfgang Davids, Grünen-Vorstandssprecher Jürgen Benden und Oliver Krischer MdB (v.l.) vor der großen Kastanie auf dem Geilenkirchener Marktplatz. Foto: Markus Bienwald

Geilenkirchen. Wäre Harry, der Zeichentrick-Baum aus dem Imagevideo der Grünen zu ihrem 35. Parteigeburtstag, ein Geilenkirchener, wäre er als Baum wohl ziemlich einsam. Zu diesem Schluss kam jeder, der die Ausführungen von Jürgen Benden, Vorstandssprecher der Geilenkirchener Grünen, beim jüngsten Stadtgespräch im Hotel Jabusch hörte.

„Geilenkirchen ist eine der waldärmsten Gegenden deutschlandweit“, sagte Benden. Der Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Oliver Krischer, und Forstwirt Wolfgang Davids betonten den geringen Waldanteil in Geilenkirchen, der weit unter dem Bundesdurchschnitt von über 30 Prozent liegt, und wiesen auf 20 Bäume in der Innenstadt hin, die vor kurzer Zeit gefällt wurden.

Die Gründe dafür sind vielschichtig, wie Benden, Davids und Krischer erläuterten. „Über 70 Bäume sollten vor einiger Zeit am Bahnhof fallen“, sagte Benden. Doch nicht zuletzt aufgrund einer grünen Initiative sei dies verhindert worden. Früher habe es mehr Baumschutzaktionen gegeben, doch „in den letzten Jahren ist die Aufmerksamkeit wieder verloren gegangen“, bemängelte Krischer. „Bäume sind ein Stück Lebensqualität, weil sie einen Lebensraum für Vögel und andere Pflanzen und Tiere bieten.“

Gesetze nur auf Papier

Krischer zeichnete ein Bild von Städten, in denen keine Spatzen mehr leben, weil sie weder das nötige Futter, noch Nistplätze finden. Er fordert mehr Handeln von der Politik. Gute Gesetze gebe es schon, aber sie müssten auch ausgeführt werden und „nicht nur auf dem Papier“ stehen. Einen anderen Grund für das Verschwinden des früher prägenden Baumbestandes im Stadtbild machte Wolfgang Davids aus.

„Es sind die so genannten Anfahrschäden an Bäumen“, sagte er. Dabei seien aber nicht Schäden durch Fahrzeuge gemeint, die in Kniehöhe für Schäden in der Rinde sorgen, sondern vielmehr Beschädigungen, die bei der Pflege des sogenannten „Straßenbegleitgrüns“ durch mehr oder weniger schweres Werkzeug entstehen. „Ich finde es enttäuschen, dass so etwas meist von den Pflegenden selbst verursacht wird“, sagte Davids. Hinterher müssten die Bäume dann tatsächlich gefällt werden.

Wichtig sei auch: Gefällte Bäume sollten wieder ersetzt werden. In diesem Zusammenhang lobte Krischer das Vorgehen beim Gut Muthagen, wo an Stelle von gefällten Bäumen neue Linden gepflanzt werden. Jedoch seien dies nur Ausnahmen. Meistens würden Bäume nur still und heimlich verschwinden und nichts Neues hinzukommen, bemerkte ein Besucher der Veranstaltung. „Genauso wie Häuser und Straßen gehören Bäume zu einer Stadt“, sagte Krischer.

Damit sprach er vielen Anwesenden aus dem Herzen, die mehrfach über fehlendes Grün in den Neubausiedlungen klagten und sich für die Zukunft wünschten, dass die Stadt verantwortungsbewusster mit Bäumen umgeht und neue Grünanlagen errichtet.

Ein weiteres Problem machte Davids, Ideengeber für den Baum-Abend der Grünen, in zu langen Pflegeintervallen aus. Zu wenig Pflege sorge dafür, dass die Bäume keine kräftigen und widerstandsfähigen großen Stämme ausbilden, sondern eher mehrästige Kronen, die leichter brechen und faulen können. Es schlechtes Beispiel hatte er auch parat: die Kastanie an der Janusz-Korczak-Schule in Hünshoven.

Zudem empfahl der Baumspezialist, passende Bäume anzupflanzen, die langlebiger seien und auch in die Landschaft passten. So seien Fichten auf dem hiesigen Boden falsch aufgehoben, brauchen sie doch rund 1250 Liter Niederschlag im Jahr, während das Jahresmittel in der Gegend bei 700 Litern liege. In der Diskussion mit den rund 40 Anwesenden zeigte sich auch, dass moderne Stadtplanung einen wichtigen Beitrag zu einem baumreicheren Lebensumfeld beitragen könnte.

So plädierte Dr. Stefan Evertz für „zivilen Ungehorsam“, in dem er die Menschen aufforderte, „einfach mal einen Baum oder eine Hecke zu pflanzen“. Johann Graf sah eine fortschreitende „Versteinerung der Vorgärten“, was sicherlich auch auf Pflegeleichtigkeit zurückzuführen sei und Uwe Eggert warf ein, dass ein Bürgerwald auch eine Idee sein könnte, um die Baumarmut in Geilenkirchen zu bekämpfen.

Was Harry, wäre er ein Geilenkirchener Baum, aber noch trösten könnte, war ein abschließender Satz von Wolfgang Davids. „Die Stadt Übach-Palenberg hat den schlimmsten Baumbestand Europas“, sagte er. Dort würde „auf Teufel komm raus“ geschnitten. So gesehen dürfte sich Harry in Geilenkirchen ja noch fast wohl fühlen.

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